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Reportage

Ein wahres Wunderding

In Zeiten der Pandemie ist sie wertvoller denn je. Sie pflegt unsere Haut, schützt uns vor unerwünschten Bakterien und Viren – und sie macht erfinderisch. Ein Streifzug durch die Welt der Seife.

11. Mai 2020

In unserer Hand ist die Seife etwas Wunderbares, mit ihren Blütenessenzen, ihrer zitronigen Note, den bunten Farben, den lieblichen Formen. So harmlos, wie sie scheint, kann sie aber auch anders: Die Seife ist nämlich zugleich eine Massenvernichtungswaffe. Sie macht Viren und Bakterien den Garaus – und tut damit wiederum Millionen von Menschen Gutes. Im Zeitalter der jüngsten Pandemie ist sie unverzichtbar geworden und hat die Beachtung, die wir ihr in den nächsten Minuten schenken wollen, redlich verdient.

Schon im Altertum wurde sie erfunden, aber erst im 19. Jahrhundert hat man ihre Wirksamkeit für die Gesundheit richtig schätzen gelernt. Der ungarische Arzt Ignaz Semmelweis (1818–1865) fand heraus, dass es seine Berufskollegen im wahrsten Sinne des Wortes in der Hand hatten, ob ihre Patienten vor fiebrigen Infektionen verschont blieben: Indem sie sich vor der Untersuchung die Hände gründlich mit Seife wuschen. Der schottische Arzt Joseph Lister (1827–1912) weitete diese Erkenntnisse auf die Operationssäle aus und führte dort strenge Regeln ein, was das Händewaschen sowie die Desinfektion der chirurgischen Werkzeuge anbelangte.

«Die Seife ist eine der ältesten menschlichen Erfindungen, die sich bis heute fast vollständig erhalten haben», sagt Dorothée Schiesser (59). «Sie schont die Umwelt, rettet Leben und ist für mich ein wahres Wunderding.» Schiesser muss es wissen: Sie ist die Gründerin von SapoCycle, einer Non-Profit-Organisation mit Sitz in Basel, die die Seifen von Luxushotels recycelt. Aus dem gewonnenen Material werden neue Seifen hergestellt, um sie an jene zu verteilen, die sie dringend nötig haben, und zwar sowohl in den Entwicklungsländern als auch in unseren Breitengraden. Auf die Idee kam die Unternehmerin mit französischen Wurzeln, als sie ihren Mann, einen Hotelbetreiber, eines Tages fragte, was denn mit den Seifen geschehe, die von den Hotelgästen nur wenige Male benutzt werden. «Wir werfen sie weg», antwortete er. Schiesser: «Ich dachte sofort: was für eine Verschwendung! Ich hatte früher in Kamerun gelebt und wusste von dort, welche Krankheiten der Mangel an Hygiene verursachen kann. Die Unicef schätzt, dass das Waschen der Hände pro Tag weltweit 800 Kindern das Leben retten könnte.»

Win-win-win (!) für alle

Heute beteiligen sich über 120 Schweizer Hotels am Projekt: Pro Jahr händigen sie SapoCycle vier Tonnen Seife aus. Daraus wurden bis heute ungefähr 100 000 Seifen hergestellt. Mittlerweile hat die Organisation einen Ableger in Frankreich. «Es ist für alle eine Win-win-win-Situation», sagt Dorothée Schiesser. Indem die kaum gebrauchten Seifen nicht weggeschmissen würden, schone man die Umwelt. Das Unternehmen übernimmt zudem im eigenen Betrieb soziale Verantwortung, indem es geistig Behinderten einen sicheren Arbeitsplatz garantiert. «Und schliesslich erfüllen wir mit dem Projekt auch einen humanitären Zweck, indem wir bedürftigen Menschen ein wirklich wichtiges Produkt für ein besseres Leben zur Verfügung stellen.» Einziger Wermuts­tropfen ist, dass der Betrieb derzeit still steht, weil viele Hotels geschlossen sind:

Ausgerechnet wegen Covid-19, jener Krankheit also, bei deren Prävention die Seife eine wichtige Rolle einnimmt. Aber es werden auch wieder andere, bessere Zeiten kommen.

Vielbeschäftigt ist in diesen Wochen hingegen die Tessinerin Corinna Zacheo (49). Seit Jahren stellt sie in Handarbeit Seifen her und bietet auch Kurse dazu an; diese werden in der Regel von Frauen besucht, die eine Seife nach ihrem Geschmack herstellen wollen, sich aber auch für die Frage interessieren, wie man möglichst wenig Abfall produziert. Zacheo ist ausgebildete Altenpflegerin und betreibt heute in Losone TI ein Studio für Reflexologie und Fusspflege. «Als mir immer wieder Patienten von ihren Problemen mit trockener Haut berichteten, las ich mich in die Materie ein und begann eigene Seifen herzustellen. Damit hat sich mir eine neue Welt aufgetan.»

Für jeden Hauttyp die richtige Seife

Um zu erklären, woraus denn nun dieses wahre Wunderwerk namens Seife besteht, holt sie tief Luft: «Die Hauptbestandteile sind Wasser, Fett oder Öl sowie Lauge. Die Kunst ist es nun, die verschiedenen Öle und Flüssigstoffe zu kombinieren: Dafür eignen sich beispielsweise auch Ziegen- und Schafsmilch, Gurken- und Wassermelonensaft. Die Öle wählt jeder nach seinem Geschmack aus, es gibt sehr intensive, reichhaltige, aber auch leichtere. Karité- oder Avocadobutter sind sehr nahrhaft und eignen sich gut für Seifen, die bei empfindlicher oder sehr trockener Haut zum Einsatz gelangen. Kokosöl hingegen ist trockener und passt deshalb genauso wie Saflor bestens zu fettiger Haut. Ätherische Öle

hingegen verleihen der Seife einen besonderen Duft. Öle aus Zitrusfrüchten oder aus Zitronengras wirken entfettend, je nachdem trocknen sie die Haut auch aus. Patschuli-Öl wirkt wiederum beruhigend.» Rund 20 verschiedene Seifentypen hat Zacheo kreiert. Pro Jahr setzt sie mehrere Hundert Seifen ab. «Es ist aber nicht so, dass ich eine Seife nach ihrer Herstellung sofort verkaufe», stellt sie klar. «Denn mit einer Seife verhält es sich wie mit einem guten Wein: Je reifer sie ist, desto besser wird sie. Eine reife Seife ist milder, verbraucht sich weniger schnell und macht mehr Schaum. Eine frisch produzierte Seife hingegen ist sehr alkalisch und damit aggressiver.»

Besonders beliebt ist in diesen Wochen die Flüssigseife. Zusammen mit Desinfektionsmitteln verkauft sie sich in der Corona-Krise sehr gut, wie Christian Koch (55), Direktor von Steinfels Swiss in Winterthur ZH, bestätigt. Das Unternehmen produziert unter anderem die Flüssigseifen «Naturaline» und «Wel!» sowie das Desinfektionsmittel für Coop. «Die meisten Kunden bevorzugen Flüssigseifen, weil ihre Anwendung im Alltag einfach und angenehm ist.» Normalerweise produziert Steinfels Swiss rund 1000 Tonnen Flüssigseifen pro Jahr, wegen Corona sind es derzeit 20 Prozent mehr. «Desinfektionsmittel stellen wir aktuell jede Woche so viel her wie sonst in einem ganzen Jahr.»

Laut Koch muss sich eine gute Seife für häufiges Händewaschen eignen, erst recht in Zeiten von Covid-19. «Wichtig sind in diesem Fall ein hautfreundlicher ph-Wert von etwa 5,5, rückfettende Komponenten sowie eine dermatologisch getestete Hautverträglichkeit.»

Die Seife tut uns also einen guten Dienst. Und das schon seit 4000 Jahren: Auf einer Tontafel der Sumerer, einer frühen Hochkultur auf dem Gebiet des heutigen Iraks, aus jener Zeit entdeckten Archäologen ein Seifenrezept mit Lauge und Cassia-Öl. Geschmack hatten die Menschen offenbar schon damals. 


Wie die Seife wirkt

Das Händewaschen mag einfach auszuführen sein, seine Wirkung hingegen ist ein ziemlich komplexer chemischer Vorgang.

Wie schafft es die Seife, den Viren den Garaus zu machen?

Die Seife besteht aus Molekülen. Ein Teil von ihnen wird vom Wasser angezogen, der andere Teil vom Fett. Wenn wir nun also die Hände waschen, verteilen sich die Moleküle um die Fettpartikel mit der Seite, die vom Fett angezogen wird, nach innen – und mit der Seite, die vom Wasser angezogen wird, nach aussen.

Klingt kompliziert.

Was so kompliziert klingt, hat einen einfachen Effekt: Auf diese Art werden die Fettpartikel im Wasser aufgelöst und von den Händen weggewaschen. Der Grossteil der Bakterien und Viren, so auch das Corona-Virus, ist von einer Hülle von Fettsäuren umgeben und interagiert mit der Seife, als ob es sich um einen Fettpartikel handeln würde. Die Seife legt sich auf das Äussere des Virus, zerstört seine Hülle und schaltet es aus. Indem wir schliesslich unsere Hände abspülen, waschen wir die Viren weg.

Gibt es einen Unterschied, was die Wirkung von fester und von flüssiger Seife anbelangt?

Nein, was die Sauberkeit anbelangt, nicht. Entscheidend ist, dass wir die Hände mindestens zwanzig Sekunden waschen, um alle Bakterien und Viren zu erreichen und der Seife Zeit zu geben, ihre Wirkung zu entfalten.

Ist eine Seife sicher, die auch von anderen benützt wird?

Ja, das kann man so sagen. Falls die Person vor uns tatsächlich Erreger auf den Händen hat, könnten diese auf der Seife haften bleiben. Aber: Sie können nicht aktiv werden, weil sie in den Molekülen der Seife gefangen bleiben, von denen wir vorhin sprachen. In dem Moment, in dem die nachfolgende Person die Seife in die Hand nimmt und sie unters Wasser hält, entfernt er sie. Wichtig ist jedoch auf jeden Fall, dass die Seife jeweils trocknen kann. Feuchtigkeit kann für die Verbreitung von Mikroorganismen sorgen. Ich möchte im Übrigen darauf hinweisen, dass wir dieselbe Art von Verunreinigung auch auf der Pumpe von Seifenspendern vorfinden können.