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Reportage

Gnade für Tiere

Im aargauischen Kaisten führen zwei Schwestern einen Gnadenhof für 140 Tiere. Die einen wurden nicht mehr gebraucht, die anderen sollten zum Metzger, wieder andere haben ihre Mutter verloren.

FOTOS
Monique Wittwer
02. März 2020

Gnadenhöfe

Besuch auf Anmeldung

Den Tierlignadenhof in Kaisten gibt es seit 1996. Erst wurde er als Verein, seit 2006 als Stiftung geführt. Er steht auf Anmeldung offen, Führungen auf Wunsch. Infos unter: www.tierlignadenhof.ch – weitere Gnadenhöfe: www.gnadenhoefe-schweiz.ch
 

So friedlich ist es vielleicht damals auf der Arche Noah zu und her gegangen: Hunde schmusen mit Lämmern, Hühner wuseln zwischen Pferdebeinen hindurch und von nebenan schauen mit Naom und Lisa zwei kleine Füchslein zu – gut, letztere sind vom Rest der Menagerie abgetrennt. Denn bei aller Liebe zu ihren rund 140 Katzen, Hasen, Eseln, Gänsen, Enten, Ziegen, Schafen, Fischen, Wild-, Meer- und Hausschweinen: Ob auf einem Gnadenhof wirklich alle mit allen Freunde werden, darauf wollen es die 31-jährigen Zwillingsschwestern Stefanie und Janina Sutter dann doch nicht ankommen lassen. Die kaufmännische Angestellte und die Projektmanagerin leiten den Tierlignadenhof in Kaisten AG seit 2016. Gegründet wurde er schon 1996.

Paula war eine 
«Geburtsmaschine», bevor sie in den Gnadenhof kam.

Zärtlich zu allen Tieren: Janina.

Auf dem Hof lebt zum Beispiel Paula. Das riesige Schwein mit den ausgelaugten Zitzen war eine Geburtsmaschine in einem Schweinezuchtbetrieb – man kann es nicht anders beschreiben. Als sie müde wurde, sollte aus ihr Wurstfleisch werden. Oder die taube Hündin Lotta, die sich katzengleich auf dem Schoss von Stefanie Sutter einrollt.

Seit ihrer frühesten Kindheit haben die Schwestern ihre freie Zeit auf diesem Hof verbracht, der 2006 in eine Stiftung überführt wurde. Folglich untersteht der Gnadenhof dem Stiftungsgesetz. Und dem Veterinäramt, das den Hof kontrolliert. Die beiden Frauen begrüssen diese Kontrollen sehr: «Der Begriff Gnadenhof ist ja nicht geschützt. Darum kann jeder einen solchen Betrieb eröffnen – aus welchen Gründen auch immer.» Stefanie Sutter musste auch eine Ausbildung zur Tierpflegerin machen, um die Bewilligung zum Führen des Hofes zu erhalten. Derzeit macht sie eine zusätzliche Ausbildung zur Tierheilpraktikerin.

Wegen Nichtmehrgebrauchs

Der Tierlignadenhof selber findet auch Gnade, und zwar vor den Augen des Schweizer Tierschutzes (STS): «Wir begrüssen solche Initiativen. Doch wir sehen, dass es verschiedenenorts zu Überforderungen kommen kann», so STS- Mitarbeiterin Helen Sandmeier. «Kaisten allerdings ist das Superbeispiel für einen professionell geführten Betrieb.» Diesen Betrieb halten die Schwestern mit ihrem Lohn in ihren erlernten Berufen, mit Spenden, Legaten und Patenschaften auf Kurs. Der monatliche Aufwand beträgt rund 20 000 Franken für Futter, Tierarzt, Unterhalt und Teilzeitangestellte. Aber nur, wenn der Veterinär nicht allzu oft kommen muss. Er kastriert etwa auch alle Katzen, die auf den Hof kommen. «Wir sehen natürlich, dass es zu viele Katzen gibt. Darum sorgen wir dafür, dass sich unsere Tiere nicht vermehren. Aber die, die nun mal da sind, sollen ein gutes Leben haben», so Stefanie Sutter.

Die beiden Frauen wenden sehr viel Zeit und Ressourcen für die Tiere auf. Warum eigentlich? «Einerseits sind wir eben seit Kindsbeinen in das Ganze hineingewachsen. Andererseits sehen wir tagtäglich, was mit Tieren geschieht.» Da sind die deformierten Rücken von Reitschulponys. Oder die Therapie- pferde, die ihr Leben lang den Menschen geholfen haben und am Schluss einfach erschossen werden. Und klar, da sind schweizweit die wegen Nichtmehrgebrauchs ausgesetzten Katzen und Hunde, die vor sich dahinvegetierenden Meerschweinchen …

«Sollen wir niemandem helfen, nur weil wir nicht allen helfen können?»

 

Anfragen für einen Platz auf dem Tierlignadenhof kommen vor allem von Privaten, von Tierschützern, und auch das Pferd eines Schweizer Zirkus’ hat den Weg nach Kaisten gefunden. Und doch, es haben nur wenige Tiere Platz: «Das ist uns bewusst», so Janina Sutter. «Doch sollen wir niemandem helfen, nur weil wir nicht allen helfen können?» Es gibt nur ein Kriterium, das über die Aufnahme entscheidet: «Die Tiere müssen mit uns und den anderen Gnadenhof-Bewohnern auskommen.»

Kein Tier muss leiden

Und was ist mit den beiden Füchslein? Wäre es nicht besser gewesen, sie der Natur und somit ihrem Schicksal zu überlassen? Oder sie jetzt wenigstens wieder auszusetzen? Solche Fragen lösen bei den Schwestern Empörung aus: «Ihre Mutter wurde von einem Auto überfahren. Hätten wir sie etwa verhungern lassen sollen? Auswildern wäre eine gute Option, doch das ist in der Schweiz verboten!» Nun bauen sie das Fuchs-Gehege ständig um und vergrössern es. «Auf jeden Fall geht es unseren Füchsen mindestens so gut wie all den eingesperrten Wölfen, Bären und Füchsen in Zoos.»

«Unseren Füchsen geht es mindestens so gut wie all den eingesperrten Wölfen, Bären und Füchsen in Zoos.»

 

Auch im Tod ist kein Tier allein

Doch irgendwann holt der Tod auch die Tiere im Gnadenhof ein. «Bei uns ist Leben kein Müssen, sondern ein Dürfen», stellt Janina Sutter klar. «Sobald wir sehen, dass ein Tier unheilbar krank ist oder an chronischen Schmerzen leidet, erlösen wir es.» Das gilt für das Pony mit dem kaputten Rücken, aber auch für alle anderen Passagiere auf dieser Arche Noah. «Wenn es so weit ist, kommt der Tierarzt», so Janina Sutter. «Aber auch im Tod ist kein Tier allein – wir bleiben bei ihm bis zum Schluss.»