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Reportage

Der Töffliflüsterer

Bereits totgesagt, erlebt das Töffli seit einigen Jahren ein Comeback. Das ist nicht zuletzt begnadeten Schraubern wie Maurus Sigg zu verdanken. Der Individualist baut Mofas für Individualisten.

FOTOS
Christoph Kaminski
03. März 2020

Nur echt mit Fuchsschwanz am Lenker: Maurus Sigg auf seinem ersten Töffli, einem Alpa Chopper aus Schweizer Herstellung.

Freiheitsliebend und vielleicht ein klein wenig eigensinnig war Maurus Sigg schon immer. Wie lässt es sich sonst erklären, dass der junge Mann schon bald nach seiner Lehre als Polymechaniker in die Welt zog und sein Geld auf die harte Tour als Mechaniker in Ölraffinerien verdiente? «Das gab mir Gelegenheit, bei den Einsätzen jeweils gutes Geld zu verdienen, um dann in der Schweiz wieder ein paar Monate das Leben geniessen zu können», erklärt der heute 37-Jährige. «Aber nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York war es für ausländische Arbeiter in der Ölindustrie nicht immer ganz einfach – und vor allem nicht ungefährlich.»

«Wer den Schnellsten hatte, hatte auch die tollsten Ladies hinten auf dem Gepäckträger.»

 

Und prompt hat das Schicksal bei Sigg, wie ihn alle nennen, zugeschlagen. Und wie! Allerdings nicht im Nahen Osten, sondern in den heimischen Gefilden, wie er zerknirscht gesteht: «Vor knapp zehn Jahren musste ich meinen Führerschein für ein Jahr abgeben!» Für einen, in dessen Adern Benzin fliesst, war das der Super-GAU. Doch zum Glück stand da im Elternhaus noch sein altes Töffli, ein Alpa Chopper, Schweizer Fabrikat, damals vom jungen Sigg auf die Optik einer zu heiss gewaschenen Harley getrimmt. «Da habe ich beim Stras- senverkehrsamt eben nachgefragt, wie es in solchen Situationen mit dem Töfflifahren aussieht», erzählt er. Und siehe da, nach einer kleinen Wartezeit, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, wurde ihm das Töffli zugestanden. «Also habe ich das Ding kurzerhand hergerichtet und bin losgefahren.» Was wohl einer Art Initialzündung gleichkam: «Das ganze Freiheitsgefühl meiner Jugend war sofort wieder da.» Und damit der unwiderstehliche Drang, dem Töffli Beine zu machen, sprich es zu frisieren. Schliesslich kann Sigg sich nur zu gut erinnern: «Wer den Schnellsten hatte, hatte auch die tollsten Ladies hinten auf dem Gepäckträger.» Mehr noch: «Damals dachte ich ja, der läuft hundert. Aber realistisch waren es wohl eher sechzig.» Also musste er noch ein wenig nachlegen, denn das Alter fordert bekanntlich seinen Tribut, wie er lachend erklärt: «105 Kilo wollen auch erst einmal anständig beschleunigt werden. Und wenn ich bergauf ‹mittrampen› will, kann ich ja gleich aufs Velo steigen».

Wenn der Meister an einem Töffli Hand anlegt, entsteht in der Regel ein Bijou, das einer edlen Harley-Davidson kaum nachsteht.

Es gibt tausend Details zu entdecken, sei es an den Töfflis oder auch an der Bar mit den Hockern aus alten Vespas.

Ganz abgesehen davon bietet so ein Töffli nicht nur reichlich Potenzial zum Frisieren, sondern auch zu allgemeinen technischen Verbesserungen, vor allem aber zur Verschönerung. Wer sagt denn, dass ein toller Umbau immer auf einer Harley aufbauen muss, wo es doch Puch, Sachs und Unzähliges mehr gibt?

Veredelte Mofas

So gab eines das andere. Aus einem Töffli wurden zwei, dann drei, und plötzlich standen die ersten Freunde und Kunden vor der Türe und wollten auch so ein Töffli, oder mehr noch: Ihr altes auf Vordermann bringen lassen. Dass Sigg ein begnadeter Mechaniker und Metallbearbeitungskünstler ist, sprach sich schnell herum. Seine umgebauten Töfflis wurden immer extremer und haben kaum mehr etwas mit dem Ausgangsprodukt zu tun. Bis zu 200 Stunden Arbeit stecken dann in einem solchen Prachtstück, das danach durchaus den Gegenwert einer kleinen Harley-Davidson erreichen kann. Trotzdem, reich wird er damit nicht, wie er erklärt: «Bei solchen Extremumbauten kann ich den tatsächlichen Aufwand nie und nimmer verrechnen. Unterm Strich bleibt das ein Hobby, das zum Leben reicht.»

Bei Maurus Sigg wird das Auge nie satt.

Das heisst aber nicht, dass Sigg sich nicht ein kleines Töffli-Imperium aufgebaut hat. In seiner Halle im zürcherischen Kollbrunn hat er ein kleines Museum eingerichtet und veranstaltet dort auch regelmässig Events, wie etwa Konzerte oder Filmabende. Interessierte können den Raum auch für Firmenfeiern oder Partys buchen. Dass Sigg dem Lebensstil der 40er- und 50er-Jahre huldigt, zeigt sich in der Einrichtung seines Reiches: Vom Flipperkasten bis hin zum Filmprojektor – alles hat seine Jahrzehnte auf dem Buckel. Und alles funktioniert dank seinem Schraubertalent wie am ersten Tag. «Früher war alles verschraubt und für die Ewigkeit gebaut. Alles konnte repariert werden. Das entspricht mehr meiner Lebensphilosophie als die heutige Wegwerfgesellschaft», sagt er.

«Irgendwie war damals eben mehr Leidenschaft dahinter.»

 

«Irgendwie war damals eben mehr Leidenschaft dahinter. Die haben ja mit viel einfacheren Maschinen als heute deutlich schönere Dinge gebaut.» Deshalb achtet er auch bei den wildesten Umbauten darauf, «dass ich immer gewisse Elemente vom Original beibehalte». Für diese Leidenschaft steht er dann gerne einmal fünfzehn Stunden am Tag in der Werkstatt. Die Gefahr, dass ihm dabei die Ideen ausgehen, fürchtet er nicht. Ganz im Gegenteil sogar, Sigg ist ein Quell von spektakulären Einfällen. Das nächste Projekt soll ein Restaurant sein. Und zwar im ehemaligen Maggi-Areal in Kemptthal ZH. Aber natürlich nicht irgendein Restaurant, das würde seiner Fantasie und Leidenschaft nie und nimmer genügen. Ein spannendes Erlebnislokal soll es werden: «Mit vielen Events, Unterhaltung und noch mehr Edelschrott.» 

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