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Titelgeschichte

Goldene Aussichten

Goldwaschen in der Schweiz macht nicht reich. Aber es ist ein toller Ausflug für die ganze Familie. Und die Chance auf einen grossen Fund besteht immer – so wie beim Lotto.

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Heiner H. Schmitt
29. Juni 2020
Christoph Kipfer wäscht Gold im Bach Krümpel in Trubschachen: Das ist spannend – kann jedoch auch anstrengend sein.

Christoph Kipfer wäscht Gold im Bach Krümpel in Trubschachen: Das ist spannend – kann jedoch auch anstrengend sein.

Kurz und bündig

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  • Das grösste Schweizer Goldnugget wiegt 123,1 Gramm und stammt aus dem Vorderrhein im Bündnerland.
  • Ein Gramm Gold kann man auf 2,5 Quadratmeter auswalzen.
  • Wenn man alles Gold, das je gefunden wurde, auf einen Haufen wirft, gibt das einen Würfel mit 20 Metern Seitenlänge.
  • Das Napfgold ist das reinste Naturgold, das man finden kann.

Es klingt zu schön, um wahr zu sein: Einen Nachmittag lang im Bach herumwaten, die Pfanne kreisen lassen – und schon hat man einen Schatz gefunden. Und das ist tatsächlich zu schön, um wahr zu sein. Christoph Kipfer (63) lacht. «Es gibt in der Schweiz viel einfachere Möglichkeiten, um viel Geld zu verdienen.» Er muss es wissen, schliesslich hat er sein ganzes Leben lang Gold gewaschen. Kipfer ist der Präsident der Schweizerischen Goldwaschvereinigung (SGV). Den Umgang mit der Waschpfanne hat er in den 80er-Jahren in den USA gelernt, quasi im Heimatland aller Goldwäscher. «Ich war erst bei meinen Verwandten, um Englisch zu lernen, danach bin ich durchs Land gereist.» Schliesslich landete Kipfer in Kalifornien. Unweit der Sierra Nevada im Ostteil dieses Bundesstaates liegt das sogenannte Gold Country, das Land des Goldes.

Goldreich und friedlich

Doch so weit muss man gar nicht reisen. Denn auch in der Schweiz lässt sich Gold finden, zwar nicht auf der Strasse, dafür im Wasser und in den Bergen – sowie in gut verschlossenen Tresoren. Im Napfgebiet etwa suchten schon die Helvetier vor über 2000 Jahren nach Gold. Der griechische Historiker Poseidonios beschrieb sie als «goldreich, aber friedlich». Das ist auch heute noch eine treffende Beschreibung.

Zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert wuschen professionelle Goldsucher das glänzende Metall aus den schweizerischen Bächen und Flüssen. Es gab auch vier Gold-Bergwerke in der Schweiz. Das letzte schloss in den 40er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Abbau wirft zu wenig ab. Glücksfunde kommen allerdings immer wieder vor: Das grösste Schweizer Goldnugget wiegt 123,1 Gramm und stammt aus dem Vorderrhein im Bündnerland.

Die Schleuse legt Christoph Kipfer, um die Goldflitter zu konzentrieren.

Das Gold in Flitterform: winzig kleine Stücke in der Waschpfanne.

Das Gold in den Flüssen und Bächen der Schweiz stammt aus den Bergen. Das Gestein erodiert, das Gold löst sich daraus und wird vom Wasser immer weiter transportiert. «Je weiter sich das Gold von seinem Ursprungsort entfernt, umso flacher und kleiner werden die Stücke», weiss Christoph Kipfer. Bis am Ende nur noch winzigste Goldflitter übrig bleiben. Gold ist weich, es lässt sich vom Kies, vom Sand und vom Wasserdruck verformen und zerkleinern.

Doch diese Weichheit bedeutet nicht, dass es nicht robust wäre. «Man kann Gold nicht zerstören», erklärt Christoph Kipfer. «Es rostet nicht, es bleibt immer schön und glänzend. Nur in Königswasser, einem Gemisch aus Salz- und Salpetersäure, kann man es auflösen. Doch auch dann ist es nicht einfach weg. Man kann es wieder extrahieren.»

«Wenn man alles Gold, das schon gefunden wurde, auf einen Haufen wirft, gibt das einen Würfel mit 20 Metern Seitenlänge, also ungefähr ein Zweifamilienhaus.»

Christoph Kipfer

Und Gold ist selten. Kipfer: «Wenn man alles Gold, das schon gefunden wurde, auf einen Haufen wirft, gibt das einen Würfel mit 20 Metern Seitenlänge, also ungefähr ein Zweifamilienhaus.» Zum Glück lässt sich das wertvolle Material bei Bedarf strecken: «Ein Gramm Gold kann man auf 2,5 Quadratmeter auswalzen. Oder man zieht daraus einen Faden von bis zu 1,7 Kilometer Länge.» Wenn in einer Kirche also ein grosser, vergoldeter Altar steht, «dann sind das vielleicht drei bis vier Gramm.» Und wenn ein Goldwäscher in der Schweiz ein Gramm Gold findet, dann hat er entweder sehr viel Glück gehabt – oder er hat sehr lange dafür gearbeitet.

Christoph Kipfer hält ein dünnes Röhrchen mit einigen Goldflittern hoch. «Das sind etwa 0,2 Gramm. Dafür habe ich gestern über drei Stunden geschaufelt und gewaschen. Wer schnell reich werden will, sollte lieber Lotto spielen.» Ein Gramm Gold bedeutet mindestens einen ganzen Tag harte Arbeit – eher noch mehr. Zum aktuellen Preis wären das rund 50 Franken Tageslohn oder weniger. Kein gutes Geschäft.

Trotzdem erliegen sogar Top-Banker dem Goldfieber. Kipfer hat einmal bei einem Kurs für eine Gruppe von Bank-Managern mitgeholfen. «Sie kamen mit eleganten Anzügen. Am Anfang waren sie sehr skeptisch», erzählt er mit einem schelmischen Lächeln. Dann fanden sie die ersten Goldflitter. «Für den Abend hatten sie ein grosses Essen gebucht. Das haben sie abgesagt und bis spät in den Abend hinein Gold gewaschen.» Zum Essen seien sie dann in eine kleine Landbeiz gefahren. Das ist umso erstaunlicher, da diese Manager unendlich viel mehr Geld pro Tag verdienen, als was sie an Gold gefunden haben. Das Goldfieber ist eben höchst irrational.

Ehrenkodex statt Gier

Das führt leider auch immer wieder dazu, dass die Goldsucher die Landschaft richtiggehend zerstören. Nicht nur in den grossen Goldminen dieser Erde, sondern auch in der Schweiz. «Es kommt vor, dass unprofessionelle Goldwäscher in einem Bachlauf Schaden anrichten», erzählt Kipfer. Darum hat die Schweizerische Goldwäschervereinigung einen Ehrenkodex erlassen. «In den meisten Kantonen und Gemeinden ist das Goldwaschen erlaubt. Damit das so bleibt, müssen sich alle an diesen Kodex halten.»

So sieht ein Gramm Goldflitter aus. Dafür muss man viel schuften. Es ist nur rund 50 Franken wert.

Die Ausbeute von vielen Stunden Arbeit im Bach: Aus den kleinsten Flittern, die er im Napf gefunden hat, liess Kipfer eine Münze prägen.

Auch Christoph Kipfer hat Freude am Gold, sonst wäre er ja kein Goldwäscher. Aber am Goldfieber hat er nie gelitten. «Ich habe hauptberuflich eine Sägerei geleitet und war über 30 Jahre Fachlehrer für Säger an der Berufsschule. Für die Goldwäscherkurse war ich an Wochenenden im Einsatz.» Vor sieben Jahren hat er die Sägerei verkauft und sich vor zwei Jahren zur Ruhe gesetzt. Er interessiert sich mehr für die wissenschaftliche Seite und die Geologie, die hinter den Goldfunden steckt. Fasziniert ist er auch vom Napfgebiet in den Emmentaler Alpen. «Das Napfgold ist das reinste Naturgold, das man finden kann», weiss Christoph Kipfer. Es hat fast 24 Karat. Beim Gold steht diese Einheit nicht wie bei den Edelsteinen für das Gewicht, sondern für die Reinheit.

Dieses Gold liegt quasi vor der Haustüre des gebürtigen Emmentalers. Die Schweizerische Goldwäschervereinigung unterhält im Emmental ein Clubhaus neben dem Bach Krümpel bei Trubschachen. Das ist kein besonders reicher «Goldbach», doch bei Clubanlässen lässt es sich hier gut waschen. Und auch als Übungsgelände für Meisterschaften eignet es sich perfekt. Es gibt Schweizer Meisterschaften im Goldwaschen sowie Europa- und Weltmeisterschaften. Dabei geht es um die Schnelligkeit, mit der die vorher versteckten Goldflitter aus einer bestimmten Menge Geröll gefiltert werden können.

«Unsere schöne Natur ist das wahre Gold, nicht das kalte Metall.» 

Christoph Kipfer

An Meisterschaften nimmt Christoph Kipfer meistens nur als Organisator teil. Wenn er Gold wäscht, geht es nicht um Geschwindigkeit. «Ich liebe die Natur, die ich beim Waschen geniessen kann.» Denn es gibt so viele Dinge, die unendlich viel wertvoller sind als Gold, auch für Kipfer: «Unsere schöne Natur ist das wahre Gold, nicht das kalte Metall.» 

 

Goldwaschen für Anfänger

Die ersten Schritte

Goldwaschen macht der ganzen Familie Spass. Besonders den Kindern gefällt das abenteuerliche Suchen in einem Bach. Doch es ist nicht ganz anspruchslos. Der Umgang mit der Waschpfanne muss geübt werden. Und es braucht zusätzliche Werkzeuge sowie die geeignete Kleidung wie zum Beispiel spezielle Gummistiefel. Am besten bucht man für den Anfang einen Kurs. Anbieter findet man auf der Webseite der Schweizerischen Goldwäschervereinigung unter der Rubrik «Golden Links». Der Verein selbst bietet keine Kurse an und verkauft auch kein Material.

Wer darf wo waschen?

Die Bewilligung zum Goldwaschen ist kantonal geregelt. Ganz verboten ist es lediglich im Kanton Neuenburg. Im Kanton Graubünden hingegen ist Goldwaschen nur in der Zeit vom 1. Mai bis zum 15. Oktober erlaubt. Es gibt zusätzliche Regelungen in bestimmten Gemeinden. In der Val Sumvitg etwa sind zwei Gebiete ganz gesperrt: Acla Mulin bis Alp Vallesa und Val Naustgel sowie Las Plattas bis unterhalb Val. In einigen Kantonen muss man eine Lizenz lösen. Es empfiehlt sich deshalb, vor dem Waschen beim Kanton und der Gemeinde nachzufragen, welche Regeln gelten.