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Diese Städte ticken etwas anders

Die Stadtplanung in La Chaux-de-Fonds sowie in Le Locle wurde einst ganz auf die Uhrenproduktion ausgerichtet. Die schachbrettartig angelegten Strassen und die Uhrmacherhäuser aus dem 19. Jahrhundert faszinieren noch heute.

FOTOS
Christof Sonderegger, Guillaume Perret
10. August 2020
An der Avenue Léopold Robert liegt La Chaux-de-Fonds Wahrzeichen, der Turm Espacité.

An der Avenue Léopold Robert liegt La Chaux-de-Fonds Wahrzeichen, der Turm Espacité.

La Chaux-de-Fonds und Le Locle

Ausflugstipps ums Welterbe

Workshop: In einer Manufaktur in Le Locle eine mechanische Präzisionsuhr selber zusammenbauen und mit nach Hause nehmen.

Museen: In den Uhrenmuseen von La Chaux-de-Fonds oder Le Locle die Geschichte der Uhrenindustrie kennenlernen und über alte Uhrwerke staunen.

Führungen: Auf geführten Touren die beiden Städte, ihre spezielle Architektur und die Uhrmacherateliers besichtigen.

Buchbar über: www.welterbeticket.ch

«Tag Heuer», «Certina» oder «Audemars Piguet» – viele weltbekannte Uhrenmarken geben Genf oder Grenchen SO als Standort des Unternehmens an, doch hergestellt werden die Zeitmesser häufig in La Chaux-de-Fonds NE oder Le Locle NE. Die beiden Orte entwickelten sich im 19. Jahrhundert zu den wichtigsten Zentren der Schweizer Uhrenindustrie. Deren grosse Bedeutung ist auch heute noch an der Architektur der beiden Städte abzulesen, die ihren Ursprung in der Uhrenherstellung hat.

Eine Stadt für die Uhren

Das schnelle Wachstum der Uhrenindustrie erforderte in La Chaux-de-Fonds gar eine Erweiterung der Siedlungs­fläche, die zwischen 1836 und 1841 umgesetzt wurde und den Ort endgültig zur Stadt machte. Der Entwurf dafür stammte vom Architekten Charles-Henri Junod (1795–1843). Seine Vision: Eine Stadt, die ganz auf die Uhrenindustrie ausgerichtet ist. Diese funktionierte damals sehr kleinteilig. Die einzelnen Uhrmacher arbeiteten zu Hause und jeder hatte sein Spezialgebiet: Die einen fertigten Zeiger, die anderen Gehäuse und wieder andere setzten die Uhren zusammen. Die Stadt musste also sowohl kombinierte Wohn- und Arbeitsgebäude bieten als auch Strassen, auf denen man die Einzelteile rasch transportieren konnte.

Le Locle gilt als Wiege schweizerischer Uhrmacherkunst. Das Uhrenmuseum zeigt so manches Highlight.

Junods Lösung: Ein schachbrettartiger Grundriss, wie man ihn sonst etwa von Städten in den USA kennt, mit einigen wenigen parallelen Hauptachsen entlang des Talbodens und zahlreichen rechtwinkligen Querstrassen. Dieselbe Idee übernahm man beim gleichzeitig laufenden Wiederaufbau von Le Locle, nachdem die Stadt durch ein Feuer zerstört worden war. Durch diese Symbiose aus Architektur und Technik sowie die auf die Uhrenherstellung ausgerichtete Stadtplanung sind die beiden Orte heute noch weltweit einmalige Beispiele für Manufakturstädte. Deshalb wurden sie 2009 auch in die Welterbe-Liste der Unesco aufgenommen.

Das Uhrenatelier «Monter und montre».

Besonders gut sehen kann man die Idee des Architekten Junod in La Chaux-de-Fonds bei einem Besuch des sechzig Meter hohen Tour Espacité sowie bei einem Spaziergang durch die Strassen nördlich des Hochhauses. Dabei lassen sich auch gut die kombinierten, vier bis fünf Stockwerke hohen Wohn- und Arbeitshäuser betrachten. In deren unteren Geschossen befanden sich einst die Wohnungen der Arbeiter, im obersten die Uhrmacherateliers mit den grossen Fensterfronten und viel Tageslicht.

Gleich und doch nicht gleich

Obwohl sie aus der Retorte entstanden sind, zeigen die Strassen von La Chaux-de-Fonds und Le Locle ein abwechslungsreiches Gesicht: Denn ­diejenigen Besitzer, die es sich leisten konnten, liessen ihre Häuser nach ­individuellen Wünschen verzieren. So verfügen beispielsweise viele Bauten über kunstvolle Gitter mit Jugendstilelementen. Andere zeigen gestalterische Einflüsse, die Uhrenvertreter aus fernen Ländern mitgebracht ­haben.