X

Beliebte Themen

Reportage

Die wilde Verwandte unserer Hauskatze

Die Wildkatze ist Tier des Jahres 2020. Grund genug, die elegante Jägerin zu suchen. Doch so leicht ist das nicht.

16. März 2020

Wildkatzen- oder Büsi-Junges? Mit Sicherheit lässt sich erst im Labor klären, ob es sich um eine Haus- oder um eine Wildkatze handelt.

«Eine Wildkatze in der Natur zu sehen, ist ein seltenes Glück», sagt Beatrice Nussberger (39). Die Biologin vom Verein «Wildtier Schweiz» überwacht die Verbreitung der Wildkatze in der Schweiz im Rahmen des Projekts «Wildkatzenmonitoring Schweiz», das sie im Auftrag des Bundesamts für Umwelt erstellt. Sie selber habe während der Feldarbeiten nur einmal eine Wildkatze gesehen. Die Tiere sind scheu und nachtaktiv. Tagsüber verkriechen sie sich. Dazu kommt, dass es gar nicht so viele Wildkatzen gibt. Bei der ersten Erhebung des Wildkatzenbestandes vor zehn Jahren hielten sich schätzungsweise einige Hundert Individuen im Schweizer Jura auf. Seit ein paar Jahren gibt es auch Beobachtungen aus dem Mittelland und sogar aus den Voralpen.

Mit Baldrian anlocken

Damit man die aktuelle Verbreitung der Wildkatze ermitteln kann, haben 90 Feldmitarbeiterinnen und -mitarbeiter aus Wildhut, Jägerschaft und Naturschutz über den ganzen Jurabogen, das Mittelland und die Voralpen 800 Holzlatten verteilt. Diese Lockstock- Methode verwendet die Forschung, um die Verbreitung von Wildkatzen nachzuweisen. Die meisten Katzen können dem Baldrian-Duft nicht widerstehen. Sie reiben sich an den mit Baldrian eingesprühten Latten und hinterlassen Haare am rauen Holz. Diese wiederum untersucht Beatrice Nussberger mit modernen gentechnischen Methoden, um festzustellen, ob eine Wildkatze oder ein anderes Tier am Stock vorbeigestreift ist.

Biologin Beatrice Nussberger sucht an einem Lockstock nach Haaren einer Wildkatze.

An diesem Samstagmorgen ist sie im Gebiet der Gemeinde Bassins VD unterwegs. Schon nach wenigen Metern biegt Beatrice Nussberger von der Strasse ab und klettert ein steiles Bord hinab. Sie findet die erste Holzlatte und muss enttäuscht feststellen: keine Haare! «Das kann bedeuten, dass es in diesem Gebiet keine Wildkatze gibt oder dass sie ganz einfach nicht hier durchgestreift ist», erklärt die Biologin und fügt hinzu: «Wahrscheinlich letzteres.» Ihr Optimismus fusst auf Erfahrung. Sie hatte diese Gegend bereits vor zehn Jahren, beim ersten Wildkatzenmonitoring, kontrolliert und weiss, dass hier Wildkatzen leben.

«Unsere Hauskatzen stammen nicht von der Wildkatze ab.»

Beatrice Nussberger

Minuten später begutachtet Nussberger den nächsten Stock. Doch auch Nummer zwei zeigt das gleiche Bild: Kein Haar ist zu finden. Wie viele andere Jäger wurde die Wildkatze als vermeintlicher Schädling lange Zeit erbarmungslos gejagt. Erst seit 1962 ist sie geschützt und breitet sich nun langsam wieder aus. Ob sie der völligen Ausrottung entgangen ist und sich nun vermehrt oder ob sie als Art aus Frankreich wieder eingewandert ist, bleibt vermutlich für immer offen. Tatsache ist: Sie fühlt sich recht wohl in der Schweiz. «Was sie braucht, sind strukturreiche Landschaften», sagt Nussberger. Wilde, möglichst vom Menschen ungestörte Wälder mit Unterholz, Hecken, aber auch offene Flächen, wo sie Mäuse jagen kann. Für solche deckungsreichen Kulturlandschaften und für einen wirkungsvollen Naturschutz will Pro Natura mit der Wahl der Wildkatze als Tier des Jahres 2020 werben.

Wildkatze fühlt sich hier wohl

Beatrice Nussberger setzt ihre Stock-Runde fort und marschiert zur Nummer drei. Ist jemand, der sich wissenschaftlich mit Wildkatzen beschäftigt, auch privat eine Katzennärrin? «Nein», gesteht die Biologin. «Aber eine Tierfreundin.» Tiere hätten es ihr seit früher Kindheit angetan. Dass es nun Wildkatzen seien, die ihr berufliches Leben bestimmen, sei eher Zufall. «Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und die wissenschaftliche Arbeit hat mich interessiert.» Wer gerne Katzen streichle, sei mit einer Hauskatze ohnehin besser bedient als mit einer Wildkatze, denn auch wenn man die beiden Arten optisch fast nicht unterscheiden kann – die Unterschiede sind da: «Eine Wildkatze lässt sich in der Regel nicht streicheln und nicht domestizieren.» Im Übrigen ist es in der Schweiz auch verboten, Wildtiere – und das sind Wildkatzen – aufzunehmen und als Haustiere zu halten.

«Eine Wildkatze lässt sich in der Regel nicht streicheln.»

Beatrice Nussberger

Inzwischen hat Beatrice Nussberger den Lockstock Nummer drei erreicht. Er steht in einem lichten Waldstück mit Jungbäumen – und es hängen Haare daran. «Getigerte Haare», wie sie mit Begeisterung feststellt, «hoffen wir, dass es eine Wildkatze und nicht eine Hauskatze aus der Nachbarschaft gewesen ist». Nun beginnt die Arbeit. Mit einer Pinzette pickt sie die einzelnen Haare von der Latte und gibt sie sorgfältig in ein Plastiksäckchen. Es sieht ein wenig aus wie im Fernsehkrimi, wenn die Spurensicherung einen Tatort untersucht. Haar um Haar landet im Säckchen.

Mit einer Bürste entfernt Beatrice Nussberger am Schluss sorgfältig die letzten Reste. Beim nächsten Kontrollgang in zwei Wochen will sie nicht Haare vom selben Streifzug derselben Katze finden, sondern im Idealfall neues Material. Nur so kann sie verlässliche wissenschaftliche Aussagen über die Verbreitung der Wildkatze machen. Ob bei Lockstock Nummer drei wirklich eine Wildkatze oder nur eine Hauskatze Baldrian geschnüffelt hat, lässt sich aber erst nach der Laboranalyse sagen.

Dass man diese Unterscheidung im Labor machen kann, liegt auch an Beatrice Nussberger. Sie hat eine Methode entwickelt, mit der sich die beiden Arten unterscheiden lassen.

Kreuzungen – gut oder schlecht?

«Unsere Hauskatzen stammen nicht von der europäischen Wildkatze ab. Sie gehen genetisch auf die Afrikanische Wildkatze, auch Falbkatze genannt, zurück», erklärt Nussberger. Mit den Römern gelangten die Hauskatzen vor rund 2000 Jahren zu uns. Mittels Genanalyse kann sie die beiden Arten, die sich optisch stark gleichen, zuverlässig unterscheiden – und auch die Mischlinge erkennen, denn die gibt es auch. Obschon beide Katzenarten ihre eigene Geschichte haben, paaren sich immer wieder Wildkatzen mit Hauskatern und umgekehrt. Ob das gut oder schlecht ist, darüber ist sich die Wissenschaft noch nicht im Klaren. «Es kann sein, dass die zahlenmässig schwächere Art, also die Wildkatze, dadurch lokal verschwindet», meint Beatrice Nussberger, «oder sie geht gestärkt aus dieser Genauffrischung hervor.» Den Vermischungsgrad zu überwachen, ist ein wesentliches Artenschutzziel des Wildkatzenmonitorings. Bei der ersten Erhebung trug jede fünfte Wildkatze auch etwas Hauskatzenblut in sich. Die Ergebnisse aus der laufenden zweiten Erhebung sind für das kommende Jahr zu erwarten.

Bei Lockstock Nummer drei ist übrigens tatsächlich eine Wildkatze vorbeigestreift. «Es war ein Wildkatzen-Männchen», vermeldet Beatrice Nussberger ein paar Tage später per Mail.