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Heute schon geparkt?

Ist es eine Parkbusse, wenn jemand in einer Grünanlage zu Gott spricht? Wie auch immer: Viele Menschen nutzen Parks für eher besinnliche Beschäftigungen, wie eine Studie zeigt.

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Kostas Maros
31. August 2020

Sollten Sie, liebe Leserin, lieber Leser, in Zürich wohnen oder arbeiten, verdankt die Stadt Ihnen einige Quadratmeter Freiraum. Acht Quadratmeter genau sind es pro Einwohner, fünf Quadratmeter pro Arbeitsplatz. Nach diesen Richtwerten werden in der grössten Schweizer Stadt die nötigen Freiflächen berechnet. Dazu zählen Parks und Plätze. Auch andere Schweizer Städte planen mit vergleichbaren Werten.

Wie wichtig Frei- und Grünräume in einer Stadt sind, zeigte sich dieses Jahr ganz besonders deutlich. Eine Untersuchung der Hochschule für Technik (HSR) Rapperswil SG und der Hochschule für Landschaft, Ingenieurwesen und Architektur (HEPIA) in Genf von Mitte April während des Lockdowns kommt zum Schluss, dass über 70 Prozent der Befragten viel weniger mit dem Auto oder den öffentlichen Verkehrsmitteln weiter entfernte Erholungsgebiete aufsuchten. Die Menschen gingen in die näher liegenden Gebiete, in Parks, sofern die noch offen waren. Ansonsten waren die eigene Terrasse und der Balkon die bevorzugten Frei- und Grünräume, gefolgt von Garten und Wiese ums Haus. Knapp die Hälfte aller Befragten im Kanton Zürich beschrieb ihre Aktivität zudem als kontemplativ – einfach zu sein, Ruhe zu geniessen und die Seele baumeln zu lassen.

Der Stadtpark St.Gallen war ursprünglich ein privater Landschaftsgarten. Heute ist er die grösste zusammenhängende Grünfläche in der St.Galler Innenstadt.

Der älteste Park ist in Basel

Dieses Bedürfnis ist übrigens keine Erscheinung der Neuzeit. Der älteste Park der Schweiz, der Botanische Garten von Basel, wurde 1589 gegründet. Eine bemerkenswerte Pflanzenfülle zeigt auch die zweitälteste Anlage der Schweiz, der 1793 gegründete Botanische Garten von Pruntrut JU. In den letzten beiden Jahrhunderten ging die Entwicklung dann schnell: Rund um das Genfer Seebecken beispielsweise hat man eine Reihe von ehemals privaten Landsitzen zu grossen öffentlichen Parkanlagen gemacht. Auf der linken Seite den Parc de la Grange und den Parc des Eaux-Vives und am rechten Seeufer sind sogar vier Parks zu einem vereint.

Aus dem Friedhof wird ein Park

In Basel verrät das axiale Wegnetz des Kannenfeldparks, wie er ursprünglich genutzt wurde: Von 1868 bis in die 1940er-Jahre war der Park ein Friedhof. Entlang der Wege waren Allee- und in den Grünflächen zu Gruppen gefügte Parkbäume gepflanzt. Mit 32 Hektaren Fläche ist der Irchelpark Zürich einer der grössten Stadtparks der Schweiz. Er wurde 1986 eingeweiht. Wäre er ein Bauernhof, gehörte er zu den grössten des Landes. 97 Prozent aller Bauernbetriebe sind kleiner als 30 Hektaren. Als Erbe der Expo02 hat Yverdon-les-Bains VD den Parc des Rives erhalten, wo sich während der Expo02 eine der vier Arteplages befand. Nach der Schau öffnete die Stadt den Park für die Öffentlichkeit. Weil wenig Budget dafür da war, behielt er seine rustikale Schlichtheit. Und in Frauenfeld TG wurde aus einem ehemaligen Armeegelände ein neuer Stadtpark, der Murg-Auen-Park, den der Schweizer Heimatschutz 2017 mit dem Gartenpreis ausgezeichnet hat.

«Bei Umfragen steht ‹viel Grün› immer zuoberst auf der Wunschliste.»

Peter Wullschleger

Was man in einer Schweizer Stadt vergeblich sucht, ist ein grosser zentraler Park, wie in viele andere Städte kennen: den Englischen Garten in München etwa oder den Hyde Park in London. In der Schweiz waren die Wälder und das Umland meist gut erreichbar, grosse Parks waren nie nötig.

Der Kannenfeldpark in Basel:  Einst ein Friedhof, heute die grösste Parkanlage der Stadt.

Dass die Menschen Parkanlagen schätzen, zeigt ein Blick auf die Immobilienpreise. «Wohnlagen in Park-nähe sind attraktiv», sagt Peter Wullschleger (60), Geschäftsführer beim Bund Schweizer Landschaftsarchitekten und Landschaftsarchitektinnen. Zudem: «Bei Umfragen steht ‹viel Grün› immer zuoberst auf der Wunschliste.» Zürich und Wien, die regelmässig um den Titel der lebenswertesten Stadt der Welt buhlen, gehören beide zu den 15 Städten mit dem grössten Anteil an Grünflächen. In Wien sind es mehr als 40 Prozent der Stadtfläche, in Zürich immerhin über 30 Prozent.

Zehn Grad wärmer in der Stadt

«Auch wer nicht direkt an einem Stadtpark wohnt, profitiert von Grünflächen», sagt Axel Fischer (56), Leiter des Geschäftsbereichs Park- und Grünanlagen der Stadt Zürich. So hat man festgestellt, dass es in der Stadt bis zu zehn Grad wärmer sein kann als im Umland mit viel Wald: Beton und Asphalt heizen die Stadt auf. «Grünflächen wirken der Erwärmung entgegen», sagt Fischer. Auf ihnen kann der Regen versickern und danach wieder verdunsten. Das wirkt kühlend wie das Schwitzen bei unserem Körper.

«Auch wer nicht direkt an einem Stadtpark wohnt, profitiert von Grünflächen.»

Axel Fischer

Der 1,4 Hektar grosse Quartierpark Pfingstweid, 2015 eröffnet, ist einer der neueren Parks in Zürich. Dieser vereine die verschiedenen Ansprüche beispielhaft, erklärt Fischer, denn ein Park müsse multifunktional sein. «Früher standen Sport, Spiel, Erholung und das Naturerlebnis im Vordergrund», sagt Fischer. Heute müsse man auch die Ökologie beachten, die Biodiversität fördern und die klimatische Funktion des Parks berücksichtigen. «Aber Nutzung und Ökologie vertragen sich nicht immer, denn eine Wiese für Spiel und Sport ist ökologisch wenig wertvoll.» Hier müsse man den richtigen Mix finden. Beim Park Pfingstweid heisst das: Es gibt eine grosse Rasenfläche für Spiel und Sport, Bäume für die Beschattung und Inseln mit Gras, das nur ein- oder zweimal im Jahr gemäht wird.

Der Park Pfingstweid ist einer der jüngsten Parks in Zürich.

Während Fischer durch den Park geht und über einheimische Baumarten, den «unkaputtbaren» Grill und über Recyclingbeton spricht, geht eine Passantin spontan auf ihn zu: «Sie haben den Park geplant? Ein Hit. Es ist jedes Mal eine Freude, wenn ich hindurchgehe.» Das Lob ist typisch: «Die Rückmeldungen aus der Bevölkerung sind sehr positiv.» Auch die Eigentümer der Liegenschaften haben sich mit einer beträchtlichen Summe an den Gesamtkosten von rund sieben Millionen Franken beteiligt. Das zeige, wie eine solche Anlage die Wohnqualität verbessere – und den Wert der Immobilie steigert.

Parks unbedingt erhalten

Anders ist die Situation auf der Josefwiese, ein paar Hundert Meter weiter östlich. Dieser Park wurde 1924 eröffnet. «Der Standort ist recht zufällig, es war der letzte unverbaute Grund im Industriequartier», sagt Fischer. Die Wiese sollte den Menschen ein Naturerlebnis und Sport ermöglichen. «Früher gab es sogar eine 100-Meter-Bahn. Dafür waren Ökologie und Klima noch kein Thema.» Dennoch muss man laut Fischer die Josefwiese erhalten, selbst wenn sie ökologisch nicht als besonders wertvoll gilt. Aber die Flächen und Bäume wirken sich positiv auf das Mikroklima aus. Für die Zukunft reicht das aber nicht.

Die Josefwiese in Zürich, dahinter steht der Prime Tower neben dem Bahnhof Hardbrücke.

Sechs Quadratmeter fürs Tüechli

Um weitere 80000 bis 100000 Einwohner wird die Stadt Zürich bis 2040 vermutlich wachsen. Damit gerät auch der Badetüchli-Index unter Druck, scherzt Axel Fischer. Dabei ist es ihm ernst. Je mehr Menschen sich auf gleich viel Fläche aufhalten, desto höher ist das Konfliktpotenzial. Der «Badetüchli-Index» besagt, dass ein Mensch ungefähr sechs Quadratmeter Platz auf der Liegewiese braucht, damit er sich noch wohlfühlt.

«Der Mensch braucht ungefähr 6 Quadratmeter Platz, damit er sich wohlfühlt.»

Axel Fischer

Damit das in Zürich auch dann noch der Fall sein wird, wenn eine halbe Million Menschen dort leben, braucht es mehr Freiräume, Freizeit- und Sportanlagen. Dafür hat die Stadt einen aktualisierten kommunalen Richtplan in die Vernehmlassung und in die politische Beschlussfassung geschickt.