X

Beliebte Themen

Reportage

Ja, ich will ... ohne Pfarrer heiraten

Taufe, Hochzeit, Bestattung – zu diesen drei Ereignissen fanden sich bis vor Kurzem auch Ungläubige in der Kirche wieder. Doch immer mehr Menschen feiern diese Meilensteine ohne Pfarrer. Auf Rituale und Traditionen wollen sie deshalb aber nicht verzichten.

TEXT
FOTOS
Getty Images
10. Februar 2020

Der stolze Vater führt die in Weiss gekleidete Braut zum Altar, wo der Pfarrer sie und ihren Bräutigam traut. So sehen Hochzeiten zumindest in Hollywoodfilmen aus. Doch in der Schweiz sind solche Szenen mittlerweile selten. Der Pfarrer ist nur noch bei jeder sechsten Hochzeit zugegen. Und die Zahl sinkt weiter. Der Grossteil der Paare beschränkt sich auf den Akt auf dem Standesamt oder entscheidt sich für eine freie Zeremonie. Bei solchen Zeremonien wird ebenfalls eine rituelle Trauung durchgeführt – nur eben ohne Pfarrer. Für diesen Weg haben sich auch Robert (55) und Anja (33) Studer entschieden – nicht nur, weil er schon vor Jahren aus der katholischen Kirche ausgetreten ist. «Bei einer kirchlichen Trauung geht es häufig stärker um den Glauben als um das Paar und die Liebe», findet er. «Das wollten wir nicht.» Und doch ist die Hochzeit ein einmaliges Erlebnis. «Deshalb wünschten wir uns trotzdem eine festliche Zeremonie.»

Tradition ja, Kirche nein

«Viele Hochzeitsbräuche stammen aus religiösen Traditionen, haben aber ihren religiösen Charakter verloren», erläutert Ruth Thomas (67). Sie ist Vorstandsmitglied der Schweizer Freidenker-Vereinigung, die sich für die Anliegen von Atheisten, Agnostikern und säkularen Humanisten einsetzt, und bildet Ritualbegleiter für freie Zeremonien aus. Aber die Rituale geben einem Anlass eine emotionale Komponente. Ausserdem haben wir alle ein Bild von Hochzeiten im Kopf: das weisse Kleid, die Übergabe durch den Brautvater, der Ringtausch, das Ja-Wort, die festliche Kleidung, die Torte. «Erst solche Rituale geben einem Anlass seine Bedeutung und machen ihn für alle erkennbar.» Deshalb hielten auch die Studers bei ihrer konfessionslosen Feier an solchen Traditionen fest. Damit sind sie nicht alleine. 

«Viele Hochzeitsbräuche stammen aus religiösen Traditionen, haben aber ihren religiösen Charakter verloren.»

Ruth Thomas

Die Ritualbegleiter der Freidenker-Vereinigung führen immer häufiger Hochzeiten durch. Gefragter sind laut Ruth Thomas allerdings immer noch Bestattungen. «Das hat bei uns eine lange Tradition», sagt sie. Als im 19. Jahrhundert die Hygieneprobleme aufgrund von Bestattungen zunahmen, propagierten Ärzte die Kremation. Pfarrern war es damals allerdings untersagt, Feuerbestattungen durchzuführen. Also sprangen die Freidenker in die Bresche.

Anders Abschied nehmen

Heute hat es andere Gründe. Nur noch gut zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung gehören einer Kirche an – und das in vielen Fällen lediglich auf dem Papier. «Eine Hochzeitsfeier oder Taufe kann man allenfalls einfach weglassen», sagt Ruth Thomas. «Aber auf eine Bestattung verzichten? Das geht nicht. Man möchte doch den Verstorbenen und sein Leben würdigen.» Im Gegensatz zu feierlichen Anlässen wie Hochzeiten, bei denen gerne auch Verwandte oder Freunde Reden halten, seien bei Bestattungen Ritualbegleiter fast unverzichtbar. «Für die Angehörigen ist die Situation meist zu emotional, um die Bestattung selbst durchzuführen.»

«Manche treten bloss nicht aus der Kirche aus, weil sie fürchten, sie würden sonst nicht würdig beerdigt.»

 

Dass sich immer mehr Menschen konfessionslose Bestattungen wünschen, ist ein Trend, den auch Gabriela Rub (59) spürt. Sie hat vor gut zehn Jahren als eine der Ersten mit freien Hochzeitszeremonien angefangen. «Solche sind mittlerweile etabliert», erzählt sie. «Aber dass auch Beerdigungen unabhängig von der Kirche gestaltet werden können, ist vielen Menschen gar nicht bewusst.» Sie sieht es deshalb auch als ihre Aufgabe, über diese Möglichkeit aufzuklären. «Manche treten bloss nicht aus der Kirche aus, weil sie fürchten, sie würden sonst nicht würdig beerdigt. Aber das stimmt nicht: Die meisten Friedhöfe gehören der Gemeinde und jeder Bürger hat ein Anrecht auf eine Beerdigung auf einem Friedhof.» Die Kirche nur zur Bestattung zu beanspruchen, wenn man sonst gar keinen Bezug zu ihr hat, sei «irgendwie unehrlich», findet Gabriela Rub. «Das ist auch für den Pfarrer schwierig.»

Gerade in der Schweiz seien die Voraussetzungen ideal, eine Abdankung nach den eigenen Vorlieben zu gestalten, erklärt Freidenkerin Ruth Thomas. «Die Gesetze sind hier sehr liberal. Man kann die Asche mit nach Hause nehmen oder sie in einen Fluss streuen. Manche Gemeinden bieten zum Beispiel auch Waldfriedhöfe an.» 

Namensfeier statt Taufe

«Es war sehr persönlich und wir haben nur positives Feedback erhalten – auch von Gästen, die noch stärker mit der Kirche verbunden sind als wir.»

 

Nicht nur zum Lebensende verändern sich die Traditionen in unserer zunehmend säkularen Gesellschaft. Auch ein neues Leben muss nicht mehr zwingend mit einem christlichen Ritual beginnen. In der katholischen Kirche ging die Zahl der Taufen in den vergangenen zwanzig Jahren um einen Drittel zurück. Bei den Reformierten ist der Rückgang sogar noch deutlicher. «Aber viele Eltern möchten trotzdem einen Götti und ein Gotti aussuchen und das Kind feierlich auf der Welt willkommen heissen», weiss Gabriela Rub. Zu ihnen gehören auch Ileana Retica und ihr Mann. «Als unsere Tochter vor etwas über einem Jahr zur Welt kam, wollten wir nicht für sie entscheiden, welche Religion sie hat», erzählt die 38-Jährige. «Das soll sie einmal selbst entscheiden.» Auf eine feierliche Namensgebungszeremonie wollten die frischgebackenen Eltern trotzdem nicht verzichten, «aber dazu braucht es keine Kirche». Stattdessen engagierten sie Gabriela Rub, die unter anderem Recherchen zum Namen von Tochter Amalia anstellte und auch einige der Gäste anhielt, etwas zur Zeremonie beizutragen. «Es war sehr persönlich und wir haben nur positives Feedback erhalten – auch von Gästen, die noch stärker mit der Kirche verbunden sind als wir. Bei einem weiteren Kind würde ich es wieder genauso machen.»

Für jeden die passende Begleitung

Dass man sich für ein Ritual ausserhalb der Kirche entscheidet, muss nicht zwingend bedeuten, dass Religion oder Glaube darin keine Rolle spielen. Während etwa die Freidenker als ethischen Grundsatz festgelegt haben, dass sie den Glauben nicht in ihre Rituale einfliessen lassen, sieht Gabriela Rub darin kein Problem. «Wenn jemand das möchte, kann ich zum Beispiel auch ein Gebet in eine Zeremonie einbauen», sagt sie. «Ich bin Dienstleisterin. Meine Aufgabe ist es, die Wünsche der Kunden zu erfüllen.» Deshalb biete sie Interessierten auch immer erst ein Kennenlern-Treffen an. Die Chemie müsse stimmen, wenn man ein Paar oder einen Menschen bei so persönlichen Anlässen begleitet. «Sonst sieht man sich lieber nach einem anderen Ritualbegleiter um. Mittlerweile gibt es so viele Anbieter – da findet jeder das passende Angebot.»