Die Lehre – solide Basis für die Zukunft Ausbildung weltweit | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Jugendausgabe 2020

Die Lehre – solide Basis für die Zukunft Ausbildung weltweit

Was will ich werden, wenn ich gross bin? Diese Frage beschäftigt jedes Kind. Irgendwann gilts ernst und wir müssen uns entscheiden. Welche Möglichkeiten gibt es? Und was, wenn man die falsche Wahl trifft? Wir haben recherchiert.

FOTOS
Illustrationen: Stephan Liechti
02. November 2020
Aller Anfang ist schwer. In der Lehre darf einem noch das eine oder andere Missgeschick passieren.

Aller Anfang ist schwer. In der Lehre darf einem noch das eine oder andere Missgeschick passieren.

Ausbildung weltweit

Das Schweizer Bildungssystem sucht seinesgleichen. Wir haben geschaut, wie es anderswo aussieht, etwa in Thailand und im Kosovo, wo wir selber Wurzeln haben.

Schweiz

Anisa Ademi

Genau das Richtige für mich

Bereits in der Oberstufe hat mich die Lehre als Kauffrau stark interessiert. Durch Informationsveranstaltungen und Schnuppertage wurde mir klar, dass diese Lehre genau richtig für mich ist. Im August 2019 begann ich meine Lehre als Kauffrau EFZ in der Coop-Verteilzentrale Dietikon ZH. Viel Neues erwartete mich, jedoch fand ich mich recht schnell zurecht und konnte mich in die Arbeitswelt integrieren. Während der dreijährigen Lehre besucht man sechs verschiedene Abteilungen und lernt viel Neues. Schon früh übernimmt man Verantwortung und lernt somit selbstständig zu arbeiten. Ich bin noch nicht sicher, was ich nach der Lehre machen möchte. Vorerst konzentriere ich mich auf den erfolgreichen Abschluss der Lehre.

Die Ausbildungsmöglichkeiten variieren von Land zu Land. Uns ist das Schulsystem in der Schweiz am bestem vertraut. Die Schweiz hat das sogenannte duale Bildungssystem, das weltweit einzigartig ist. Das heisst, dass die Lernenden einerseits eine Grundausbildung in einem Betrieb erhalten und andererseits eine Berufsschule besuchen.

Nach der Primarschule hat man die Wahl zwischen dem Gymnasium und der Sekundarschule. Nach der neunjährigen obligatorischen Schulzeit stehen einem viele Türen offen. Wer sich schon bereit für die Arbeitswelt fühlt, kann sich für einen von etwa 250 Lehrberufen entscheiden. Diese werden unterschieden nach «Eidgenössischem Berufsattest» (EBA) und «Eidgenössischem Fähigkeitszeugnis» (EFZ). Die Lehre mit EBA dauert zwei, die Ausbildung EFZ drei bis vier Jahre. Der Grossteil aller abgeschlossenen Lehren sind mit EFZ.

Nach der obligatorischen Schulzeit gibt es zudem die Möglichkeit, ein Praktikum zu machen oder eine der diversen Mittelschulen wie zum Beispiel die Wirtschaftsmittelschule zu absolvieren. Falls man erst noch unschlüssig ist, bietet das Schweizer Schul- system Überbrückungsangebote wie das zehnte Schuljahr. Seit Jahren bei Frauen und Männern sehr beliebt ist die berufliche Grundbildung. Junge Männer wählen zudem eher technische Berufe, junge Frauen entscheiden sich häufiger für Sozial- und Gesundheitsberufe. Die geschlechterspezifische Berufswahl hat sich in den letzten Jahren jedoch aufgeweicht.

Nach der Grundausbildung kann man viele verschiedene Wege einschlagen: Zum Beispiel die Berufsmatura machen und danach ein Studium beginnen oder Weiterbildungen absolvieren. In der Schweiz ist es somit nie zu spät, sein Wissen zu erweitern und dem eingeschlagenen Weg eine neue Richtung zu geben.

Thailand

In Thailand gilt der Grundsatz, dass alle Schüler mindestens neun Pflichtschuljahre besuchen müssen. Es steht einem aber auch frei, zwölf Jahre in die Schule zu gehen. Diese Zeit besteht aus sechs Jahren Grundschule und sechs Sekundarschuljahren. Nach der obligatorischen Schule kann man an eine Universität gehen oder bereits in das Berufsleben einsteigen.

Kosovo

Der Kosovo hat eines der schwächsten Schulsysteme Europas. Die obligatorische Schulzeit dauert bis zur neunten Klasse. Ein Lehrer verdient rund 300 Euro pro Monat – das ist weniger als der Durchschnittslohn von 350 bis 400 Euro. Nach der obligatorischen Schule können sich die Schüler entscheiden, ob sie in die Arbeitswelt einsteigen oder studieren wollen.

Saudi-Arabien

In Saudi-Arabien sieht es ganz anders aus, als wir es kennen. Die Religion spielt hier eine viel bedeutendere Rolle. Die Schulbildung wird streng nach den Geschlechtern getrennt, deswegen gibt es Schulen für Jungs und Mädchen, zusätzlich noch den Islamunterricht für die Jungs.

Indien

2009 wurde in Indien das Grundrecht auf Bildung eingeführt. Seitdem gilt für Kinder zwischen 6 und 14 Jahren die Schulpflicht. Trotz dem kostenlosen Unterricht gehen viele Kinder nicht zur Schule: Die Eltern schicken sie nicht hin, weil sie so keine Zeit zum Betteln haben. So denken leider viele verarmte Familien in Indien, die täglich um ihr Überleben kämpfen. Auch Kinderarbeit ist in Indien weit verbreitet. Die Zustände in den meisten Schulen sind für uns unvorstellbar: keine Klassenräume, keine Turnhallen, keine Pausenräume.


«Man muss Menschen mögen»

Ohne Berufsbildner keine Lehre. Müller Hans Schmid begleitet Lernende seit 20 Jahren. Sein Auszubildender hat ihm auf den Zahn gefühlt.

Unter Strom: Mit Kabeln und Elektrizität zu hantieren, will gelernt sein.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, Berufsbildner zu werden?

Dadurch arbeite ich immer wieder mit neuen Menschen – und von jungen Leuten kann man viel Neues lernen. Es ist einfach immer wieder eine Herausforderung.

Sharon Hunziker

Ein gutes Fundament für die Zukunft

Ich habe mich relativ schnell für den Beruf Kauffrau entschieden. Meine Familie und Freunde meinten, dass ich mir mit dieser Grundausbildung ein sehr gutes Fundament für mein künftiges Berufsleben legen würde. Ich hatte allerdings keine Ahnung, in welche Branche ich einsteigen möchte und ging in diversen Bereichen schnuppern. Letztendlich habe ich mich für den Handel entschieden. Bei Coop erhalte ich Einblick in unterschiedlichste Abteilungen wie Marketing, Finanzen, Personal, Einkauf …

Ich habe mir vorgenommen, nach meiner Grundausbildung als Kauffrau die Berufsmatura zu machen. Sofern ich mich für die berufsbegleitende Variante entscheide, würde ich nebenbei gerne in Richtung Marketing gehen.

Benötigt man bestimmte Eigenschaften, um Ausbilder zu sein?

Man muss Menschen mögen!

Haben sich Lehrlinge im Allgemeinen in den letzten Jahren verändert?

Nein, das kann ich nicht behaupten. Es gibt und gab schon immer solche und solche! Man sagt zwar immer: «Die Jugend von heute …», aber das hat man früher schon gesagt.

Welches Vorwissen und welche Eigenschaften sollte ein Lehrling in eine Ausbildung mitbringen?

Freude am Beruf! Schulisch wie beruflich kann man Dinge oder Eigenschaften, die fehlen, nur zum Teil ausgleichen.

Worauf sind Sie als Berufsbildner besonders stolz?

Wenn Lernende, die im Betrieb und in der Schule Mühe hatten, den Abschluss schafften und letztendlich zu guten Müllern wurden. Besonders stolz bin ich, wenn einer meiner Lehrlinge bei den Mühlenmasters mitmachen durfte oder sogar bester Müller von Europa wurde!

Würden Sie den Beruf des Ausbilders weiterempfehlen?

Ja, auf jeden Fall! Junge Leute haben neue Arten zu denken und stellen Fragen, die man selbst nie stellen würde. Vor allem in der vielseitigen Welt der Müller schadet es nie, sich und andere immer wieder zu fordern. So gibt es immer wieder Neues.


«Der Anfang ist entscheidend»

Peter Heiniger, Berater von Lehrbetrieben, verrät, warum man bei der Berufswahl offen bleiben sollte, und was zu tun ist, wenn es im Lehrbetrieb gar nicht klappen will.

Es ist noch kein Meisterkoch vom Himmel gefallen.

Was sind deine Tipps, damit Jugendliche eine Lehrstelle finden?

Peter Heiniger (48)

Ist gelernter Offsetdrucker und heute Eigentümer von Heiniger Lehrlingsberatung.

Sie sollten sich mit ihren eigenen Bedürfnissen, Vorlieben und Affinitäten befassen. Wichtig finde ich auch, dass man sich früh Gedanken über alternative Lehrberufe macht: Bei vielen Jugendlichen klappt es leider nicht mit dem Wunschberuf. Man sollte sich mit Eltern und Freunden austauschen, Berufsmessen besuchen und sich reichlich Informationen aus dem Internet besorgen. Ich wünschte mir, dass die Lehrstellensuchenden offener werden. Klar bildet die Berufslehre die Grundlage für das Berufsleben und eben auch für eine Karriere. In der Schweiz ist mit einem erfolgreichen Lehrabschluss jedoch vieles möglich. Auch wenn der auserwählte Lehrberuf nicht der Super-Favorit war, können schlussendlich nicht selten viele Wege nach Rom führen.

Es heisst immer, man solle machen, was einem am meisten Spass macht. Was, wenn man in diesem Bereich keine Lehrstelle findet?

In der Schweiz hat man die Wahl zwischen rund 250 verschiedenen Lehrberufen. Meine Erfahrungen zeigen, dass Lehrstellensuchende sich oft zu sehr auf einen Beruf fixieren und schliesslich zu spät, unter Druck und mit Frust nach Alternativen suchen. Das ist eine gefährliche Strategie und kann leicht zu Notlösungen führen, die sich als Fehlentscheidungen entpuppen. In möglichst viele Lehrberufe schnuppern rentiert sich in jedem Fall.

Was empfiehlst du, damit die Lehrzeit erfolgreich wird?

Als Erstes: Nicht nachlassen in der Schule, auch wenn man weiss, dass man eine Lehrstelle auf sicher hat. So bleibt das «Fitnesslevel» hoch. In der Lehre selber sind die ersten drei Monate entscheidend. Zu viele scheitern in dieser Zeit, weil sie schlechte Noten schreiben oder das Gefühl haben, dass es nicht so schlimm sei, wenn man regelmässig fünf Minuten zu spät kommt. «Der Anfang ist die Hälfte des Ganzen». Ich finde, dieses Sprichwort von Aristoteles trifft voll ins Schwarze – auch in Relation zu den ersten paar Monaten Lehrzeit. Was gut startet, hat meist beste Chancen, sich positiv weiterzuentwickeln.

Jon Shala

Die Vielfalt ist mir wichtig

Ich bin im dritten Lehrjahr als Kaufmann EFZ im E-Profil in der Verwaltung der Coop-Verkaufsregion (VRE) Bern. Während meiner Ausbildung arbeitete ich schon in diversen Abteilungen, momentan im Support Leitung VRE & Expansion. Hier gefällt es mir sehr, da die Aufträge vielfältig sind. Mir ist es wichtig, dass ich verschiedene und neue Sachen lernen kann. Diese kann man nach der Ausbildungszeit sehr gut gebrauchen. Die Zeit in der Kommunikationsabteilung und im Werbeteam hat mir auch gefallen. Nach meiner Lehre würde ich gerne dort weiterarbeiten, da das Team und die Arbeiten toll waren.

Gibt es legitime Gründe, eine Lehre abzubrechen?

Es ist auf jeden Fall legitim eine Lehre abzubrechen. Wir Erwachsenen nehmen uns ja auch das Recht, in der Probezeit zu kündigen, wenn es nicht passt. Sobald man merkt, dass man im falschen Lehrbetrieb ist oder kaum Freude an der Arbeit hat, sollte man das Gespräch mit Eltern und Berufsbildnern suchen. Entweder tritt danach rasch Besserung ein oder man begibt sich direkt in den Suchmodus. Im besten Fall kann man ohne Zeitverlust auf den richtigen Lehrberuf respektive Lehrbetrieb wechseln. Oder man legt ein Zwischenjahr ein, wo man möglichst breit abgestützt und mit professioneller Unterstützung schnuppert. Ab ca. Mitte der Lehrzeit würde ich mir einen Abbruch zweimal überlegen. Immerhin hat man da schon sehr viel Zeit investiert und vielleicht finden sich ja Lösungen, mit denen man es trotzdem einigermassen gut bis zum Abschluss schafft.

Was sind die häufigsten Gründe für eine Kündigung der Lehrstelle?

Soweit ich weiss, sind die häufigsten Gründe auf die falsche Berufswahl zurückzuführen. Zahlreiche Fälle gibt es leider auch, weil die Leistungen der Lernenden ungenügend sind oder weil es zwischen Lernenden und Berufsbildnern zwischenmenschlich nicht klappt.

Was macht ein Lehrabbrecher nach der Auflösung des Lehrvertrages?

Möglichst rasch alternative Lehrberufe prüfen und/oder optionale Lehrbetriebe suchen. In den meisten Fällen unterstützen die Eltern tatkräftig, aber auch das Berufsbildungsamt kann beratend beigezogen werden. Damit man nicht in ein mentales Tief fällt, ist es zudem ratsam, einen geregelten Tagesablauf aufrechtzuerhalten. Temporär arbeiten, viel Sport treiben und Kurse besuchen sind ein paar Ideen, um nicht einer Langeweile- oder gar Negativschlaufe zu verfallen.

Wie wird sich Corona auf die Lehrstellen auswirken?

Meine persönliche Einschätzung für den Schweizer Lehrstellenmarkt ist positiv. Laut dem ETH-Forschungsteam von «LehrstellenPuls» wurden Ende September 2020 sogar ein paar Lehrverträge mehr abgeschlossen als im Vorjahr. Über zehn Prozent der Lehrbetriebe rekrutierten gar bis Ende Oktober. 85 Prozent der Schweizer Lehrbetriebe bestätigten zudem, dass man im 2021 gleich viele oder sogar mehr Lernende engagieren möchte.

Soll man nach dem Abschluss im gleichen Betrieb bleiben oder wechseln?

Das ist sehr typenabhängig. Es gibt Lehrabgänger, die Sicherheit suchen und im Betrieb bleiben möchten. Es gibt aber auch jene, die es reizt, etwas Neues zu sehen. So oder so: Das Wichtigste ist, dass man Erfahrungen sammelt. Je nach Wirtschaftslage könnte es 2021 klug sein, beim Chef möglichst früh und klar zu signalisieren, dass man bleiben möchte. 

Mihajlo Stefanov

Nach der Lehre die Berufsmatura

Während meiner Schnuppertage und -wochen hatte ich das Glück, einen tieferen Einblick in die Berufswelt zu bekommen. Ich interessierte mich für verschiedene Berufe, zum Beispiel Applikationsentwickler, Kaufmann und Media- matiker. Das viele Schnuppern in unterschiedlichen Berufen half mir sehr, mich in einer der Arbeiten wiederzufinden. Kaufmann ist für mich eine abwechslungsreiche und umfangreiche Lehre. Deshalb habe ich mich für die Branche Handel beworben, denn diese ist auf dem Markt sehr erfolgreich. Ich nehme mir vor, nach der Grundausbildung die Berufsmaturität abzuschliessen. Dank der Unterstützung meiner professionellen Lernbegleitung und der modernen und digitalisierten Ausbildung bin ich mir sicher, dass ich meine Lehre bei Coop bestens abschliessen werde.


Lehrbeginn Sommer 2020

Bereich Coop Gruppe Lehrbeginn Sommer 2020 Anzahl Lernende insgesamt (per 1.8.2020)
Verkauf 866 2047
Verwaltung (KV) 55 160
Gewerbe 180 461
Informatik 10 46
Total 1111 2714

Weiterbeschäftigung Lehrabgänger 2020: 70,3 Prozent. Das sind etwa gleich viel wie in anderen Jahren.

Paul Gaigl

Müller macht am meisten Spass

Eigentlich wollte ich nie in die Fussstapfen meines Vaters treten, sondern meinen eigenen Weg gehen. Bei zahlreichen Schnupperlehren stellte sich jedoch heraus, dass mir kein Beruf so viel Spass macht wie Müller. In einer Mühle zu arbeiten bedeutet für mich, mit allen Sinnen und mit ganzer Leidenschaft durch die Anlagen zu gehen und nach dem Rechten zu sehen. In Zukunft möchte ich mehr über die Spezialmüllerei (z. B. Hafer oder Hartweizen) lernen und den Techniker machen. Am Ende meiner Reise werde ich höchstwahrscheinlich im Familienbetrieb in Mühldorf (Oberbayern, D) arbeiten. Aber bis dahin kann noch viel passieren.