Die Spuren der alten Misoxer | Coopzeitung
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Die Spuren der alten Misoxer

Das Misox im Kanton Graubünden gehört zu den etwas vergessenen Tälern der Schweiz. Die meisten kommen dort nur hin, wenn der Stau am Gotthard zu lang ist und die A13 als Umfahrung empfohlen wird.

FOTOS
Andrea Meier
23. November 2020

STECKBRIEF

Wanderung im Misox

An-/Abreise mit Bahn und Postauto via Bellinzona oder Chur.
Schwierigkeit: leicht
Technik: 1 von 5
Kondition: 2 von 5
Strecke: 18 km
Dauer: 4 Std. 30 Min.
Aufstieg: 230 m
Abstieg: 650 m

Dabei hat das Misox einiges zu bieten. Etwa ganz hinten im Tal, wo die Passstrasse zum San Bernardino so richtig zu steigen beginnt, liegt das Dorf Pian San Giacomo. Dort lebt die Käseproduzentin Jeanette Toscano (54). Mit ihrer Käserei, Caseificio Dulcis in Fundo, kennt sie das grosse Problem der kleinen Produzenten: «Die Produkte zur Kundschaft zu bringen.»

Bis anhin hat sie das mit Unterstützung der Vermarktungsorganisation «graubündenVIVA» geschafft, seit Kurzem macht sie es allein. «2020 war für alle im Lebensmittelsektor ein goldenes Jahr», erklärt die Käserin. Die Pandemie habe das Bedürfnis nach guten, echten Lebensmitteln gefördert und ihren Käsekeller geleert. Sowohl bei ihrem Formagella wie auch beim neuen Barnomin, zwei weiche, geschmeidige Halbhartkäse, waren schon im Mai die Lagerbestände für den Sommer verkauft, der Grossteil über den Hofladen.

 Vom Castello di Mesocco hat man einen schönen Blick über das Misox. Unten fliesst die Moesa.

Doch wir wollen das Misox als Wanderland erleben. Unsere Tour startet etwas weiter südlich im Tal, in Mesocco Stazione. Vom Bahnhof ist nur noch der Name geblieben. Die Misoxerbahn, die ab 1907 Bellinzona TI mit Mesocco GR verband, gibt es nicht mehr. 1972 wurde der Personenverkehr eingestellt, danach wurde die Bahn nach und nach verkürzt und schliesslich ganz aufgegeben. Heute erinnern im Tal noch einige Bahnhofsgebäude daran, dass hier mal eine Bahn fuhr, und das Bahntrassee, das jetzt als Wanderweg im Talgrund dient. Das macht das Wandern extrem bequem. Die maximale Steigung von sechs Prozent war für eine Bahn respektabel, für Wanderer ist das ein Klacks. Erst recht abwärts, wenn man in Mesocco startet.

Grosse Burganlage vor Mesocco

Weil der Sentiero di Valle so einfach ist, kann man sich den Besuch des Castello di Mesocco problemlos zumuten, obwohl man dazu die Route verlässt und die Hauptstrasse überqueren muss. Die Ruinen der Burg liegen auf einem mächtigen Felsen südlich des Dorfes. Es sind die Überbleibsel einer der grössten Burganlagen der Schweiz aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts, die vermutlich auf die Freiherren von Sax zurückgehen. Von der Burg kehren wir wieder zurück auf das Bahntrassee, auf dem wir bequem bis nach Soazza kommen. Hier lohnt sich ein kurzer Abstecher durch das Dörfchen und ein Blick auf die Kirche San Martin. Gleich hinter dem Ort finden wir dann wieder unser vertrautes Bahntrassee.

Historische Weinkeller

Etwas südlich von Soazza verlässt der Wanderweg die Bahn, und wir wandern nun der Moesa entlang, dem Fluss, der das Misox hinabfliesst und kurz vor Bellinzona in den Ticino mündet. Wir passieren auf dem Sentiero die Dörfer Cabbiolo und Lostallo. Nun führt der Weg durch einen Laubwald. Eichen, Buchen und Ahorn haben ihre Blätter längst verloren, diese polstern nun unseren Weg. Irgendwie ist man überzeugt, mit dem Bündner Südtal die richtige Wandergegend für diesen Spätherbst gewählt zu haben. Es ist nicht mehr heiss, tagsüber maximal kühl, nie kalt. Es ist entspannend, unanstrengend, einfach genussreich. Bald finden wir uns wieder auf einem Weg der Moesa entlang.

Nach vier Stunden Marschzeit erreichen wir den Weiler Norantola. Von hier könnten wir direkt zu unserem Zielort Cama weitergehen, doch wir steigen etwa 50 Höhenmeter hinauf und wandern oberhalb von Cama durch. So gelangen wir zu den Grotti di Cama. Eng beieinander findet man dort 46 Misoxer Grotti. «Sie gehören zur Geschichte des Misox wie die eiszeitlichen Gletscher und die darauffolgenden Bergstürze», erklärt der Misoxer Dante Peduzzi (68), der die Geschichte der Grotti aufgearbeitet hat.

Diese postglazialen Bergstürze waren es, die zu einem geologischen Phänomen führen, das man in Cama Fiadiré nennt, ein atmendes Loch. Es sorgt dafür, dass an einzelnen Stellen kühle Luft aus dem Boden strömt. Auf diese Stellen bauten die Misoxer früher ihre Speicher, die im Winter und im Sommer ziemlich konstante Temperaturen von 2 bis 11 Grad Celsius aufwiesen. «Ideal als Lager für Obst, Käse, Früchte und Kartoffeln», sagt Peduzzi. Mit dem Aufkommen der Kühlschränke verloren die Grotti ihre Bedeutung und wurden dem Verfall überlassen. Die meisten sind in Privatbesitz und wurden mithilfe einer Stiftung in den letzten Jahren wieder in- stand gestellt. Drei sind öffentlich und werden als Gasthäuser betrieben.

Lärche zwischen Kastanien

Einst ein Kühlschrank, heute Kulturgut: Grotto oberhalb von Cama GR.

Am faszinierendsten aber war für den Historiker Peduzzi, wie weit frühere Generationen vorausgeplant hatten. Man findet zwischen den Grotti nämlich eine einzelne Lärche, die dort, mitten im Kastanienwald, eigentlich gar nicht sein kann. Eine alte Misoxerin hat ihm das Rätsel entschlüsselt: «Lärchenholz ist sehr widerstandsfähig gegen Fäulnis und Pilze. Damit spätere Generationen das richtige Holz für die Reparatur des Grotto gleich in der Nähe haben, hat man früher eine junge Lärche von der Alp mitgebracht und neben dem Grotto gepflanzt.» 

Partnerschaft

«graubündenVIVA» und Coop

Mit dem Vermarktungsprogramm «graubündenVIVA» fördert der Kanton Graubünden Regionalprodukte. Damit will er sich über das Thema Ernährung und Kulinarik als Standort stärken. In Zentrum stehen Produkte, bei denen die Wertschöpfung in der Region bleibt. Auch Coop ist als Partnerin dabei und hat viele Bündner Spezialitäten im Sortiment.

Weitere Informationen hier: https://www.graubuendenviva.ch/

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