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Jugendausgabe 2020

«Das Wort ‹normal› kann man streichen!»

Um den Beruf einer Flugbegleiterin gibt es viele Klischees. Wie aber sieht ihr Arbeitsalltag wirklich aus? Cabin Crew Member Ramona Morbach weiss es.

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Salvatore Vinci
02. November 2020
Ramona Morbach schätzt die Abwechslung ihres Berufs. Anstrengend ist er trotzdem:  «Man benötigt ein bis zwei Tage pro Woche, nur um sich zu erholen.»

Ramona Morbach schätzt die Abwechslung ihres Berufs. Anstrengend ist er trotzdem: «Man benötigt ein bis zwei Tage pro Woche, nur um sich zu erholen.»

Gestern noch in Athen, morgen schon in Shanghai. Die Ausbildung dauert nicht lange, die schafft man sowieso mit Leichtigkeit. Im Flieger etwas Kaffee und Tomatensaft servieren, den Rest des Fluges kann man sich entspannt auf die schönsten Hotels freuen. So stellen sich die meisten den Beruf einer Flugbegleiterin oder eines Flugbegleiters vor – oder eines Cabin Crew Members, wie es heute offiziell heisst. Dass das nicht unbedingt zutrifft, weiss Ramona Morbach, Flugbegleiterin bei Swiss International Air Lines.

Bevor Ramona sich für diesen Beruf entschied, studierte sie Tourismus in Bayern. Nach einem Auslandssemester in Wien suchte sie nach einem Nebenjob, den sie flexibel planen konnte, um sich, wenn nötig, ganz auf die Prüfungen zu konzentrieren. Genau das fand sie als Messehostess in München (D). Eines Tages erzählte eine Kollegin von ihrem spannenden Alltag als Flugbegleiterin. Der Wunsch nach einem solchen Leben war geboren!

Teamfähigkeit steht über allem

Zu dieser Zeit wohnte ihr Freund in Zürich, darum lag die Entscheidung nahe, sich bei der Swiss zu bewerben. «Angst vor Neuem darf man als Cabin Crew Member nicht haben», erzählt die 23-Jährige, «also entschied ich spontan, dass ich diesen Weg einschlagen wollte.»

Beim Bewerbungsgespräch werden die Kandidatinnen und Kandidaten auf sämtliche Charaktereigenschaften geprüft, «da nicht jeder Typ uneingeschränkt für diesen Beruf geeignet ist». Stressresistenz, die Fähigkeit, schnell Entscheidungen treffen zu können, Anpassungsfähigkeit und allen voran Teamfähigkeit und Flair für Dienstleistung werden eingehend geprüft.

«Man sollte sich nicht von reflexartigen Emotionen leiten lassen.»

 

Im Verlauf der Ausbildung musste Ramona Morbach erfahren, dass weit mehr in diesem Beruf gefordert wird, als dass sie erwartet hatte. Schwimmtraining in voller Kleidung, Wiederbelebung, Brandbekämpfung und medizinische Kenntnisse sind nur einige von vielen Fähigkeiten, die erlernt werden müssen – und jährlich aufs Neue aufgefrischt werden. Irgendwann geht es ans Fliegen.

Aber wie sieht denn jetzt ein normaler Tag einer Flugbegleiterin wirklich aus? «Das Wort ‹normal› kann man gleich aus dem Wortschatz streichen. Jeder Tag ist anders, was mir aber sehr gut gefällt.» Ramona muss ihr Leben ganz nach ihren Einsätzen ausrichten und flexibel bleiben, denn bei Swiss arbeitet man jeden Tag mit einer neuen Crew zusammen. Die Arbeitszeiten können variieren. Es ist naheliegend, dass ein solcher Job auch die Persönlichkeit beeinflussen kann. «Man wird schon ein wenig eitel, wenn man Hunderten Passagieren begegnet und dabei perfekt aussehen möchte.» Auch die Menschenkenntnis hat sich bei ihr stärker ausgeprägt, seit sie bei Swiss arbeitet. Zum einen, weil sie Fluggäste aus aller Welt bedient, zum anderen, weil die Kolleginnen und Kollegen in der Cabin Crew täglich wechseln. «Das hat sein Für und Wider, die positiven Aspekte überwiegen jedoch», meint sie. «Es passieren jeden Tag sehr viele Dinge und man sollte sich nicht von reflexartigen Emotionen leiten lassen. Wenn man sich professionell an die Aufgaben hält, die jeder zu erledigen hat, gleicht es einem Schweizer Uhrwerk, bei dem alle Zahnräder perfekt ineinander greifen.»

Der Beruf hat aber auch seine Schattenseiten. Es sei manchmal anstrengend, keinen geregelten Tagesablauf zu haben; vier Starts und Landungen pro Tag können ihre Spuren hinterlassen. «Man benötigt ein bis zwei Tage pro Woche, nur um sich zu erholen», weiss Ramona. Sich mit Freunden und Bekannten zu verabreden, ist auch nicht einfach. Da sie den Einsatzplan gegen Ende des Monats erhält, gestaltet sich die längerfristige Planung oft schwierig. Weshalb sie sehr spontan geworden sei. «Das verstehen die meisten meiner Freunde», erklärt sie.

Zieht sie Bilanz, fällt es ihr schwer, nicht ins Schwärmen zu geraten. Besonders schätzt sie die gemeinsame Zeit mit ihren Berufskolleginnen und -kollegen nach Ende eines Flugs. Oft geht man noch gemeinsam in eine Bar – zumindest, als dies vor Corona noch möglich war. «Einmal waren wir alle zusammen beim Schlittschuhlaufen in Moskau.» Ein ganz besonderes Erlebnis, das sie nicht so schnell vergessen wird.