X

Beliebte Themen

Müll sammeln

Erziehung mit der Greifzange

Privatpersonen säubern den öffentlichen Raum. Was man in den USA seit vielen Jahren kennt, wird nun auch in der Schweiz zu einer Bewegung. Der Kampf gegen Littering.

FOTOS
MARKUS LAMPRECHT
09. März 2020

 Pippin sammelt eine achtlos weggeworfene  Getränkeverpackung ein. Für seine Eltern, Christine und Benj, gehört der Kampf gegen Littering auch zur Kindererziehung. 

Pippin (6) klaubt routiniert eine Zigarettenkippe mit der Greifzange auf und lässt sie in den Mistsack fallen, den ihm seine Mutter Christine Volkmer (35) hinhält. Dann dreht er sich weg und hält Ausschau nach dem nächsten Unrat. 

Mit Pippin sind an diesem Nachmittag auch seine Schwester Ronja (3), Finn (4), Nilo (2), Luisa (3) und viele weitere Kinder und deren Eltern des Frickenbuck-Quartiers in Dübendorf ZH auf Abfallsuche. 

«Es geht uns nicht darum, dem Tiefbauamt die Arbeit wegzunehmen», erklärt Benj Volkmer (37), Pippins Vater. Benj und Christine Volkmer haben sich diesen Frühling mit vier weiteren Familien zur «Begegnungszone Frickenbuck» zusammengeschlossen und die Patenschaft für den Höhenweg und die Frickenstrasse in Dübendorf übernommen. Diese zwei Strassenzüge halten sie von Abfall frei. In einem Zwei-Wochen-Rhythmus rüsten sie ihre Kinder mit Greifzangen aus und machen sich auf die Suche nach herumliegendem Abfall. «Viel finden wir nicht», sagt Benj Volkmer, denn die Quartierstrassen werden fast nur von Anwohnern benutzt. Aber hin und wieder liegt doch Abfall herum: eine PET-Flasche, Papiertaschentücher, eine leere Dose. Littering heisst dieses achtlose Wegwerfen von Abfall in der Fachsprache. Weil sich diese Dinge nicht zersetzen oder in Luft auflösen, muss sie irgendwer einsammeln und korrekt entsorgen. In Dübendorf und in vielen anderen Orten tun das vermehrt Freiwillige wie die fünf Familien der «Begegnungszone Frickenbuck». 

Die Idee der Patenschaften für einen bestimmten Teil des öffentlichen Raums kennt man in den USA schon lange. Freiwillige, vor allem Serviceclubs, übernehmen dort die Säuberung ganzer High-way-Abschnitte. Weil sich auch hierzulande immer mehr Menschen am Littering stören, fand die Idee den Weg in die Schweiz. Die Interessengemeinschaft für eine saubere Umwelt (IGSU) hat das schweizweite Raumpaten-Projekt lanciert und unterstützt die lokalen Raumpatenschaften. Die IGSU ist das Schweizer Kompetenzzentrum gegen Littering und engagiert sich seit 2007 national mit Präventions- und Sensibilisierungsmassnahmen für eine saubere Umwelt. Coop ist seit vielen Jahren Mitglied bei der IGSU. 

Bei der IGSU können die Raumpaten Hinweistafeln, Handschuhe und Warnwesten bestellen. «Das macht die Arbeit leichter und erhöht die Sichtbarkeit des Projekts», erklärt Nora Steimer (33), Geschäftsleiterin der IGSU. Aktuell sind 250 Raumpaten, Institutionen, Gemeinden, Schulen und Vereine in 23 Ortschaften tätig.

Präventive Wirkung

Auch wenn sie nicht viel Abfall finden, Benj Volkmer hält die Aufgabe für sehr wichtig. «Es geht uns auch um den pädagogischen Aspekt. Die Kinder erleben von Anfang an, dass man Abfall nicht einfach wegwerfen kann, weil irgendwer das später wieder aufräumen muss.» Er stellt bei seinen Kindern schon jetzt fest, dass sie dem mehr Beachtung schenken und sofort merken, wenn anderswo etwas herumliegt. Zudem stärke es den Zusammenhalt im Quartier: «Der soziale Aspekt dieser Raumpatenschaft ist auch ganz wichtig.»

Die Erfahrung zeige, dass das Bewusstsein für Littering bei den Menschen tatsächlich zunimmt, bestätigt auch Nora Steimer. Die Raumpaten werden wahrgenommen, und wenn die Gebiete sauberer sind, steigt die Hemmschwelle, etwas wegzuwerfen. «Wenn man ausserdem weiss, dass der Nachbar oder Vereinskollege nachher aufräumt, überlegt man sich vielleicht zweimal, ob man Abfall einfach wegwirft», sagt Nora Steimer. «Wo Raumpaten tätig sind, wird weniger gelittert.»

«In Dübendorf beteiligen sich derzeit 26 Familien, Organisationen, Firmen, Schulen oder auch Einzelpersonen am Projekt», sagt Alexandra Fink, Beauftragte Jugend und öffentlicher Raum in Dübendorf. «Manche sagen sich, wenn sie schon jeden Tag spazieren gehen, können sie auch gleich einen Mistsack mitführen und den Abfall einsammeln.» Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung seien durchwegs sehr positiv. Durch die Raumpaten seien nicht nur die zugeteilten Gebiete sauberer, das ganze Thema werde sichtbarer. «Das Projekt ist bereits Stadtgespräch, und seit Anfang September haben sich zehn neue Raumpatinnen und Raumpaten angemeldet», freut sich Alexandra Fink.

Einzelpersonen und Gruppen, die Raumpaten werden möchten, können sich hier registrieren.