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Titelgeschichte

Die Schweiz sattelt um

Stau, Nachhaltigkeit, Gesundheitsbewusstsein, Maskenpflicht – Gründe, um wieder vermehrt in die Pedale zu treten, gibt es viele. Tatsächlich haben die letzten Monate gezeigt: Das Velo ist gefragt wie nie zuvor.

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Heiner H. Schmitt
27. Juli 2020

Die frische Luft im Gesicht, die Fortbewegung durch die eigene Muskelkraft, das feine Surren des Leerlaufs, wenn man mal die Beine ruhen lässt … Das Velo ist nicht nur ein Verkehrsmittel, sondern pures Lebensgefühl. Stau? Geht mich nichts an. Volle Trams oder Züge? Viel Spass in den überfüllten Abteilen! Und auch die Maskenpflicht ist auf dem Zweirad kein Thema. Gerade Corona ist eng mit der jüngsten Entwicklung des Velos verknüpft: Bestand schon vorher ein stabiler Aufwärtstrend bezüglich Velonutzung, explodierten die Zahlen mit dem Eintreffen der Pandemie regelrecht.

«Viele Leute haben das Velo aus dem Keller geholt und merken jetzt wieder, welch cooles Gefährt sie schon die ganze Zeit hatten.»

 

Eine ETH-Studie zeigt, dass Schweizerinnen und Schweizer in der Zeit des Lockdowns doppelt so viele Velokilometer zurücklegten wie zuvor. «Das freut mich natürlich sehr», sagt Matthias Aebischer, Präsident von Pro Velo Schweiz (siehe Interview S. 19), der vom Boom ebenso überrascht wurde wie von Corona selbst. «Viele Leute haben das Velo aus dem Keller geholt und merken jetzt wieder, welch cooles Gefährt sie schon die ganze Zeit hatten.» Umso wichtiger sei es gewesen, dass der Bundesrat die Velowerkstätten als systemrelevant einstufte, damit all die verstaubten Drahtesel wieder strassentauglich gemacht werden konnten. Die Velomechaniker wurden innert kürzester Zeit von Aufträgen komplett überflutet.

Das E-Bike auf dem Vormarsch

Doch nicht jeder und jede konnte auf ein altes Velo zurückgreifen. Aufgrund der Masse an Neubestellungen bekamen Online-Anbieter während des Lockdowns Lieferprobleme. Auch bei Coop Bau + Hobby war der Ansturm riesig. «Online wurden unglaublich viele Velos gekauft», sagt Simon Büttler (32), verantwortlicher Produktmanager Velo bei Coop. «Im ersten Halbjahr erzielten wir mit Veloverkäufen mehr Umsatz als 2019 – obwohl die Läden während der Velo-Hauptsaison sechs Wochen geschlossen waren.»

«Im ersten Halbjahr erzielten wir mit Veloverkäufen mehr Umsatz als 2019.»

 

Das ist umso beachtlicher, wenn man in Betracht zieht, dass 2019 bereits ein ausserordentlich gutes Jahr war. Nach dem Lockdown ging der Run erst richtig los: In den ersten drei Wochen nach Wiedereröffnung der Läden Ende April erzielte man mit Velos und Zubehör den doppelten Umsatz gegenüber dem Vorjahr. Das grösste Wachstum verzeichnete Coop Bau + Hobby bei den Mountainbikes: ein weiteres Indiz dafür, dass viele Menschen während des Lockdowns ein neues Hobby entdeckten.

Knapp dahinter folgen aber bereits die E-Bikes. Ihnen gehört die Zukunft. Studien prognostizieren, dass bis ins Jahr 2040 jedes zweite Velo mit Unterstützung eines Elektromotors über die Schweizer Strassen rollen wird. Wie unsere repräsentative Umfrage (vgl. unten) zeigt, besitzen bereits mehr als die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer ein E-Bike oder könnten sich zumindest vorstellen, eines zu kaufen. In Zeiten des wachsenden Umwelt- und Gesundheitsbewusstseins wird das E-Bike im Pendelverkehr immer mehr zur valablen Alternative zu Auto und Öffentlichem Verkehr. Zumal deren Attraktivität angesichts von Stau und ­Maskenpflicht im gleichen Masse abnimmt.

Das Verkehrsmittel der Zukunft

Mit einem extremen Rückgang der Velo-Begeisterung rechnet die Branche nicht. «Viele Leute haben in den letzten Monaten ein Velo erworben. Und wer ein Velo hat, wird es sicher auch fahren», sagt Matthias Aebischer.

Der Veloboom ist keine Schweizer ­Exklusivität. Viele Länder haben erkannt, dass es für die Verkehrsprobleme der Grossstädte nachhaltige Lösungen braucht – und das nachhaltigste Verkehrsmittel überhaupt ist das Velo. Deutschland hat mit den Pop-up-Velowegen während des Lockdowns die Lust aufs Zweirad entdeckt, Mailand (I) will den Autoverkehr ganz aus der Stadt haben. In der Schweiz ist die Velo-Infrastruktur seit dem Bundesbeschluss Velo von 2018 den Wander- und Fusswegen gleichgestellt. Das Velo könnte das Verkehrsmittel der Zukunft werden. 


Der Sportliche

Wheeler-E-Mountainbike i-Prime 29", Fr. 3199.–, bei Coop Bau + Hobby.

Matthias Buess (34), Produktmanager bei Coop in Basel: «Ich fahre täglich mit dem Velo zur Arbeit und gehe einmal pro Woche biken. Als mit dem Lockdown die Bergbahnen geschlossen wurden, habe ich mir ein E-Mountainbike gekauft. Das eröffnet neue Möglichkeiten, denn nun kann ich viel grössere Touren machen. Mit den E-Bike-Sprüchen beim Überholen kann ich leben.»

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Die Lifestylerin

Maya Bachmann (26), Marketing-­Assistentin bei Coop Bau + Hobby in Wangen bei Olten SO: «Das Velo ist für mich ein Stück Freiheit: ein bequemes Fortbewegungsmittel, das an keinen Fahrplan gebunden und erst noch gut für die Gesundheit ist. Ich fahre relativ häufig Velo, allerdings öfters am Wochenende als unter der Woche. Neben meinem normalen Velo habe ich auch ein E-Bike, das für längere, anstrengende Strecken gut ist. Ansonsten bevorzuge ich das normale Velo, weil ich damit doch noch etwas mehr Bewegung habe.»

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Die Pragmatische

Allegro-Speedbike-Vitesse 28", Fr. 3499.–, bei Coop Bau + Hobby.

Jeannine Aregger (35) arbeitet im Verkaufsservice bei Coop Bau + Hobby in Wangen bei Olten SO: «Ich habe mich lange gegen ein E-Bike gesträubt, aber wegen Knieschmerzen habe ich mir vor zwei Monaten eines gekauft – auch weil ich während des Lockdowns weniger den Zug benutzen wollte. Nun bin ich aber sehr zufrieden damit. Das Velo bedeutet für mich Mobilität, schnell am Verkehr vorbei von A nach B zu kommen. Allerdings nicht bei Regen: Ich bin eine Schönwetter-Fahrerin.»

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Der Leidenschaftliche

Leopard-Arrow Cat II 28", Fr. 499.–, bei Coop Bau + Hobby.

Matthias Wüthrich (38), stv. Geschäftsführer im Coop Bau + Hobby in Lyssach BE: «Als gelernter Velomechaniker habe ich einen sehr engen Bezug zum Velo. Es bedeutet für mich Freiheit und Unabhängigkeit. Ich habe drei Velos: ein E-Bike, um zur Arbeit zu fahren, sowie je ein Trekking- und Mountainbike für die Freizeit. Auf meinen Velotouren im Emmental, Mittelland und Seeland kann ich wunderbar den Kopf lüften und den Alltagsstress vergessen.»

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«Die Schweiz ist ein Velo-Entwicklungsland»

Matthias Aebischer, Präsident von Pro Velo Schweiz, freut sich über jedes zusätzliche Velo auf den Schweizer Strassen – egal, ob mit oder ohne elektrische Unterstützung. Er sieht die Städteplaner in der Pflicht, Lösungen für den wachsenden Zweiradverkehr zu finden.

Matthias Aebischer

Matthias Aebischer (52), der Berner SP-Nationalrat und Präsident Pro Velo Schweiz mit seinem Militärvelo.

Wie oft fahren Sie selbst Velo?

Ich bin ein geborener Velofahrer. Ich habe kein Auto und fahre nur ÖV und Velo. Das geht in der Stadt gut so. Sogar im Militär war ich Radfahrer. Ich habe immer noch mein Militärrad und fahre täglich damit.

Was bedeutet für Sie das Velo?

Das Velo bedeutet für mich Freiheit, kurze Wege, Nachhaltigkeit, Gesundheit und Glücksgefühl. Der Glücksmoment beim Fortbewegen kommt mit dem Velo am meisten zur Geltung.

Was sind neben Corona Gründe für den Popularitätsschub des Velos?

Immer mehr Menschen wollen etwas für ihre Gesundheit und die Nachhaltigkeit tun. Viele Firmen nutzen dieses Potenzial und machen bei Aktionen wie zum Beispiel «Bike to work» von Pro Velo mit. Wir arbeiten jedes Jahr mit mehr als 2000 Firmen zusammen. Allein dadurch fahren während zweier Monate 65000 Menschen mit dem Velo zur Arbeit.

Viele davon benutzen heute wohl ein E-Bike, das immer beliebter wird. Was halten Sie davon?

Es gibt die harte Fraktion bei uns, die findet, Pro Velo solle sich nicht mit den E-Bikern solidarisieren. Das sehe ich aber überhaupt nicht so. Unsere Aufgabe ist vielmehr, klare Regeln für die E-Bikes zu schaffen. Wir wollen, dass E-Bikes mit einer Unterstützung bis 25 km/h gleich behandelt werden wie normale Velos. Für schnelle E-Bikes können wir uns auch Geschwindigkeitsbeschränkungen auf Strassen- und Velowegabschnitten vorstellen. So können wir die Anzahl Unfälle reduzieren. Dies musste man beim Autoboom in den Sechziger- und Siebzigerjahren genauso machen. Der Freude am Velofahren tut dies keinen Abbruch.

«Jede Person, die am Morgen aufs Velo steigt erspart den Strassen fünf Meter Stau.»

Matthias Aebischer

Apropos Unfälle: Wie stehen Sie zu einer allgemeinen Helmpflicht auf dem Velo?

Pro Velo Schweiz empfiehlt, einen Helm zu tragen, ist aber klar gegen ein Obligatorium. Ein Helmobligatorium hemmt die Leute, aufs Velo zu steigen. Das wollen wir nicht. Um diese Haltung kundzutun, lasse ich mich ab und zu auch ohne Helm fotografieren. Auf dem Rennrad bin ich selbstverständlich immer mit Helm unterwegs.

Nun bewegen sich auch noch E-Trottinetts auf den Strassen. Wird es nicht langsam eng?

Es gibt nicht nur immer mehr Gefährte auf der Strasse, sondern auch immer mehr clevere Verkehrsplaner. In den Niederlanden, in Dänemark oder Deutschland haben sie innovative Verkehrsführungen ausgetüftelt, die allen Verkehrsteilnehmern dienen. Auch in der Schweiz gibt es solche Beispiele. Durch das Erlauben des Velo-Gegenverkehrs in den Einbahnstrassen beispielsweise wurde das Velonetz auf einen Schlag ausgebaut. Die anderen Verkehrsteilnehmer mussten dadurch keine Einschränkungen in Kauf nehmen. Solche Lösungen werden wir auch für die E-Trottinetts finden.

Was halten Sie von den Pop-up-­ Ve­lowegen in europäischen Städten?

Pop-up-Veloweg tönt lustig und heisst ja eigentlich, dass die Fahrfläche vorübergehend fürs Velo genutzt wird. Auch in Genf hat man das getan. Dort, wo sonst Autos und ÖV verkehrten, fuhren plötzlich Velos. In der Deutschschweiz zögerte man, doch seit Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga ausdrücklich darauf hinwies, dass das legal ist, werden in Zukunft auch Deutschschweizer Städte diese Möglichkeit nutzen.

Ist das Velo die Lösung für den drohenden Verkehrskollaps?

Es ist erwiesen: Jede Person, die am Morgen aufs Velo und nicht ins Auto steigt, erspart den Strassen fünf Meter Stau. So einfach ist das. In den Niederlanden benutzen 30 Prozent der Einwohner regelmässig das Velo, in Dänemark 20 Prozent und in der Schweiz sind wir bei 8 Prozent. Wären wir auch bei 30 Prozent, hätten wir am Morgen keinen Stau mehr. Wir sind also ein Velo-Entwicklungsland. Zum Glück sorgt das Velo-Gesetz nun dafür, dass die Infrastruktur für Velos stark verbessert und ausgebaut werden muss.

Was wünschen Sie sich für die nähere Zukunft?

Dass sich alle das wiederentdeckte Glücksgefühl auf dem Velo bewahren.