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Titelgeschichte

Herzenssache

Es gibt keinen Motor, der ähnlich leistungsfähig ist wie das menschliche Herz. Über das wohl faszinierendste Organ in unserem Körper.

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Getty Images, zvg
20. April 2020
Schau mir in die Augen, Kleines: Bei Liebenden,  die sich lange anschauen, gleichen sich Herzschlag und Atemfrequenz an.

Schau mir in die Augen, Kleines: Bei Liebenden, die sich lange anschauen, gleichen sich Herzschlag und Atemfrequenz an.

Nur die Liebe zählt ...Das Herz ist der Superstar unter den Organen. Es wird besungen, tätowiert, auf Wände gesprayt und hat sogar eigene Emojis. Lungen, Gallen und Dickdärme? Die pfeifen aus dem letzten Loch, kommen hoch oder sind einfach träge. Ruhm, Anerkennung und Emojis bleiben allen anderen körperlichen Schwerstarbeitern versagt. Sogar in unserer Sprache ist das Herz omnipräsent: Wir grüssen und danken recht herzlich, weinen herzzerreissend oder reagieren ganz und gar herzlos.

Zugute halten muss man dem Herz, dass es tatsächlich Beachtliches leistet: Es schlägt in einem Menschenleben fast drei Milliarden Mal, pumpt am Tag bis zu 10 000 Liter Blut durch den Körper und wenn es mal stehen bleibt, dann haben wir ein echtes Problem. Das haben wir aber – nebenbei gesagt – auch, wenn die Lungen schlapp machen oder die Leber streikt. Und wer mal ein paar Tage nicht auf dem Klo war, der weiss, dass man schnell arm dran ist, wenn mal was mit dem Darm ist.

Ruhm und Ehre verdankt das Herz dem Umstand, dass es als einziges Organ auch für ein Gefühl steht. Die Liebe. Und dass uns die wichtiger ist als alles andere, ist gerade in diesen verrückten Zeiten ein tröstlicher Gedanke. Alles über die Herzenssache Herz lesen Sie in unserer Titelgeschichte.

Fünf bis sechs Liter. Etwa vier grosse PET-Flaschen oder acht Weinflaschen voll. So viel Blut pumpt das Herz durch den Körper eines Erwachsenen. Die Blutgefässe bilden ein gigantisches, 100 000 Kilometer langes Verkehrsnetz durch den Körper, durch welches das Blut sozusagen als mit Nährstoffen, Mineralsalzen, Vitaminen und Hormonen beladener Frachtzug rauscht und alle Organe damit versorgt. Auf der Rückreise fungiert es ausserdem als Müllwagen, der Abfallstoffe mitnimmt und diese in Form des Stoffwechsel- produkts Kohlendioxid über die Lunge ausatmet.

Kurz und bündig

  • Das Herz pumpt bis zu 10 000 Liter Blut pro Tag.
  • Nach einem Herzstillstand verlieren wir innert zehn Sekunden das Bewusstsein.
  • Das Herz verfügt über eine fabelhafte Leistungsfähigkeit.
  • Dunkle Schokolade senkt das Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko.
  • Man kann tatsächlich an gebrochenem Herzen sterben.

Der Motor dieses immerwährenden, lebenswichtigen Prozesses ist das Herz. Der 250 bis 300 Gramm leichte Muskel pumpt Tag für Tag bis zu 10 000 Liter Blut durch uns. Eine gewaltige Leistung! Dabei ist das menschliche Herz im Vergleich mit jenem des Blauwals, des grössten Säugetieres der Welt, ein absoluter Winzling: Die Pumpe des Meeresriesen ist eine halbe Tonne schwer und lässt 8500 Liter Blut durch den über 30 Meter langen Körper fliessen.

«Das Herz ist ein ganz besonderes Organ, denn es ist vom ersten bis zum letzten Moment im Leben von zentraler Bedeutung», sagt Prof. Dr. med. Hans Rickli (61), Chefarzt der Klinik für Kardiologie am Kantonsspital St. Gallen und Stiftungsrat der Schweizerischen Herzstiftung. «Setzt es aus, so verlieren wir innert zehn Sekunden das Bewusstsein. Und kann der Kreislauf nicht innert weniger Minuten wiederhergestellt werden, entstehen irreversible Schäden, zuerst am Hirn, dann aber auch an den anderen Organen.»

Fabelhafte Leistungsfähigkeit

Bereits am Anfang der vierten Schwangerschaftswoche beginnt das Herz eines menschlichen Fötus zu schlagen. Ganz zart und von der werdenden Mutter zunächst unbemerkt, zeigt sich das Bu-Bumm, Bu-Bumm erst bei der ersten Ultraschall-Untersuchung, die in der Regel in der achten Schwangerschaftswoche stattfindet. Bei Erwachsenen schlägt das Herz im Durchschnitt 100 000 Mal am Tag. Das sind 3,6 Millionen Schläge im Jahr und bei einer Lebenserwartung von 80 Jahren fast 2,9 Milliarden Mal. Unser Herz ist auf 800 000 bis 900 000 Betriebsstunden ausgelegt, während es ein Automotor auf gerade einmal 5000 Betriebsstunden bringt. Es erzeugt täglich so viel Energie wie ein Lastwagen benötigt, um 32 Kilometer weit zu fahren. Das bedeutet, dass der Herz-LKW in 66 Jahren zum Mond und wieder zurück tuckert!

Ob auf dem Spinning-Rad im Fitnesscenter …

… oder beim Joggen und Dehnen draussen in der Natur: Sport lässt das Herz höher schlagen - und kräftig pumpen.

Bei manchen Menschen beginnt der Motor allerdings irgendwann zu stottern oder sogar ganz zu streiken. «Die häufigsten Herzkrankheiten sind Durchblutungsstörungen des Herzmuskels, die sich als Angina pectoris und Herzinfarkt äussern», erklärt Hans Rickli. «Dann Herzklappenerkrankungen, die vor allem im Alter auftreten. Häufig ist auch die Herzschwäche, in der Fachsprache Herzinsuffizienz genannt.» Bei manchen Frauen und Männern werden die Probleme schliesslich so gross, dass sie ein Spenderorgan benötigen. Laut Swisstransplant wurden vergangenes Jahr neben 39 Herzen auch 232 Nieren, 166 Lebern, 39 Lungen und 25 Bauchspeicheldrüsen verpflanzt. 1415 Menschen warteten Ende 2019 auf ein Organ – 113 davon auf ein Herz.

Während die erste Herztransplantation am 3. Dezember 1967 in Kapstadt (Südafrika) weltweit Schlagzeilen und den Chirurgen Christiaan Barnard (1922–2001) zur Legende machte, sind diese Operationen inzwischen zu Routineeingriffen geworden. Mit einem gewaltigen Gewinn an Lebensqualität für die Betroffenen. «Eine Herztransplantation erfordert circa vier Stunden reine Operationszeit und die Genesungszeit beträgt zwei bis drei Monate», so Hans Rickli. «Anschliessend können die Patientinnen und Patienten wieder ein normales Leben führen ohne wesentliche Einschränkungen.» Einzig sogenannte Immunsuppressiva müssen die Transplantierten einnehmen, damit ihr Körper das Spenderorgan nicht als Fremdkörper einstuft und abstösst.

Wer Pech hat, bekommt unter Umständen sogar nach einem einfachen Infekt Herzprobleme. «Es gibt bestimmte Viren, die eine Entzündung im Darm verursachen und Tage bis Wochen später eine Herzmuskelentzündung auslösen können», erklärt der Kardiologe. «Wenn diese in der Fachsprache Myokarditis genannte Entzündung auch den Herzbeutel betrifft, dann ist sie mit atemabhängigen Brustschmerzen verbunden. Falls nur der Herzmuskel entzündet ist, kann sich dies als Müdigkeit, Abgeschlagenheit und allenfalls belastungsabhängige Atemnot ausdrücken.» Dasselbe ist auch nach einer verschleppten Erkältung oder einem verschleppten grippalen Infekt möglich. Viele Herzmuskelentzündungen verlaufen symptomfrei, selten treten aber auch als Folge davon lebensbedrohliche Herzrhythmusstörungen auf. Generell machen sich Herzerkrankungen oft unter Belastung bemerkbar. Bei einer Herzinsuffizienz etwa zeigen sich eine ungewöhnliche Leistungsschwäche sowie Atemnot.

«Das Herz ist ein ganz besonderes Organ.»

Prof. Dr. med. Hans Rickli

Wer sein Risiko für Herzerkrankungen senken möchte, sollte ein ausgeglichenes Leben führen. Also auf eine ausgewogene Ernährung und ausreichend Bewegung achten, Übergewicht vermeiden oder reduzieren, auf Tabak verzichten, massvoll Alkohol trinken und Stress möglichst aus dem Weg gehen. Regelmässige Kontrollen beim Arzt sind ebenfalls nicht verkehrt – vor allem ab circa 45 Jahren. Viele Informationen dazu finden sich in der Broschüre «Herzhaft gesund» der Schweizerischen Herzstiftung (gratis bestellen oder downloaden auf www.swissheart.ch, Suchbegriff «Herzhaft gesund»).

Ein Zeichen der Liebe

Leben retten mit einer App

Die Schweizerische Herzstiftung bietet mit «HELP Notfall» (in App-Stores) eine kostenlose App an, die lebensrettende Massnahmen für den Herz-Kreislauf-Notfall aufzeigt.

Weitere Informationen hier: https://www.swissheart.ch

Das Herz hat aber natürlich nicht nur eine medizinische Bedeutung, sondern ebenso eine symbolische. Es ist das Zeichen der Liebe. Dass die Liebe mit unserer Pumpe tatsächlich so einiges anstellt, wurde sogar wissenschaftlich bewiesen. So haben Forscher heraus- gefunden, dass sich Herzschlag und Atemfrequenz von Verliebten angleichen, wenn sie sich drei Minuten lang in die Augen schauen. Vergeht die Liebe wieder, sterben manche buchstäblich an gebrochenem Herzen. Ärzte kennen dieses Phänomen unter dem Namen Broken-Heart-Syndrom. Doch nicht nur Herzschmerz und Trauer können unseren wichtigsten Muskel in Bedrängnis bringen, sondern auch freudige Ereignisse wie Geburtstage, Hochzeiten oder ein tolles Jobangebot. «Ebenso wie das Broken-Heart-Syndrom äussert sich das Happy-Heart-Syndrom ganz ähnlich wie ein Herzinfarkt mit Enge auf der Brust und Atemnot», so Hans Rickli. «Die Ursache liegt aber nicht in einem verschlossenen oder stark verengten zuführenden Herzgefäss.» Gründe dafür können grosse emotionale Stress- situationen – positive oder negative – oder auch ein starker körperlicher Schmerz sein. Der Herzspezialist weiter: «Im akuten Stadium müssen die Patientinnen und Patienten genau gleich überwacht werden wie bei einem Herzinfarkt, weil sie auch mit einem Happy- oder einem Broken-Heart-Syndrom an einer Herzrhythmusstörung sterben können.» Meist heilt diese Herzmuskelschwäche allerdings in den ersten Tagen bis Wochen vollständig aus.

Ein Herz und eine Seele: Elternliebe gehört zu den stärksten Gefühlen überhaupt.

Da hört man sich doch lieber die Musik von Johann Sebastian Bach (1685–1750) an. Wissenschaftler haben nämlich herausgefunden, dass die barocken Klänge bereits nach zehn Sekunden Puls und Blutdruck senken. Das Herz hört also mit. Es fühlt übrigens auch mit, denn eine Studie hat belegt, dass Katzenbesitzer ein kleineres Herzinfarkt-Risiko aufweisen als Miau-Muffel – die Samtpfoten reduzieren den Stress ihrer Herrchen und Frauchen. Und noch eine süsse Nachricht: Eine weitere Untersuchung zeigte, dass jene Studien-Teilnehmer ein um 39 Prozent geringeres Herzinfarkt- und Schlaganfall-Risiko aufwiesen, die am meisten Schokolade futterten. Am herzgesündesten ist solche mit möglichst hohem Kakao-Anteil.

Bekanntlich geht Liebe ebenso durch den Magen. Offenbar aber auch durch den Finger. Zumindest, wenn es nach den alten Römern und Ägyptern geht. Sie glaubten, dass die Vena amoris – die Liebesvene – direkt vom Ringfinger der linken Hand zum Herzen führt, weshalb sie ihre Eheringe dort trugen. Als Linkshand-Ehering-Träger haben demzufolge auch die Schweizerinnen und Schweizer eine direkte Verbindung zum Herzen. 

Allgemeine Anzeichen

So erkennen Sie einen Infarkt

  • (Massives) Engegefühl, starker Druck, Einschnürungsgefühl im Herzbereich, heftiges Brennen im Brustbereich, das mindestens ein paar Minuten anhält.
  • Oft strahlen die Schmerzen in Arme, Schulter, Hals, Kiefer oder Oberbauch aus.
  • Übelkeit, Erbrechen, Atemnot, Angst, kalter Schweiss, Gesichtsblässe
  • Bei Frauen, Diabetikern oder älteren Menschen oft als alleinige Warnsignale
  • unerklärliche Übelkeit oder Erbrechen
  • Atemnot
  • Druck in Brust, Rücken oder Bauch
  • diffuse Beschwerden

Quelle: Schweizerische Herzstiftung