X

Beliebte Themen

Titelgeschichte

Die flüsternden Pferde

Tiere können mehr als uns Arbeit abzunehmen oder Gesellschaft zu leisten. Pferde zum Beispiel besitzen die Gabe, geistige und körperliche Krankheiten zu lindern. Ein Besuch im Hippotherapie-Zentrum in Binningen BL.

TEXT
FOTOS
Kostas Maros
09. März 2020

«Wir sind Freunde fürs Leben», sagt Finnja, die richtig aufblüht, wenn sie mit Isländer-Hengst Ragnar Zeit verbringen darf.

Kurz und bündig

  • Die Hippotherapie wurde 1966 in Basel erfunden.
  • Der Puls des Menschen passt sich automatisch dem tieferen Puls des Pferdes an, was beruhigend wirkt.
  • Die Berührung des Pferdes sorgt für eine erhöhte Endorphin-Produktion.
  • Beim Reiten wird der Mensch gleich intensiv bewegt, wie wenn er selbst laufen würde.

Und plötzlich gibts ein Küsschen für die Reittherapeutin. «Fluga ist noch wie ein Baby, verspielt und neugierig», sagt Leila Schneider (40) lachend zur spontanen Liebesbezeugung der 11-jährigen Isländer-Stute. Fluga ist einer von sieben Isländern und total zehn Pferden in der Stiftung Hippotherapie-Zentrum. Ihr Auftrag: Menschen heilen helfen.

Besitzt in Hollywood der Pferdeflüsterer die übersinnlichen Fähigkeiten, sind es in der Realität eher die Pferde, die flüstern. Sie sind wahre Wunderwesen, wenn es um das menschliche Wohlbefinden geht. Allein ihre Präsenz wirkt: Der Puls des Menschen passt sich automatisch dem tieferen Herzschlag des Pferdes an. Das beruhigt, ohne dass man das Tier überhaupt berühren muss. «Das hilft bei allen Arten von psychischen Erkrankungen», sagt Leila Schneider. Sie ist Psychologin, was die Voraussetzung für die zweijährige Ausbildung zur Reittherapeutin darstellt. «Die Reittherapie wird im besten Fall als Begleittherapie zu einer ordentlichen Psychotherapie durchgeführt», erklärt die Oberaargauerin. Dreimal pro Woche fährt sie dafür von Langenthal BE nach Binningen BL.

Eine Umarmung für den «Professor»

Im Hippotherapie-Zentrum wartet Ragnar, genannt «Der Professor», auf seinen Einsatz. Der dunkelbraune Wallach kümmert sich an diesem Nachmittag um die 17-jährige Finnja*. Die junge Frau arbeitet an ihrer emotionalen Reife und liebt Pferde. «Ich reite schon mein Leben lang», erzählt die lebhafte Teenagerin, während sie Ragnar zum Putzplatz führt, wo sie den Isländer bürstet, striegelt und sattelt. Damit hat sie etwas mit Leila Schneider gemeinsam, die von sich sagt, sie habe als kleines Kind fast früher Reiten gelernt als Gehen.

Der 19-jährige Ragnar ist ein gemütlicher Zeitgenosse. Um ihn zum Galopp zu bewegen, muss sich Finnja ziemlich anstrengen. Das ist auch der Sinn der Therapie, denn das ist nicht einfach eine Reitstunde. Deshalb sind etwas eigensinnigere Pferde eigentlich besser geeignet für das Therapeutische Reiten als die geduldigen Isländer: Die Klienten müssen lernen, das Kommando zu übernehmen, das Tier zu motivieren, um ihre Ziele zu erreichen. So, wie es Finnja schliesslich gelingt. «Wir sind Freunde fürs Leben», sagt sie und belohnt Ragnar am Ende mit einer liebevollen Umarmung.

Eine Rampe ermöglicht es Markus, ohne Hilfe auf Goggur aufzusteigen.

Leila Schneider führt Markus und Goggur aus.

Bekannter als das Therapeutische Reiten, das Leila Schneider durchführt, ist die «Hippotherapie-K». Das «K» steht für die Erfinderin Ursula Künzle. Im Jahr 1966 hatte die junge Physiotherapeutin an der Neurologie in Basel eine revolutionäre Idee: Sie setzte die Bewegungen, die der Pferderücken beim Reiter auslöst, erstmals gezielt in der Behandlung von zentralen Bewegungsstörungen ein. Die Wirkung erklärt

Professor Ludwig Kappos (66), Leiter der Neurologie am Universitätsspital Basel: «Bei Menschen, die aufgrund einer Nervenschädigung in den normalen Bewegungsabläufen beeinträchtigt sind, können sich die Reflexe und automatischen Abläufe durch das Reiten langsam wieder in Richtung Normalität entwickeln.» Das Haupteinsatzgebiet seien Fälle von Multipler Sklerose, aber auch bei anderen zentral bedingten Lähmungen könne sie Linderung bewirken.

«Das Pferd zeigt ihm, wie seine Rolle im Leben ist.»

Leila Schneider, Reittherapeutin

Als Professor Kappos 1990 in Nachfolge von Professor Rudolf Wüthrich, dem Mentor von Ursula Künzle und Förderer der Hippotherapie-K, die Leitung der Neurologischen Poliklinik übernahm, trat er auch in den Beirat der 1979 gegründeten Stiftung «Hippotherapie-Zentrum Binningen» ein. «Damals war die Hippotherapie international noch fast unbekannt», erklärt Kappos, der die Wirkung dieser Therapie bei seinen Patienten in Basel schätzen lernte. Inzwischen gibt es zahlreiche andere Zentren in der Schweiz und in anderen Ländern.

Die ansteckende Bewegung des Pferdes

Von den Bewegungen des Pferdes profitiert auch der körperlich und geistig beeinträchtigte Markus (50). Nach einem stärkenden Kaffee putzt er den 16-jährigen Isländer-Hengst Goggur und rüstet sich für einen Ausritt. «Beim Reiten bewegt das Pferd den Menschen gleich intensiv, wie wenn er selbst laufen würde», sagt Leila Schneider, die Goggur mit Markus auf dem Rücken an den Zügeln durchs Quartier führt. Doch nicht nur die Bewegung tut Markus gut. Die Berührung mit dem Tier sorgt für eine erhöhte Produktion der Endorphine, der Glückshormone. «Beruhigung und Stimmungsaufhellung stellen sich schon bei der ersten Therapie ein», erklärt Psychologin Schneider. «Für eine anhaltende Wirkung muss die Therapie aber mindestens alle zwei Wochen wiederholt werden.» Markus sieht man trotz seiner eingeschränkten Mimik an, wie sehr er die Stunde mit Goggur geniesst.

Beim Führen von Fluga fehlt Link noch etwas die Sicherheit. 

Da geht das Füttern um einiges leichter.

Die Heilkräfte der Pferde wirken also sowohl körperlich als auch seelisch. Dennoch ist die Anerkennung durch die Krankenkasse komplett unterschiedlich. Während die Hippotherapie-K als Physiotherapie vom Hausarzt verschrieben werden kann, kämpft das Therapeutische Reiten noch um Anerkennung. «Bei manchen Kassen ist ein Teil der Therapie durch die Zusatzversicherung abgedeckt, aber leider noch lange nicht bei allen», sagt Leila Schneider. Ansonsten bleibt den Betroffenen nicht viel anderes übrig, als die Kosten von 100 bis 140 Franken pro Therapiestunde aus der eigenen Tasche zu bezahlen.

Schliesslich kommt auch die lebhafte Fluga zum Einsatz. Ihr Klient an diesem Nachmittag ist Link*. Der elfjährige Junge tut sich schwer damit, Anweisungen zu befolgen. Doch das fällt nicht auf – im Gegensatz zu seinem mangelnden Selbstbewusstsein: Link hat gehörigen Respekt vor Fluga, obwohl er schon zum vierten Mal in der Reittherapie ist. Er wirkt schüchtern, spricht so leise, dass seine Therapeutin ihn fast nicht versteht. Sein Auftrag: Er soll einen Parcours für Fluga aufstellen und die Stute danach hindurchführen. Doch er hat Mühe, das Kommando zu übernehmen. «Sehen Sie, wie Link beim Führen durch den Parcours immer wieder von Fluga abgedrängt wird? Das Pferd zeigt ihm, wie seine Rolle im Leben ist», erklärt Leila Schneider. «Je mehr er sich gegenüber dem Pferd durchsetzen kann, umso besser gelingt ihm das auch im Leben.»

Ohne natürliche Instinkte kein Therapiepferd

In Flugas Sattel arbeitet Link an seiner Angst, reitet freihändig und sitzt verkehrt herum. «Spürst du die Bewegung? Ein gutes Gefühl, oder?», fragt Leila Schneider. Ihr Ziel: Link soll seine Angst lokalisieren und dadurch verändern. Der Junge strahlt: «Schnell mag ich es am liebsten.» An- schliessend belohnt er Fluga mit einer Schüssel Futter für ihren Einsatz. Zögerlich, aber gut gelaunt. Nicht jedes Pferd ist als Therapiepferd geeignet. Es muss ruhig, freundlich und zuverlässig sein und ein bestimmtes Mass an Lernfähigkeit besitzen. Zudem sollte seine Widerristhöhe (Rücken) 1,60 Meter nicht übersteigen. Durch eine spezifische Ausbildung von bis zu zwei Jahren wird es zum Therapiepferd, dessen Wohl durch den Schweizer Tierschutzverein und von der Vereinigung Pferdegestützte Therapie Schweiz regelmässig geprüft wird. Das Hippotherapie-Zentrum ist einer von 52 zertifizierten Betrieben – Tendenz steigend.

Fluga tollt inzwischen wieder mit ihren Artgenossen im Freilaufstall herum, was für ihr Wohl sehr wichtig ist. Denn entscheidend für Therapiepferde ist die artgerechte Haltung mit Auslauf und in einer Herde. Einerseits müssen die Pferde die Spannungen, die sie von den Klienten übernehmen, durch Bewegung wieder loswerden. Andererseits können sie ihren therapeutischen Auftrag nur erfüllen, wenn sie sich ihre angeborenen Instinkte und das Herdenverhalten bewahren. 

«Tiertherapien werden in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen»

Das sagt der Chefarzt

Prof. Stefan Engelter (56)

Prof. Stefan Engelter (56), Chefarzt Rehabilitation Universitäre Altersmedizin Felix Platter

Die Digitalisierung unserer Gesellschaft raubt uns unsere Wurzeln. Je mehr wir uns mit Bildschirmen, Tastaturen und Touchscreens beschäftigen, desto mehr wächst unser Bedürfnis nach Natur, nach Lebendigem. Wir erden uns mit einem Waldspaziergang oder durch das Streicheln unserer Haustiere. Und genau auf Letzteres setzt auch immer mehr die Medizin. «Tiertherapien werden in Zukunft noch an Bedeutung gewinnen, davon bin ich überzeugt», sagt Professor Stefan Engelter.

Der Neurologe setzt am Felix-Platter- Spital in Basel auf die Hundetherapie. Patienten mit schweren Demenzen, die schwer zu erreichen sind, reagieren sehr positiv darauf. Die Wirkung der Hunde auf die Patienten wirkt auf unterschiedliche Weise. Einerseits über den direkten körperlichen Kontakt, andererseits übertrage sich das ausgleichende Wesen der Therapiehunde auf die Patienten, erklärt der Arzt. Mindestens ebenso wichtig sei aber die Ablenkung: «Anstelle über Krankheitsthemen zu reden, wird der Hund zu einem Thema und dieses ist häufig emotional positiv besetzt.» Viele ältere Menschen verbinden mit Hunden positive Erinnerungen.

Emotionen statt Medikamente

An der Rehab Basel, der Klinik für Neurorehabilitation und Paraplegiologie, werden neben Hunden und Pferden auch Esel, Schafe, Ziegen, Kaninchen, Meerschweinchen und Hühner eingesetzt. Der grosse Vorteil der Tiertherapie liege im emotionalen Zugang zu den Patienten, meint Professor Stefan Engelter. «Zudem ist die Sprachkompetenz nicht zwingend.»

Die positiven Emotionen bestehen auch bei der Behandlung verhaltensauffälliger und autistischer Kinder mit Delfinen. Die Therapie mit den Meeressäugern ist allerdings sehr umstritten, da einerseits die artgrechte Haltung der Delfine schwierig und andererseits die Wirkung nicht wissenschaftlich nachgewiesen ist. Die Eltern von Kindern im Alter zwischen fünf und zehn Jahren beobachteten jedoch deutliche Fortschritte im sozialemotionalen und im kommunikativen Verhalten nach dem therapeutischen Schwimmen mit Delfinen.

Relativ neu ist die Lamatherapie. Die Paarhufer sind zu Unrecht als «Spucker» verschrien. Vielmehr zeichnen sich Lamas durch ein zurückhaltendes und freundliches Wesen aus. Ihre langsamen Bewegungen prädestinieren sie zum Einsatz bei Kindern mit Entwicklungsstörungen sowie Menschen mit Gehirnschädigungen. Auch Suchtkranke können vom Umgang mit ihnen profitieren.

Die Tiertherapie ist nicht nur auf medizinische Einrichtungen beschränkt. Weil der Kontakt mit Tieren den Blutdruck und Stresshormone senkt, zu verbaler Interaktion anregt sowie Lernprozesse fördern kann, werden kleinere Haustiere wie Meerschweinchen oder Katzen in Altersheimen und Gefängnissen eingesetzt, während die Universität Amsterdam (NL) auf Hundewelpen setzt: Studierende können ihren Stress durch Streicheln abbauen.

*Name geändert