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Digitale Nomaden

Unterwegs zu Hause

Laptop und Internet reichen, damit digitale Nomaden ihrer Arbeit nachgehen können – von allen Ecken der Erde aus.

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Alamy, zvg
20. April 2020
Städte wie Lissabon oder  Medellín sind ideal für ortsunabhängiges Arbeiten.

Städte wie Lissabon oder Medellín sind ideal für ortsunabhängiges Arbeiten.

Sandro Alvarez-Hummel (40) muss jetzt auf dem Balkon joggen statt auf der Strasse. Denn der Zürcher ist gerade in Argentinien. Und hier wurde, im Gegensatz zur Schweiz, wegen der Corona-Pandemie eine komplette Ausgangssperre verhängt. Trotzdem waren seine Frau Gabriella (29) und er schnell einig: Zurück in die Schweiz reisen wollen sie deswegen nicht.

«Unser Daheim ist immer da, wo wir gerade sind», erklärt Gabriella. «Wir hätten in der Schweiz ja nicht einmal eine Unterkunft», fügt ihr Mann an. Denn ihre Wohnung haben sie schon vor rund vier Jahren gekündigt – genau wie ihre festen Jobs. Seither sind die beiden unterwegs. Menschen, die diesen Lebensstil pflegen, bezeichnet man als digitale Nomaden: Sie reisen durch die Welt und arbeiten jeweils von dort aus, wo sie gerade sind. Alles, was sie dafür brauchen, ist eine zuverlässige Internetverbindung und einen Laptop.

Die Schweiz steht noch am Anfang

Es seien vor allem junge Leute, die sich diesen Lebensstil aussuchen, verrät Lorenz Ramseyer (46), Präsident des Vereins Digitale Nomaden Schweiz. «Aber immer öfter wählen ihn auch Personen, die schon viel länger im Berufsleben stehen und nochmals eine zweite Karriere anfangen.» Offizielle Zahlen, wie viele Schweizer so durch die Welt ziehen, gibt es nicht. Man gehe von mehreren Tausend Aktiven aus, so Ramseyer.

Verglichen mit anderen Ländern ist das eine kleine Zahl. Doch sie wird immer grösser. «Die Schweiz ist mit dieser Entwicklung noch ganz am Anfang», findet Ramseyer, der als Experte für ortsunabhängiges Arbeiten tätig ist. «Hier herrscht noch eine sehr starke Präsenzkultur. Das zeigt sich jetzt auch in der Corona-Krise: «Viele Arbeitgeber und Arbeitnehmer waren nicht auf Homeoffice vorbereitet.» Wo diese Arbeitsweise verbreiteter ist, gebe es auch mehr digitale Nomaden. «In Dänemark und Norwegen etwa, aber auch in Deutschland oder Amerika.»

Von Chang Mai bis Lissabon

Besonders beliebt sind bei digitalen Nomaden die Destinationen Chang Mai in Thailand, Lissabon in Portugal oder Medellín in Kolumbien. «Das sind Orte, die eine gute Infrastruktur bieten, wo eine gewisse Start-up-Kultur herrscht, aber auch die Lebenskosten eher niedrig sind», erläutert Ramseyer. Die meisten, die arbeitend durch die Welt ziehen, sind selbstständig. Aufträge holen sie etwa bei ehemaligen Arbeitgebern oder einstigen Kunden in der Schweiz – zum entsprechenden Lohn. Wer die Ausgaben niedrig hält, kann sich so auch bei schwieriger Auftragslage ein Weilchen über Wasser halten.

So verlockend es tönt: Das Klischee des 22-Jährigen, der mit Laptop in der Hängematte liegt, passt laut Lorenz Ramseyer nicht. «Damit man von einem anderen Land aus Aufträge an Land ziehen kann, braucht man ein gewisses Netzwerk, das sehr junge Leute oft noch nicht haben.» Ausserdem ist Selbstdisziplin unverzichtbar. «Man arbeitet ja oft dort, wo andere Ferien machen. Wenn man da die ganze Zeit am Strand liegt und Party macht, ist das Ersparte schnell aufgebraucht.» Erfolgreiche digitale Nomaden trifft man deshalb nicht in der Hängematte, sondern in Cafés oder sogenannten Co-Working-Spaces – Orten mit Arbeitsinfrastruktur, in die man sich temporär einmieten kann.

«Es geht nicht um den Strand»

Wegen der verbreiteten Klischees über ihren Lebensstil liessen sich Gabriella und Sandro Alvarez-Hummel lange ungern als digitale Nomaden bezeichnen. «Die meisten Menschen haben ein völlig falsches Bild davon», sagt sie. «Es geht eben nicht darum, am Strand zu liegen, sondern um eine neue Art des Arbeitens, ums Hinterfragen fixer Arbeitszeiten, einer Präsenzpflicht und alter Denkmuster. Unser Leben ist nicht so aufregend, wie die Leute immer glauben. Auch wir sind vor allem am Arbeiten.»

Gabriella und Sandro Alvarez-Hummel waren drei Jahre lang im VW-Bus unterwegs. Zurzeit leben sie in Argentinien.

Angefangen hat das Ganze aber durchaus aufregend: mit einer grossen Reise. Mit dem VW-Bus wollten die beiden während eines Jahres von Nord- nach Südamerika fahren. «Aber wir waren so langsam unterwegs, dass wir schon in Mexiko merkten: Wir schaffen es niemals in einem Jahr nach Patagonien», so Sandro Alvarez-Hummel. «Wir mussten eine Entscheidung treffen: Entweder wir fangen an, Geld zu verdienen, oder wir gehen wieder nach Hause.» Sie entschieden sich für Ersteres.

Heute haben die Journalistin und der Kommunikationsberater eine gemeinsame Textagentur. Zurzeit harzt es mit Aufträgen – wegen Corona. Doch sonst läuft es rund. «Wir haben schnell gemerkt, dass mehr drinliegt als nur die Finanzierung unserer Reise», erklärt er. Aufgrund der Arbeit drosselten sie das Reisetempo weiter. «Wenn man viele Aufträge hat, ist es unmöglich, konstant unterwegs zu sein. Man braucht eine zuverlässige Infrastruktur und kann auch nicht mehrere Stunden am Tag fahren.» Als Nachteil sehen die beiden das aber nicht – im Gegenteil. «Man kann einen Ort ganz anders bereisen, als man es als blosser Urlauber könnte», ist Gabriella Alvarez-Hummel überzeugt. «Wir können richtig in einen Ort eintauchen, mit und unter den Leuten leben.»

Bis Ende April hätten sie in einer Wohnung in Argentinien bleiben wollen, dann wären sie für eine Hochzeit in die USA gereist und gleich ein paar Monate geblieben. Nun fällt dieser Plan ins Wasser. Die zwei nehmens gelassen. «Man könnte sagen, die letzten Jahre haben uns gut auf diese Situation vorbereitet», findet Sandro. «Wir haben gelernt, mit Krisen umzugehen und flexibel zu sein. Und wir wissen, dass Pläne selten aufgehen.» Nach drei Jahren in einem VW-Bus ist auch die Ausgangssperre weniger bedrohlich. «Wir wissen, dass wir zu zweit auf engem Raum leben können.»

Gefragt wie nie

Auch Lorenz Ramseyer, der aktuell in der Schweiz lebt, will ab Sommer mit Partnerin und Sohn für ein halbes Jahr unterwegs sein. «Wir werden unsere Reisepläne an die aktuelle Corona-Situation anpassen und eher langsam reisen», betont er. Im Gegensatz zu vielen anderen digitalen Nomaden kann er sich nicht über den Einfluss von Corona auf die Auftragslage beklagen. Seine Beratungen zu ortsunabhängigem Arbeiten sind gefragt wie nie. Er kann sich gut vorstellen, dass die aktuelle Situation einen nachhaltigen Effekt auf die künftige Arbeitsweise der Schweizer haben wird.

Das erhofft sich auch das Ehepaar Alvarez-Hummel. «Am Anfang überfordert das plötzliche ortsunabhängige Arbeiten viele», erklärt Sandro. «Aber dann erkennen sie die Vorteile.» Seine Frau und er jedenfalls geniessen die Freiheit und Flexibilität, die ihnen ihr Lebensstil ermöglicht. «Ich habe den viel höheren und besseren Output als früher, weil ich viel inspirierter bin», schwärmt Gabriella. «Ich liebe dieses Leben, das wir aus Versehen begonnen haben.»