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Glück auf!

1947 endete die fast 400-jährige Braunkohlebergbau-Geschichte in Horgen am Zürichsee. Aber noch heute sieht es dort unten aus, als wären die Arbeiter nur kurz zum Znüni gegangen.

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Rainer Eder
12. Oktober 2020
Mit der Stollenbahn, die früher die Bergleute zu ihrem Arbeitsplatz führte, werden heute die Besucher in den Stollen gefahren.

Mit der Stollenbahn, die früher die Bergleute zu ihrem Arbeitsplatz führte, werden heute die Besucher in den Stollen gefahren.

Besucher­berg­werk Horgen

Von April bis Ende November ist das Bergwerk Käpfnach an Samstagen von 13 Uhr bis 16.30 Uhr geöffnet. Während dieser Zeit werden die öffentlichen Führungen angeboten. Gruppenführungen sind jederzeit auf Voranmeldung möglich. 

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Es geht ganz schnell. Wer durch die Tore des Kohlebergwerks Käpfnach in Horgen ZH tritt, landet ruckzuck im späten Mittelalter. Das Zeitreisemobil ist ein Stollenzug, der Reiseleiter durch die Jahrhunderte heisst Elio Keller, und er weiss alles zum Bergwerk, das 1548 erstmals in den Annalen auftaucht.

Eng und enger

Mit einem «Glück auf», dem Gruss der Bergleute, setzt Keller die Stollenbahn in Bewegung. Die Reisenden in Richtung Mittelalter ziehen automatisch den Kopf ein. Doch wer schon in einem der ins- gesamt 80 Kilometer langen Haupt- stollen meint, es sei eng, wird später noch auf die Welt kommen. Keller hält das Züglein ein erstes Mal an und zeigt auf eine zehn bis 50 Zentimeter dicke Schicht in der Stollenwand, dem Kohleflöz, der sich durch das umgebende Gestein zieht. Wirklich begehrt war diese Braunkohle nur zu Notzeiten. Zu schlecht der Brennwert; zu übel die an faule Eier gemahnenden Düfte beim Verbrennen; zu gering das Vorkommen zwischen den anderen Gesteins- und Sedimentschichten. «Aber immer in Krisenzeiten entsann man sich der einheimischen Braunkohle, so auch während der beiden Weltkriege», berichtet der Reiseleiter beim nächsten Halt.

Hart und gut bezahlt

«Frauen wurde nachgesagt, dass sie Unglück bringen.»

 

Dann schickte man die «Häuer» genannten Männer in den Bauch der Erde, um ihr mühselig die Kohle abzutrotzen. Anders kann man die Arbeit dieser Häuer fast nicht beschreiben. «Liegend, in engen Schlitzen und bei grosser Wärme gruben und hauten sie sich vorwärts. Manchmal kamen sie pro Tag nur einen halben Meter weit», erzählt Keller und löscht das Licht im Stollen. So dunkelschwarz wie in diesem Augenblick kann es wohl nur hier unten sein. Dann entzündet er einen Kienspan, ein Stück Fichtenholz, das die Häuer beim Arbeiten oft im Mund getragen haben sollen. Ein kleines Flämmlein wirft schummriges Licht, das sich im Stollen verliert. «Später gab es dann Talglichter und noch später Karbidlampen», gräbt Keller in der Bergwerksgeschichte weiter. Häuer waren berufsstolze Männer, Frauen waren unter Tag nicht willkommen: «Ihnen wurde nachgesagt, dass sie Unglück bringen», meint Elio Keller etwas ironisch. Aber wie in fast jedem Tunnel und Bergwerk dieser Welt schafft es eine Frau auch hier in den Stollen: Die heilige Barbara, die Schutzpatronin der Berg- leute, die ihr Brot tief in der Erde verdienen. Und das muss auch gesagt sein: Die Häuer von Horgen verdienten nicht schlecht: «Umgerechnet auf die heutige Kaufkraft erhielten sie während des Zweiten Weltkriegs etwa 9000 Franken im Monat», erklärt der Tourguide.

Im Kohlebergwerk Käpfnach in Horgen bekommt man einen Eindruck von der Arbeit der Häuer, der Kohlearbeiter.

Freiwilligenarbeit

Die heutigen Häuer, die im 1982 gegründeten Bergwerkverein Käpfnach zusammengeschlossen sind, arbeiten alle ohne Lohn. Ohne sie wäre dieser geschichts­trächtige Ort schon längst der Vergessenheit anheimgefallen. Sie fördern keine Kohle mehr, aber in ungezählten Stunden haben sie das Kohlebergwerk samt angeschlossenem Museum zu einem Besucherbergwerk gemacht.

«Die Stollenbahn fährt nicht mehr mit Diesel, sondern mit Strom, kritische Stellen sind mit Stempeln (Holzstämmen) und Ankern gesichert und historische Relikte sind für die Nachwelt gerettet. Rund 250 000 Besucher wurden in den letzten 40 Jahren bereits durch das Bergwerk geführt», sagt Elio Keller und in seiner Stimme schwingt der sprichwörtliche Häuer-Stolz über das Geleistete der heute rund 40 aktiven Bergwerk-Freiwilligen mit.