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Titelgeschichte

Ein Herz für Sechsbeiner

Den meisten Menschen sind Insekten lästig, bestenfalls egal. Dabei ist die faszinierende Welt dieser kleinen Tiere enorm unter Druck geraten. Für Entomologen wie Hannes Baur ist klar: Ohne Insekten ist ein Leben, wie wir es heute kennen, nicht möglich.

17. Mai 2020
Hätten Sie dieses neckische Tierchen erkannt? So sieht eine profane Stubenfliege in gross aus.

Hätten Sie dieses neckische Tierchen erkannt? So sieht eine profane Stubenfliege in gross aus.

   

Über den Wolken, so sang schon Reinhard Mey, muss die Freiheit wohl grenzenlos sein. Was uns gross und wichtig erscheint, ist plötzlich nichtig und klein. Um die Welt mit anderen Augen zu sehen, ist es aber nicht einmal nötig, dass wir in die Lüfte steigen, was in der momentanen Situation ja sowieso etwas schwierig ist. Oft genügt es, wenn wir ganz genau hinschauen.

In unserer aktuellen Titelgeschichte zum Thema Insekten zeigen wir Bilder, die Ihnen eine ganz neue Welt eröffnen. Bilder von elektrisierender Schönheit. Bilder aus dem Universum um uns herum. Von Lebewesen, die wie von einem anderen Stern wirken. Aus dem unscheinbaren Rüssel- käfer wird ein Geschöpf, das jedes exotische Zoo-Tier in den Schatten stellt, und ich verspreche Ihnen: Nach dem Lesen unserer Titelgeschichte werden Sie nie wieder eine Stubenfliege ohne schlechtes Gewissen platt klatschen können.

Genau hinschauen lohnt sich also. In unserer Welt gibt es noch so viel zu entdecken. Sie brauchen nicht immer nach dem tieferen Sinn und der ewigen Weisheit zu suchen. Um die unsichtbaren Dinge links, rechts und unter uns sichtbar zu machen, braucht es manchmal nur etwas: einen Wechsel der Perspektive.

Herzlich

Silvan Grütter

Es ist kühl im Keller des Naturhistorischen Museums in Bern. 13 Grad, um genau zu sein, die Luftfeuchtigkeit beträgt 40 Prozent. Diese Werte sind wichtig für Hannes Baur. Oder viel mehr für seinen Schatz: rund 2,5 Millionen Insekten. So viele Tiere umfasst die Insektenkundliche Sammlung des Museums. Geordnet in flachen Glaskästen und feinsäuberlich aufgespiesst auf Nadeln. Was auf Laien bis- weilen befremdlich wirkt, weckt bei Baur Faszination. Der 56-Jährige ist der Kurator der Sammlung. Zudem forscht er auf seinem Spezialgebiet, der Erzwespe, und war bis vor Kurzem Präsident der Schweizerischen Entomologischen Gesellschaft. Vor allem aber ist er durch und durch – wie soll man es nennen? – insektophil. Als Sonderling sieht er sich deshalb nicht, auch wenn, im Gegensatz zu einem Büsi etwa, eine Stechmücke bei den allermeisten Zeitgenossen keinen Jöh-Effekt auslöst. «Insekten interessieren mich, seit ich denken kann», erklärt er. «Mein Vater hatte Reptilien und verfütterte ihnen Heuschrecken; die haben mich mehr interessiert als all die Schlangen und Echsen.» Also baute sich der Bub eine eigene Insektensammlung auf, um damit wissenschaftlich zu arbeiten. Und das tut er heute noch.

Kurz und bündig

  • Weltweit kennt man rund eine Million Insektenarten. In der Realität dürfte es ein Mehrfaches sein.
  • Der Begriff Insekt stammt vom lateinischen Wort Insectum, was so viel heisst wie eingeschnitten und auf die oft stark voneinander abgesetzten Körperteile verweist.
  • Auf einen Menschen kommen rund 200 Millionen Insekten.

Mit traumwandlerischer Sicherheit schreitet Hannes Baur durch das Archiv und zieht einen Schaukasten mit Hirschkäfern aus dem Regal, Tiere mit riesigen «Geweihen», zu denen er viel zu erzählen weiss. Und wie so oft bei Tier und Mensch gehts auch bei den Hirschkäfern um die schönste «Nebensache» der Welt, wie er erklärt:

«Mit dem ‹Geweih› kämpfen die Männchen um ein Weibchen. Der Stärkere schmeisst dann den Unterlegenen vom Baum. Und bis dieser wieder oben ist, hat der Gewinner das Weibchen längst begattet.»

Die Biomasse der Insekten ist in Europa in den letzten rund 30 Jahren stark zurückgegangen, stellenweise um bis zu 75 Prozent.

 

Aber weil natürlich nicht immer alles so einfach ist, wie es auf den ersten Blick erscheint, zeigt Baur ganz fasziniert auf einen kleineren Hirschkäfer mit einem ganz kurzen Geweih. «Das ist auch ein Männchen», sagte er. «Aber die Kleinen kämpfen nicht. Die begatten das Weibchen, während die anderen darum kämpfen, das sind sogenannte Schleicher.» Was dem Weibchen, so der Experte, egal sei, weil die kleinen Männchen keine schlechteren Gene hätten als die grossen. Womit wieder einmal bewiesen wäre: Es kommt zumeist nicht auf die Grösse an.

Mehr Insekten als gedacht

Solche Geschichten könnte der Entomologe unzählige erzählen, der Stoff würde ihm nie ausgehen. Wen wunderts? Immerhin ist die «Klasse» der Insekten die mit Abstand grösste im Tierreich und umfasst über drei Viertel aller bekannten Tiere, Mensch inklusive. Doch das ist noch gar nichts, denn nur jedes fünfte Insekt trägt überhaupt einen Namen, der Rest ist noch gar nicht bestimmt. Und, es gibt noch viel mehr Arten als angenommen. So haben kanadische Forscher mittels modernster Methoden versucht, die Vielfalt der Familie der Gallmücken zu bestimmen, wie Baur sagt: «Bisher ging man von rund 1000 Arten aus, nach der Studie weiss man, dass es gegen 16 000 sein müssen.» Hochgerechnet und entsprechend angepasst müssen Entomologen davon ausgehen, dass es weltweit ein Vielfaches der Insektenarten gibt, als die rund eine Million bekannten. Und in der Schweiz? «Bis jetzt gingen wir von rund 30 000 Arten aus. In Wirklichkeit dürften es wohl 45 000 bis 60 000 sein.»

Über drei Viertel aller bekannten Tierarten sind Insekten.

 

So weit könnte alles in Ordnung sein und den wenigen Entomologen in der Schweiz sollte die Arbeit auf Jahrzehnte nicht ausgehen. Doch die Realität sieht anders aus: Die Insekten sind enorm unter Druck, unzählige sind bereits verschwunden, andere in bedrohlichem Ausmass zurückgegangen. Hannes Baur ist überzeugt, dass viele Arten aussterben werden oder schon ausgestorben sind, von denen wir nicht einmal wissen, dass es sie überhaupt gab oder gibt.

Denn im Gegensatz zu Eisbären, Pandas oder Delfinen haben Insekten kaum eine Lobby. Kein Wunder, wer mag schon Wes- pen auf dem Konfibrot? Und wer an einem Sommermorgen aufwacht und wie ein Streuselkuchen aussieht, wird kaum Hemmungen haben, sein Schlafzimmer für die nächste Nacht mittels Insektenspray mückenfrei zu machen. Und wen, bitte, stört es, dass auch nach langer Autobahnfahrt die Windschutzscheibe schon längst nicht mehr wie ein Insektenfriedhof aussieht? Wohl die wenigsten. Doch das ist ein Fehler, wie Hannes Baur erklärt: «Sterben die Insekten, fehlt ein wichtiges Glied in der Nahrungskette und die ganze Zivilisation bräche auseinander.»

Nein, das ist kein Teilnehmer der Streetparade, sondern eine Pechlibelle.

Früher allgegenwärtig, heute selten: Maikäfer.

Bunte Vielfalt im Uhrzeigersinn: Grosser Gabelschwanz, Smaragdlibelle, Rüsselkäfer und Hannes Baur mit einem Insektenkasten mit Prachtkäfern.

Dabei geht es nicht nur um die elementar wichtige Bestäubung der Pflanzen, sondern um ein enorm komplexes Zusammenspiel der ganzen Natur. Die Insekten stehen mehr oder weniger am Anfang der gesamten Nahrungskette, und zwar zu Wasser und zu Land. Alles, was krabbelt, flattert, fleucht und summt hat seine wichtige Aufgabe, auch wenn die Tiere in der Beliebtheitsskala beim Menschen ganz unten stehen. Kurz: Ohne Insekten keine Biodiversität, und damit wäre das grosse Lichterlöschen angesagt.

Das Bedenkliche an der ganzen Sache ist aber nicht nur die Tatsache, dass die Insekten zurückgedrängt werden, sondern dass das während langer Zeit kaum jemand bemerkt hatte. Erst eine deutsche Studie, die sogenannte Krefelder-Studie, sorgte 2017 dafür, dass die Thematik überhaupt in die Öffentlichkeit gelangte. Für die Studie hatten die Forscher an verschiedenen Standorten in Deutschland standardisierte Insektenfallen aufgestellt und die Daten über drei Jahrzehnte ausgewertet. Dabei bestimmten sie nicht die einzelnen Arten, sondern mittels einer ausgeklügelten Methode das Gesamtgewicht der in die Fallen gegangenen Tiere. Das Resultat verschlug selbst gestandenen Entomologen die Sprache: Laut Studie ging die Biomasse während der untersuchten 27 Jahre um durchschnittlich 75 Prozent zurück. Diese Zahlen dürften auch auf die Schweiz und andere Länder zutreffen. Dass die Abnahme der Insekten so eklatant ist, hatte auch Hannes Baur nicht erwartet: «Mir fiel der Rückgang zwar schon im Jahr 2013 auf. Damals fingen wir im Tessin auf dem Monte San Giorgio bei idealen Bedingungen zu Studienzwecken in vier Tagen 30 Individuen von Erzwespen – normalerweise hat man an einem Tag ein Vielfaches davon. Aber dass es so schlimm ist, zeigte uns auch erst die Krefelder-Studie.»

In der Schweiz kennt man 30 000 Arten. Hierzulande vermutet man aber eineinhalb bis doppelt so viele.

 

Entsprechend wurde diese von vielen Stellen kritisiert. Was nicht weiter verwundert, denn das Problem ist menschgemacht. Und das gleich auf verschiedenen Ebenen. An vorderster Front dürfte dabei die Intensivlandwirtschaft mit Monokulturen und dem grossflächigen Einsatz von Pestiziden stehen. Aber auch die immer schneller fortschreitende Zersiedlung zerstört den Lebensraum vieler Insektenarten. Immerhin wird in der Schweiz jeden Tag eine Bodenfläche von acht Fussballfeldern überbaut. Dabei fängt es schon im Kleinen an, wie Baur anhand einer Luftaufnahme des Bremgartner Waldes bei Bern, auf dem unzählige Waldwege zu sehen sind, erklärt: «Auch wenn es für uns wie die pure Natur aussieht, kann so ein Waldweg für Laufkäfer bereits eine unüberwindbare Grenze sein. Durch diese Barrieren ergeben sich ‹Habitatsfragmentierungen› und die Arten können sich nicht austauschen, was zu einer genetischen Ausdünnung führt.» Ebenfalls problematisch für viele Insektenarten sind die Regulierung der Gewässer und die zunehmende Lichtverschmutzung. Dabei sind es auch kleine Dinge, von denen man kaum denkt, dass sie Insekten enormen Schaden zufügen. Moderne Mähmethoden mit Grossmaschinen etwa: 35 bis 60 Prozent der Honigbienen und bis zu 70 Prozent der Heuschrecken fallen diesen und der Siloballenherstellung zum Opfer.

Grosser Druck auf die Insekten

Doch wie kann das Insektensterben aufgehalten werden? Für Hannes Baur keine einfache Frage. Der Siedlungs-, Produktions-, aber auch Freizeitdruck des Menschen drängt die Insekten zurück. Das Einzige, was dagegen hilft, sind natur- belassene Flächen. Doch die werden in der Schweiz immer seltener. Immerhin: Projekte von Bund und privaten Umweltorganisationen, die entsprechende Massnahmen unterstützen, etwa das Liegenlassen von Totholz oder die Renaturierung von Gewässern, zeigen kleine positive Effekte. Was jedoch für den Entomologen sehr wichtig ist: «Wir müssen mittels Sammlungen und Monitorings mehr in die Forschung und Dokumentation von Insekten investieren. Je besser wir diese Tiere kennen und verstehen, desto besser können wir auch Strategien zu ihrem Schutz entwickeln.» 

​​​​​​​ Das grosse Summen

Coop engagiert sich für Bienen – das freut auch andere Insekten.

So unterstützt Coop zusammen mit Bio Suisse mit der Initiative «Blühende Schulen» Schulklassen dabei, biodiverse Flächen für Bienen und andere Insekten zu schaffen. Seit 2016 haben sich insgesamt 5905 Schulklassen mit rund 84 000 Kindern, Jugendlichen und Lehrpersonen für die Aktion engagiert und zusammen über 73 200 Quadratmeter zum Blühen ge- bracht. Ebenso unterstützt die Coop Patenschaft für Berggebiete die Bienenzucht. Interessierte können mit einer Bienenpatenschaft helfen, die Bienenzucht im Berggebiet aktiv zu fördern und den Bergbauern zu ermöglichen, die Imkerei als zweites Standbein aufzubauen. Das ist ein wertvoller Beitrag zur alpinen Landwirtschaft.

Mehr Infos dazu unter: