Ein Stuhl kommt selten allein | Coopzeitung
X

Beliebte Themen

Lifestyle

Ein Stuhl kommt selten allein

Jeder kennt die traditionellen Wiener Stühle aus gebogenem Holz. Aber keiner kennt sie so gut wie Dieter Staedeli, der aus seiner Passion für die Sitzmöbel von Michael Thonet ein Fachgeschäft für «Wiener Möbel» eröffnete.

FOTOS
Kostas Maros
19. Oktober 2020
Dieter Staedeli inmitten seines Lagers von Wiener Stühlen, die auf ihre Restaurierung warten.

Dieter Staedeli inmitten seines Lagers von Wiener Stühlen, die auf ihre Restaurierung warten.

«Früher habe ich in allen Restaurants oder Hotels jeden Bugholzstuhl umgedreht, um nach einem Kennzeichen des Herstellers Ausschau zu halten», sagt Dieter Staedeli, Kenner von Wiener Bugholzstühlen. «Für meine Begleiter war das manchmal etwas unangenehm, manchmal aber auch lustig.» Immerhin, für spezielle Tischgespräche war jeweils gesorgt.

Heute bleiben seinen Begleitern solche Situationen aber zumeist erspart, schliesslich kennt Staedeli schon von Weitem jeden Bugholzstuhl. Was zu dieser «Déformation professionnelle» geführt hat, begann allerdings – wie so oft – ganz harmlos vor bald dreissig Jahren, als er eines Tages aus einem Abfallcontainer einen arg ramponierten Stuhl mit Wurstresten und Senf herausfischte. Aber die Formensprache, leicht geschwungen und aus gebogenem Holz, faszinierte ihn so, dass er ihn gleich mit nach Hause nahm. Und da die Welt oft voller Zufälle ist, besass seine Mutter damals ein altes, zerfleddertes Büchlein über Michael Thonet, den Erfinder dieser sogenannten Bugholzstühle. Darin fand sich ein Abbild des aus dem Müll gezogenen, lädierten Stuhles. «Das Sitzmöbel Nr. 59 von circa 1895», erklärt der 56-Jährige. «Dies hat mich so begeistert und interessiert, dass ich den Stuhl gleich restauriert habe. Und zwar ohne Fachwissen und damit natürlich kreuzfalsch.»

Trotzdem, der Stuhl, die Technik, wie die Einzelteile zusammen mit Schrauben verbunden wurden, und vor allem seine Formensprache zogen Staedeli derart in den Bann, dass es um ihn geschehen war. Er hat den Stuhl noch heute, «und ich werde ihn auch nie mehr wieder weggeben», betont er.

Die vielen filigranen Details der Stühle sorgen dafür, dass Dieter Staedeli die Arbeit nicht ausgehen wird. Wichtig ist, dass auch nach einer Restauration die originale Patina erhalten bleibt.

Damit könnte die Geschichte nun zu Ende sein, hätte sich Staedeli nicht mit dem Sammlervirus infiziert. Denn plötzlich zog es den Architekten in seiner Freizeit auf Flohmärkte und in Brockenstuben, immer auf der Suche nach diesen Stühlen aus gebogenem Holz, die der Möbelindustrie-Pionier Michael Thonet vor über 150 Jahren erfunden und in Wien hergestellt hatte. Und er wurde fündig. «Schliesslich», so Staedeli, «werden die Stühle bis heute in allen Variationen von unzähligen Herstellern nachgebaut.» Oft erstrahlen sie in allen nur erdenklichen, dilettantisch aufgepinselten Farben und erzählen von einem wilden WG-Leben und entsprechend «kreativen Anflügen». Zum guten Glück handelt es sich bei diesen Exemplaren aber meist um eher wertlose, neuzeitliche Imitate.

Unverkäufliche Raritäten

Originale und Raritäten stechen dem Sammler auf den ersten Blick ins Auge. Denn seit dem Zufallsfund im Müllcontainer hat sich vieles getan. In seinem 1998 eröffneten Laden in Basel restau- riert und verkauft Staedeli diese Stühle. Aber nicht nur. Sein Laden ist gleichzeitig auch ein Museum. Entsprechend finden sich dort Raritäten, Prototypen und Einzelstücke, die er auch für viel Geld und gute Worte nicht verkaufen würde.

«Kaum ein Architekt oder Designer kam in dieser Zeit an diesen Stühlen vorbei.»

Dieter Staedeli

Allerdings fand Thonet, der die Stuhlherstellung revolutionierte, indem er das Holz über Dampf bog und so eine gänzlich neue Formensprache der Stühle ermöglichte, auch viele Nachahmer. Daher kann der für den Laien optisch gleiche Stuhl ein Fall für das WG-Zimmer oder eben für das Museum sein. Und zwar nicht nur für Dieter Staedelis kleines Ladenmuseum, sondern auch für viele andere Institutionen weltweit, die unterdessen auch gerne auf das Fachwissen des Baslers zählen und Stühle von ihm in ihre Sammlungen aufgenommen haben. Und als ob nicht schon genug über Thonet und seine damaligen Mitstreiter geschrieben worden wäre, hat der Spezialist öfters seine Ferienpläne angepasst. Getreu dem Motto: Warum denn am Strand liegen, wenn es in Archiven so viel Wissenswertes zu entdecken gibt? Also durchstöberte er in den Anfangszeiten seines Ladens unzählige über hundert Jahre alte Zeitungen nach Inseraten von Anbietern oder auch entsprechenden Artikeln, wie er sagt: «Kaum ein Architekt oder Designer kam in dieser Zeit an diesen Stühlen vorbei. Daher wurde auch immer wieder darüber geschrieben.» In der Tat wurden die geschwungenen Stühle und Kleinmöbel von Thonet und Co. zum Sinnbild des verspielten Jugendstils um 1900, obwohl die Gattung der gebogenen Stühle auch bereits die 1950er-Jahre vorwegnahm. Und selbst die klar strukturierte Bauhauszeit der 1920er-Jahre setzte auf die Formensprache der Stühle und deren optische Leichtigkeit. «Dabei dachte noch niemand an diese Epochen, als Thonet seine Stühle auf den Markt brachte», erzählt Staedeli.

Mehr Arbeit als Geld

Thonet

Revolution am Stuhl

Der 1796 im deutschen Boppard geborene Michael Thonet entwickelte die bahnbrechende Idee, aus mittels Dampf gebogenen Holzleisten Kleinmöbel und vor allem Stühle herzustellen. Doch der Erfolg seiner Idee blieb vorerst aus. Erst nachdem Thonet nach Wien emigriert war, konnte er sich nach und nach auf dem Markt durchsetzen.

Er revolutionierte die Stuhlproduktion, indem er in Gross-Serien industriell produzierte. Sein Stuhl Nr. 14 von 1859 verkaufte sich rund 50 Millionen Mal und gilt bei Designern und Architekten noch immer als «Stuhl aller Stühle».

Um 1900 beschäftigte die Firma Thonet rund 6500 Mitarbeiter in sechs Fabriken. Die Stühle waren sowohl in Kneipen, Hotels als auch in Palästen zu finden. Entsprechend rief Thonets Erfindung auch viele Nachahmer auf den Plan. Allen voran die Wiener Firma J. & J. Kohn. Aber auch die Schweizer Stuhlfabrik Horgen Glarus (vor 1902 Emil Baumann) produzierte erfolgreich mehrere Thonet-Modelle. Michael Thonet starb 1871 in Wien.

Reich wird er mit seinen Stühlen aber nicht. Denn die oft komplizierte Restaurierung verlangt viel Know-how und noch viel mehr Zeit. Da müssen alte Farbschichten mühsam von Hand entfernt und Schelllackschichten minutiös aufgebaut werden. Und wenn die Stühle defekte Flechteinsätze haben, wirds sowieso aufwendig, wie er erklärt. «Zum Glück habe ich aber ein paar Spezialistinnen an der Hand, die das noch in traditioneller Handarbeit flechten können.»

Auf seine Stühle will Städeli trotzdem nicht verzichten, im Gegenteil: «Ich würde es noch weitere 200 Jahre machen», sagt er lachend. Zu viel hat er mit seinen Stühlen schon erlebt. Gerade vor ein paar Tagen machte er etwa eine Expertise eines Thonet-Stuhls für die TV-Sendung «Bares für Rares». Und erst vor wenigen Jahren kam ans Licht, dass vor weit über hundert Jahren, unweit von seinem Geschäft entfernt, ein grosses Bugholzmöbellager der Firma Jacob & Josef Kohn existierte, mit der gleichen Firmenanschrift «Wiener Möbel», wie sie Staedeli heute auch trägt. «Als ich das historische Foto sah, begann mein Herz doch sehr zu klopfen», sagt er mit einem Augenzwinkern. Und als kürzlich ein gepflegter Mann seinen Laden betrat, alles lange anschaute und sich alsdann als «Herr Thonet» vorstellte, blieb Staedelis Herz tatsächlich für einen Moment stehen, wie er erzählt: «Herr Georg Thonet, die siebte Generation der Gebrüder Thonet, hatte in Basel zu tun und wollte einmal selbst in ‹sein› Geschäft kommen und alles bestaunen».

Mehr zu Dieter Staedeli und Thonet finden Sie auf seiner gut dokumentierten Homepage.

Schraubenzieher

Qualität verpflichtet

Der Schweizer Traditionshersteller PB Swisstools ist bekannt für hochwertige Kleinwerkzeuge in professioneller Qualität. Von PB Swisstools ist beispielsweise der Schraubenziehersatz Classic PB1561 CBB bei Coop Bau + Hobby für Fr. 39.95 erhältlich. Die Schraubenzieher für Schlitz- Schrauben überzeugen mit Klingen mit präziser Spitze, verchromter Oberfläche, sicherem Rostschutz und schlankem Griff. Dank der hochwertigen Materialisierung sind die Schraubenzieher in den Grössen 1 bis 5 schlagfest und Öl-/Benzin-beständig.