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Heiliger Bimbam!

Wer hat die Weihnachtskugeln eigentlich erfunden? Das weiss auch Alfred Dünnenberger nicht. Doch der Weihnachtsexperte und Sammler kennt trotzdem ihre ganze Geschichte. Und dann gibt es da noch die ominöse Weihnachtsgurke …

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Christoph Kaminski
18. Dezember 2020
Alfred Dünnenberger liebt es,  einen Baum zu dekorieren.  Für seine Tanne in Muri AG  hat er mehrere Hundert Schmuckstücke verarbeitet.

Alfred Dünnenberger liebt es, einen Baum zu dekorieren. Für seine Tanne in Muri AG hat er mehrere Hundert Schmuckstücke verarbeitet.

Angefangen hat alles mit Adam und Eva. Nicht nur wir Menschen, die Sünde und der Tod, sondern auch der Weihnachtsschmuck. Die allererste Weihnachtskugel war sehr wahrscheinlich ein Apfel. Und der hing am Apfelbaum im Paradies. Natürlich nur symbolisch. Im Mittelalter ging es an Weihnachten nämlich nicht nur um die Geburt Jesu. «Damals waren Mysterienspiele sehr beliebt. Bevor man die Weihnachtsgeschichte aufführte, wurde der Sündenfall inszeniert, mit Adam, Eva und der Schlange. Ausserdem mit Gott selbst und Jesus», weiss Alfred Dünnenberger (73). «Am Ende schickte Gott Jesus auf die Erde, das war der Beginn des anschliessenden Krippenspiels.» Dünnenberger kennt sich nicht nur in Weihnachtsbräuchen bestens aus, sondern sammelt auch historischen Weihnachtsschmuck aus den Jahren um 1850 bis 1950. Zudem historische Adventskalender. Und Krippen. Und Weihnachtskarten. Und Christbaumspitzen. Und historische, künstliche Christbäume. Er lächelt. «Eine Sammlung ist nie fertig.» Und es entstehen dauernd neue: «Kaum findet man ein Objekt, kauft man mehr dazu, und schon ist es eine Sammlung.»

Vom Paradies zum Fressbaum

Das heisst natürlich nicht, dass er einfach alles kauft. Es muss schon etwas Besonderes sein. «Das Material, die Originalität sind mir wichtig», erklärt er. Übers Geld spricht er lieber nicht im Detail. «Die Grenze nach oben ist offen. Bei Versteigerungen werden schon mal vierstellige Summen erreicht.» Ihm geht es jedoch nicht um den Preis. Er besitzt viele historische, handgefertigte und selbst gebastelte Schmuckstücke, die kaum einen materiellen Wert haben. «Mir geht es auch darum, zu dokumentieren, wie man in alten Zeiten Weihnachten gefeiert hat, also um den geschichtlichen Wert der Objekte.»

Kurz und bündig

  • Die Weihnachtskugel hat mehr mit Adam und Eva zu tun als mit dem Christkind.
  • Schon im 19. Jahrhundert hingen ausgefallene Objekte am Baum, zum Beispiel eine Katze, die Velo fährt, oder Trauben aus Glas.
  • In Kriegszeiten schmückte man die Bäume auch mit Bomben, Kanonen oder U-Booten.
  • Der Begriff «Weihnachtskugel» wurde erstmals 1848 in einem Auftragsbuch erwähnt.

An den ersten Weihnachtsbäumen hingen neben Äpfeln auch Oblaten, das sind ungeweihte Hostien, als Symbol des Leib Christi. «Aus den mit Äpfeln geschmückten Bäumen der Mysterienspiele entwickelte sich die Tradition, Weihnachtsbäume mit Esswaren zu behängen, zum Beispiel mit süssem Gebäck oder auch Schmuck aus Zucker», erklärt Dünnenberger. In seinem Buch «Weihnachtszeit» (siehe Box Seite 21) zitiert er eine Beschreibung aus dem frühen 17. Jahrhundert: «Auff Weihenachten richtett man Dannenbäum zu Strasburg in den Stuben auff, daran hencket man rosen aus vielfarbigem Papier geschnitten, Aepfel, Oblaten, Zischgolt, Zucker, etc. Man pflegt darum einen viereckent ramen zu machen.» Mit «Zischgolt» ist Zischgold gemeint, das sind glänzende Flitter aus Metall. «Die als Rahmen bezeichnete Einzäunung um den Christbaum nannte man Paradiesgärtchen. Auch dieser Name ist abgeleitet von den Ursprüngen des Baumschmuckes in den Mysterienspielen um Adam und Eva.»

Die Sammelleidenschaft hat Alfred Dünnenberger vor rund 40 Jahren in Zürich aus heiterem Himmel gepackt. Er war gerade dabei, Weihnachtsgeschenke zu kaufen, als er an einem Antiquitätengeschäft vorbeikam. Im Schaufenster stand ein Christbaum mit antikem Schmuck. «Er sah so schön aus, dass ich einfach stehen bleiben musste. Dort hing ein silbriger Jaguar aus sogenanntem Dresdner Pappe. Das ist ein Karton, der aussieht wie geprägtes Metall. Das war der Anfang meines Elends», erklärt er mit gespielter, leidvoller Miene. Doch der Scherz enthält auch ein Körnchen Wahrheit. Denn es ist ein grosser Aufwand, viele Weihnachtsobjekte zu lagern. «Von allen anderen, die ich kenne, habe ich wohl die breiteste Sammlung.» Das ist wahr. Die Fülle an ganz verschiedenen Dekorationen, die er im Laufe der Jahre zusammengetragen hat, ist überwältigend. So richtig los ging es mit dem Sammeln jedoch erst, als er sich pensionieren liess: «Dann hatte ich endlich Zeit.» Wie viele Objekte er besitzt, weiss Dünnenberger selbst nicht. Es werden wohl mehr als tausend sein.

Biedermeierschmuck: zwei Kugeln aus Glas, in Form geblasen und verspiegelt, beide vor 1900.

Auch Filmstars hingen am Baum: Charlie-Chaplin-Kopf aus Glas, verspiegelt, teilweise bemalt, um 1920.

Das erste Stück von Alfred Dünneberger, Dresdner Karton, um 1900.

Schmuck aus Porzellan ist selten: Katze, zweite Hälfte 19. Jahrhundert, Kugeln vor 1900.

Schmuck für mehrere Christbäume

Normalerweise dekoriert er damit nicht nur einen Weihnachtsbaum in seinem Haus in Baar ZG, sondern gleich drei. Seine sieben Enkelkinder freuen sich jeweils sehr über die fürstlich geschmückten Räume. Doch dieses Jahr fällt die Dekoration bei der Familie Dünnenberger bescheiden aus. Denn fast die ganze Sammlung ist an drei verschiedenen Orten in der Schweiz ausgestellt, nämlich im Kloster Muri AG, im Schloss Gruyères FR und im Spielzeug Welten Museum in Basel (siehe Box Seite 21). Im Kloster Muri hat er zwei

Weihnachtsbäume dekoriert. Sie sind über und über mit ganz verschiedenen Weihnachtskugeln und Figuren geschmückt. Nicht nur Glasschmuck, auch Objekte aus Papier, Watte oder Porzellan hängen an den Ästen der Tannenbäume. «Ich möchte mit den Ausstellungen den Menschen die Geschichte des Weihnachtsschmuckes näherbringen», erklärt Alfred Dünnenberger.

Umfrage

Wie gross ist Ihr Weihnachtsbaum?

  • Immer so gross wie möglich, fast bis zur Decke 12 %
  • ungefähr mittelgross 37 %
  • Er ist eher klein 17 %
  • so klein wie möglich 2 %
  • Ich habe keinen Weihnachtsbaum 32 %

Quelle: Repräsentative Meinungsumfrage Link/ 523 Interviews (%-Werte sind gerundete Zahlen)

Beim Betrachten seines historischen Baumes wird sofort klar: Aufwendiger Schmuck ist kein Phänomen unserer Zeit. Schon im 19. Jahrhundert hingen ausgefallene Objekte an den Weihnachtsbäumen: zum Beispiel Trauben aus Glas und Eiszapfen. Oder ein Gardeoffizier aus Karton und eine Katze, die Velo fährt, aus Tragant. Das ist eine mit Pflanzensaft angerührte Zuckermasse. Natürlich gab es auch Holzkugeln an den Bäumen, zusammen mit einfachen, goldenen Nüssen. Schon damals war das nicht nur eine Frage des Geschmacks, sondern auch des Geldes. Wer sich keinen Schmuck leisten konnte, machte ihn selbst. In dieser Zeit kamen auch die ersten Kugeln und

weitere Dekorationen aus Glas auf. «Im Jahr 1848 wurde der Begriff ‹Weihnachtskugeln› erstmals in einem Auftragsbuch erwähnt», erzählt Dünnenberger. «Damals entwickelte sich in den bürgerlichen Familien der Brauch, die Kinder zu beschenken. Das Spielzeug wurde von den gleichen Händlern vertrieben wie der Weihnachtsschmuck, und noch heute sieht man diese beiden Produkte nebeneinander in den Läden.» Neben Kugeln aus Glas gab es auch solche aus Porzellan, sorgfältig von Hand bemalt.

Noch origineller war der Weihnachtsschmuck im frühen 20. Jahrhundert. Alfred Dünnenberger besitzt zum Beispiel eine Kutsche mit unglaublich vielen kleinen Details aus Dresdner Karton. «Sie ist zwar nur aus Papier gefertigt, aber viel seltener und damit wertvoller als Schmuck aus Glas.» Ausserdem finden sich in seiner Sammlung auch ein Soldatenhelm, ein Kopf von Charles Chaplin oder einfach ein Teller mit Besteck. «Schon damals gab es Trends. Und die Menschen haben ihre Bäume mit den Gegenständen behängt, die ihren Alltag prägten.» Während des Krieges war deshalb Schmuck mit Kanonen, Bomben und sogar U-Booten populär. Eine eher seltsame Art, Weihnachten als Fest der Liebe zu feiern. Da waren die Zeppeline schon harmloser, sie hingen an den Ästen, als diese Fluggeräte aufkamen. Alfred Dünnenberger mag von allen seinen Schmuckstücken die Vogelfiguren am liebsten. Doch grundsätzlich bedeuten ihm alle seine Objekte sehr viel. Sie nehmen die Betrachter mit auf eine Zeitreise: «Der Christbaumschmuck war auch immer ein Spiegel der Technik, ein Panoptikum der jeweiligen Ära und Welt, die man an die Bäume gehängt hat. Und das ist auch heute noch so.» 


Die Weihnachtsgurke

Diese Tradition soll sehr alt sein. Oder ist es nur eine Legende, die durch das Internet gurkt?

Die was? Ja, die Weihnachtsgurke. Das ist kein Scherz. Und wenn es einer sein sollte, dann ist es ein guter. Diese Tradition wird heute vor allem in den USA gepflegt: Am Weihnachtsbaum hängt ganz versteckt eine grüne Gurke aus Glas. Wer sie als Erster findet, bekommt ein extra Geschenk. In den Staaten heisst es, das sei ein Brauch aus Deutschland. Doch dort scheint er nicht sehr weit verbreitet zu sein. Es gibt zwei Legenden zur Entstehung des Rituals. Die eine erzählt die Geschichte eines Soldaten, der schwer erkrankte. Nachdem er eine saure Gurke verspeist hatte, wurde er gesund. Deshalb hängte er immer eine Gurke an den Weihnachtsbaum. Laut der anderen Legende konnte eine arme Familie nicht alle ihre Kinder beschenken. Also versteckten die Eltern eine Gurke im Christbaum. Das Kind, das sie fand, bekam das einzige Geschenk.

Alfred Dünnenberger hält es für möglich, dass so ein Brauch in Deutschland im 19. Jahrhundert existiert hat: «Damals waren Gesellschaftsspiele sehr beliebt. Man hat den Weihnachtsschmuck ausserdem lange aufbewahrt. Jedes Jahr wurde der Baum gleich geschmückt. Die Weihnachtskugeln waren damals sehr wertvoll.» So könnte jedes Jahr auch eine Gurke am Baum gehangen haben. «Das kann ich mir gut vorstellen.» Wie zum Beweis gibt es in der Sammlung von Dünnenberger ebenfalls eine Gurke aus Glas. Die ist allerdings rosarot.

Weihnachten

Drei Ausstellungen, ein Buch

Zum Bestaunen: Die Sammlung von Alfred Dünnenberger ist gleich in drei Regionen der Schweiz zu sehen. Im Kloster Muri AG stehen nicht nur zwei von ihm reich geschmückte Bäume. Auch eine von ihm gefertigte Königsberger Krippe sowie viele Einzelobjekte sind ausgestellt. Das Spielzeug Welten Museum in Basel präsentiert «Patriotischer Weihnachtsschmuck» mit Objekten aus Dünnenbergers Sammlung. Und das Schloss Gruyères FR zeigt einige seiner historischen Adventskalender zusammen mit Exponaten weiterer Sammler. Und das Beste: Die Ausstellungen dauern noch bis in den Januar, die in Basel sogar bis in den Februar.

Zum Lesen und Bestaunen: Wer Weihnachten liebt, muss dieses Buch haben. Alfred Dünnenberger hat auf fast 500 Seiten viele historische Fakten zum Weihnachtsfest zusammengetragen. Nicht zuletzt sind es auch die nach Themen geordneten Fotos seiner Weihnachtskugeln und Figuren, die an «Weihnachtszeit» besonders faszinieren. Ein grosser Weihnachtsschatz! Es kann direkt über die Webseite von Alfred Dünnenberger bestellt werden.

«Weihnachtszeit», Landtwing Verlag Zug, Fr. 78.–.