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Endlich Feierabend!

Feierabend klingt nach Spass und Party. In der Realität landen die meisten Menschen jedoch erschöpft auf dem Sofa. Doch das muss nicht sein. Und vor allem: Das war nicht immer so.

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Heiner H. Schmitt
27. Januar 2020
Bewegung nach dem Tag im Büro tut uns gut - ein Handstand muss es natürlich nicht sein.

Bewegung nach dem Tag im Büro tut uns gut - ein Handstand muss es natürlich nicht sein.

Haben Sie sich auch schon gefragt, was die lieben Arbeitskolleginnen oder der spröde Chef nach Dienstschluss eigentlich so treiben? Feiern sie ausgelassene Sexpartys im Keller oder spielen sie dort doch nur mit der Modelleisenbahn? Die Wahrscheinlichkeit sagt: weder noch. Unsere repräsentative Umfrage (auf Seite 11) zeigt, dass über die Hälfte der Schweizerinnen und Schweizer am Feierabend nur noch eines wollen: ihre wohlverdiente Ruhe.

Fernsehen, Lesen oder auch einfach Faulenzen und Nichtstun gehören mit Abstand zu den Lieblingsbeschäftigungen von Herrn und Frau Schweizer. Das ist einerseits beruhigend. Niemand muss mehr ein schlechtes Gewissen haben, wenn er abends den Fernseher einschaltet, bevor er die Jacke ausgezogen hat und sich dann mit einem Teller aufgewärmter Spaghetti aufs Sofa fallen lässt. Problematisch ist es erst, wenn Sie am Feierabend so platt sind, dass Sie gar nichts mehr anderes machen können, als sich mit letzter Kraft in die Wohnung zu schleppen und dort alle viere von sich zu strecken.

Auch dann müssen Sie sich nicht fragen, was Sie am Feierabend falsch machen. Aber vielleicht, ob Sie tagsüber das Richtige tun ...

Herzlich

Raus aus dem Anzug und rein in die bequeme Jogginghose. Schnell auf ein Bier mit Freunden oder doch noch eine Runde aufs Laufband. Nach durchschnittlich etwas mehr als acht Stunden arbeiten sieht es in der Schweiz so oder so ähnlich aus – dann machen wir langsam Feierabend.

Feierabend, ein Wort, das sich eigentlich gar nicht eins zu eins in eine andere Sprache übersetzen lässt. In der deutschen Sprache markiert der Feierabend nämlich nicht nur das Ende des Arbeitstages, er beschreibt auch die Zeit, die danach kommt. Doch gefeiert wird selten. Wir Schweizer gucken nämlich viel lieber in die Röhre. Laut einer repräsentativen Umfrage der Coopzeitung verbringt knapp jeder vierte Schweizer seine Zeit nach der Arbeit vorzugsweise vor dem Fernseher. Lesen und einfach nur faulenzen folgen auf der Liste der liebsten Beschäftigungen am Feierabend. Immerhin, Personen zwischen 15 bis 29 Jahren werden gerne noch mal aktiv: Sie treiben nach dem Arbeitstag häufig Sport oder treffen sich mit Freunden.

Was heute den Abschluss der Arbeit und die Zeit danach beschreibt, hatte ursprünglich eine religiöse Bedeutung. Das spätmittelhochdeutsche Wort «vīrabent» bezeichnete nämlich den Vorabend eines kirchlichen Feiertages. Am «vīrabent» legte man die Arbeit früher nieder, kleidete sich festlich, besuchte den Abendgottesdienst. Die Handwerkerzunft deutete den Begriff dann nach dem 16. Jahrhundert zur «Ruhezeit nach der Arbeit» um.

Der Feierabend, den wir heute kennen, ist ein recht junges Phänomen. Die klare Trennung zwischen Arbeits- und Freizeit gibt es nämlich erst seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Ob gearbeitet oder geruht wurde, war im Mittelalter beispielsweise durch die Sonne, die Jahreszeiten, Wettereinflüsse und vor allem durch zahlreiche religiöse Feste bestimmt. Ein durchschnittlicher Arbeitstag dauerte von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, war im Winter kürzer und im Sommer länger. Erst durch die ersten Fabrikgesetze Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die Arbeitszeiten in der Schweiz klar geregelt. Man kürzte den Arbeitstag von durchschnittlich 14 auf 11 Stunden pro Tag und reduzierte die Arbeitszeit 1920 auf 48 Stunden in der Woche. Trotz der neu gewonnenen freien Zeit, galt der Feierabend jedoch noch bis in die 1950er-Jahre als «Restzeit», die nach der Arbeitszeit noch übrig blieb. Erst danach entwickelte sich die Freizeit zu einem eigenständigen Bereich, dem man, unabhängig von der Arbeit, eine Bedeutung im Leben zusprach.

Feierabend damals und heute

Durch technische Errungenschaften entstanden neue Freizeitbeschäftigungen, die unseren Feierabend massgebend beeinflussten. Vor allem die 60er-Jahre, als der Fernseher Einzug in die Schweizer Haushalte hielt, markierten einen Wendepunkt. Die freie Zeit war von da an stärker konsumorientiert. Bis in die 70er-Jahre verbrachte man den Abend vorzugsweise drinnen. Der deutsche Zukunftsforscher Horst Werner Opaschowski (79) fasst die liebsten Freizeitaktivitäten zu jener Zeit mit den sogenannten drei Freizeit-F zusammen: Fernsehen, Flaschenbier, Filzpantoffeln.

Obwohl die Zeit vor dem Fernseher noch heute die liebste Feierabendbeschäftigung der Schweizer ist, entwickelte sich in den 1980ern parallel dazu ein Verständnis der Freizeit als «Erlebniszeit». Eine Zeit, die es zu geniessen und zu nutzen galt. Spass, soziale Kontakte, aber auch die Selbstverwirklichung standen im Zentrum. Die Freizeit – und der Feierabend als Teil davon – emanzipierte sich endgültig als eigenständiger Bereich neben der Arbeitszeit.

Heute scheint diese klar gezogene Linie zwischen Arbeit und Freizeit wieder zu verschwimmen. «Der Stellenwert von Entspannung und Erholung hat abgenommen. Leistung und Erfolg stehen im Zentrum», sagt Dieter Kissling (63), Arbeitsmediziner und Leiter des «ifa – Institut für Arbeitsmedizin». Ebenso müssen wir uns im Job vielen neuen technologischen und psychologischen Anforderungen stellen, die nicht nur unsere Arbeit, sondern auch unsere Feierabendgestaltung verändern. Deshalb ist es laut Kissling heute viel schwieriger, den Kopf nach Feierabend abzuschalten, sich richtig zu erholen. Doch genau diese Erholung ist es, die die meisten von uns am Abend suchen.

Eine klare Grenze zwischen Arbeit und Freizeit ziehen: Nur so können wir laut Experten am Abend richtig abschalten.

«Unter anderem dafür verantwortlich ist der Wandel von der körperlichen Arbeit zur Kopfarbeit», erklärt der Arzt. Wenn man sich früher nach dem meist körperlich anstrengenden Job aufs Sofa legte, konnte man bereits abschalten. «Das geht heute nicht mehr so einfach.» Zudem habe sich die Arbeit stark verdichtet. «Durch die technologische Entwicklung sind viele immer erreichbar, können jederzeit auf die Arbeit zugreifen.» Das sorgt für zusätzlichen Stress. Studien zeigen: Wer häufig nach Feierabend beruflich erreichbar ist, hat eine höhere Depressionsrate, ein erhöhtes Erleben von Stress. Bezeichnend dafür ist, dass sich viele Leute nach der Arbeit nicht mehr zu etwas aufraffen können, lieber vor dem TV hocken. Doch genau das ist laut Kissling keine gute Entspannungsmethode. «Beim Fernsehen drehen die Gedanken oft weiter.» Dabei wäre das Abschalten von der Arbeit für unser Wohlbefinden essenziell. «Es ist sehr wichtig, am Feierabend bewusst eine Grenze zwischen Arbeit und Freizeit zu ziehen», rät der Experte. Sich schon auf dem Heimweg einen Moment vorzustellen, ab dem man nicht mehr an die Arbeit denkt. Dieses Abschalten ist zwar schwer, man kann es aber trainieren.

Den Feierabend nutzen

Ebenso ist es laut Kissling wichtig, seinen Feierabend bewusst zu gestalten: aktive Tätigkeiten auszuführen, sich zu bewegen, soziale Kontakte zu pflegen oder gezielte Entspannungsmethoden anzu- wenden. Das bestätigen verschiedene Studien. Forscher der australischen Curtin University haben beispielsweise analysiert, wie sich das, was wir am Feierabend tun, auf unseren Job auswirkt. Das Ergebnis: Wer nach der Arbeit noch einer körperlichen oder mentalen Aktivität nachgeht, der schläft besser und ist am nächsten Tag leistungsfähiger. Was für die einen das gute Buch ist, ist für die anderen das Essen bei Freunden oder der Besuch im Fitnessstudio. Das führt laut den Wissenschaftlern dazu, dass man das positive Gefühl hat, noch etwas geschafft zu haben.

«Fernsehen ist keine gute Entspannungsmethode.»

Dieter Kissling, Arbeitsmediziner

Ein Team um die deutsche Psychologin Sabine Sonnentag (59) fand zudem in einer Studie heraus, dass Personen besonders gut bei Aktivitäten entspannen können, die nichts mit ihrer Arbeit zu tun haben. Flugbegleiter beispielsweise erholen sich laut der Studie schlechter, wenn sie abends noch mit ihren Arbeitskollegen Zeit verbringen. «Flugbegleiter haben so viele soziale Kontakte, da scheinen weitere am Feierabend eine zusätzliche Belastung zu sein», erklärt die Psychologin.

Sitzen Sie also in Ihrem Job vor dem Computer, so sollten Sie der Studie zufolge am Feierabend noch sportlich aktiv werden. Doch keine Angst, liebe Sportmuffel, nach getaner Arbeit einen Marathon zu rennen, ist laut Dieter Kissling kontraproduktiv. «Man muss aufpassen, dass man beim Sport am Feierabend nicht wieder zu hohen Leistungsansprüchen verfällt», erklärt er. Das stresst. «Eine reduzierte Bewegungsleistung ist viel gesünder.» Ebenso ist es wichtig, frühzeitig ins Bett zu gehen. Schlaf ist nämlich für unser Wohlbefinden essenziell. «90 Prozent der Schweizer brauchen sieben bis acht Stunden Schlaf», so Kissling. Rechnet man die Zeit nach Feierabend, die wir für Bewegung, Entspannung oder soziale Kontakte benötigen, dazu, dann brauchen wir circa zwölf Stunden Ruhezeit zwischen Arbeitsende und -beginn. «Um unsere Batterien richtig aufzuladen, das Erlebte zu verarbeiten, Gehirn und Körper Erholung zu gönnen.» Was wir heute oft vergessen: Der Feierabend ist mehr als nur der «Lückenbüsser» zwischen der Arbeitszeit. «Feierabend, unsere freie Zeit, ist genauso wichtig wie die Zeit, die wir auf der Arbeit verbringen,» hält der Experte fest.


Bier bleibt die Nummer eins

Katja Weber

Mitinitiantin von «Frau Gerolds Garten» in Zürich.

Es ist ein Stück Schweizer Alltagskultur, das Feierabendbier. Dabei muss es gar kein Bier sein. Katja Weber (39) erklärt, wie die Schweizer beim Feierabendbier so ticken. Sie ist Mitinitiantin von «Frau Gerolds Garten» in Zürich. Der Betrieb mit dazugehörendem Garten wurde von Schweiz Tourismus zu einer der beliebtesten Apéro-Locations gekürt.

Wie hat sich der Feierabend aus Ihrer Sicht verändert?
Das ist schwer zu sagen und eher ein Bauchgefühl: Ich glaube, dass sich das Verhalten dahingehend verändert, dass das Beisammensein nach dem Arbeitsalltag immer wichtiger wurde beziehungsweise wird. Ich denke, dass dies am stetig steigenden Stressfaktor im Arbeitsalltag liegt. Echte Orte der Begegnung, Erholung und des Austausches sind in meinen Augen am Feierabend gefragter denn je.

Wirken die Leute, die direkt nach der Arbeit kommen, gestresst?
Manchmal merkt man schon, dass am Anfang des Abends zum Teil noch eher gestresste Leute vor Ort sind. Je länger der Abend geht, desto entspannter werden unsere Gäste. Somit gehe ich davon aus, dass unser Garten bei den meisten Gästen für Entspannung sorgt.

Welches Getränk wird zur Apérozeit am häufigsten bestellt?
Bei uns sind es immer noch die Klassiker, die an frühen Abendstunden getrunken werden: Bier, gespritzter Weisswein, Prosecco, Apérol Spritz. Zwischendurch gibt es immer wieder kleine Trends – letztlich halten sich aber die Klassiker.

Der Begriff Feierabendbier hat also immer noch seine Berechtigung?
efinitiv. Auch wenn es Ausweichgetränke gibt, das Bier ist immer noch das meistkonsumierte Getränk am Feierabend.

Zu welcher Uhrzeit ist am meisten los?
Dies ist sehr wochentag- und wetterabhängig. Das Feierabendgeschäft geht aber ganz klar ab circa 17 Uhr los. Am meisten läuft zwischen 19 bis 22 Uhr. Je nach Jahreszeit verschiebt sich diese Uhrzeit und kann weit über das klassische Feierabendbier hinausgehen.

Welche wirtschaftliche Bedeutung haben die Feierabendstunden für Ihren Betrieb?
Durch unsere Lage inmitten des Quartiers mit zahlreichen Arbeitsplätzen und nahen Wohngebieten sind die Feierabendstunden sicherlich eine ganz wichtige Zeit für uns. Bei «Frau Gerolds Garten» gibt es aber für verschiedene Zielgruppen unterschiedliche Lieblingszeiten – jede ist für uns wichtig.

Was macht für Sie einen gelungenen Feierabend aus?
Der perfekte Feierabend ergibt sich für mich aus einem erlebnisreichen Arbeitstag in einem guten Team –und endet in einem gemeinsamen Abend mit Kollegen und Freunden an einem schönen Ort. Einem Ort, an dem man sich willkommen fühlt und der gerne einen gewissen Kontrast zum Arbeitsplatz darstellen darf.