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Hopp, Hase!

Der Feldhase ist ein Fruchtbarkeitssymbol. Darum bringt er an Ostern die Eier. Doch Meister Lampe ist selten geworden – obwohl er sich fleissig vermehrt. Zum Glück greifen ihm Experten erfolgreich unter die Vorderläufe.

06. April 2020
Fast unsichtbar: Der Feldhase lässt sich tagsüber  selten blicken.  Er hoppelt lieber in der Nacht.

Fast unsichtbar: Der Feldhase lässt sich tagsüber selten blicken. Er hoppelt lieber in der Nacht.

Kurz und bündig

  • Feldhasen können bis zu zwei Meter hoch springen und gut schwimmen.
  • Füchse jagen keine ausgewachsenen Feldhasen.
  • Die Feldhasenmütter besuchen ihre Jungen nur zum Säugen.
  • Die Zahl der Feldhasen in der Schweiz ist rückläufig, in Berggebieten sind die Bestände hingegen stabil.

Er versteckt sich im hohen Gras, er rennt über die Felder – und er prügelt sich sogar. Meistens hoppelt er aber geräuschlos in der Dunkelheit. Es ist gar nicht so einfach, einen Feldhasen zu beobachten. Einerseits gibt es immer weniger. So wurden in den 60er-Jahren in Genf rund 60 Hasen pro 100 Hektaren gezählt. Im Jahr 2018 gab es in den vom Bund überwachten Gebieten Dichten von 8,5 Hasen pro 100 Hektaren in ackerdominierten Gebieten und 1,7 in wieslanddominierten Gebieten.

Andererseits gehört der Feldhase zu den nachtaktiven Tieren. Nur zur Paarungszeit ab Ende Februar bis im August lässt er sich ab und zu bei Tageslicht blicken. Dann veranstalten die Männchen Wettläufe. Und die Weibchen können rabiat werden: Fühlen sie sich zu sehr bedrängt, verhauen sie die Männchen einfach mit ihren Pfoten.

Rettung für die Hasen

Wenn die Feldhasen nicht mit der Vermehrung beschäftigt sind, liegen sie tagsüber in der sogenannten Sasse. Das ist eine Art Mulde in der Erde. Dort bleiben sie still und bewegungslos. Auch dank ihrer Fellzeichnung sind sie so quasi unsichtbar. Nur wenn ihnen etwas zu nahe kommt, springen sie blitzschnell auf, beschleunigen aus dem Stand auf 70 Kilometer pro Stunde.

In Windeseile: Der Feldhase rennt nicht nur auf der Flucht, sondern auch, um die Weibchen zu beeindrucken. Die Jungtiere werden von den Müttern allein gelassen und nur zum Säugen besucht.

Darius Weber (62) kennt den scheuen Feldhasen ganz genau. Der Biologe und Wildtierexperte ist der Initiant des Projektes «Hopp Hase». Mit der auf zehn Jahre angelegten Untersuchung wurden in der Nordwestschweiz nicht nur die Gründe für das allmähliche Verschwinden des Feldhasen erforscht. Weber und sein Team haben auch Mittel und Wege gefunden, die Tiere wieder zu vermehren. Die Ergebnisse hat der Fachmann im Buch «Feldhasen fördern funktioniert!» festgehalten.

Biologe und Wildtierexperte

«Die Feldhasen wachsen einem schon ans Herz.» – Darius Weber

Der Fuchs hat keine Lust auf Hasen

Das Hauptproblem ist laut den Ergebnissen von «Hopp Hase», dass nicht genug Junghasen überleben. Verkehrsunfälle haben dabei kaum eine Bedeutung. Die Landwirtschaft hingegen schon, den Mähmaschinen fallen viele der Kleinen zum Opfer. Brachen auf den Feldern, die als Inseln angelegt werden, fördern das Überleben der Junghasen. Am effektivsten ist es aber, wenn die Bauern das Getreide dünner als normal einsäen, damit die Hasen die Fläche besiedeln. Steht es zu dicht, können die Hasen nicht aufs Feld, um ihre Jungen zu gebären.Laut Darius Weber bleiben nur die Hasenbestände in den Bergen gleich hoch. «Und in den letzten Jahren haben sie in gewissen Gebieten, die für sie günstig sind, langsam wieder zugenommen.» Der Fuchs gehört aber definitiv nicht zu den Haupttätern bei der Abnahme der Feldhasenpopulation.

«Wenn der Fuchs einen Hasen sieht, macht er sich gar nicht die Mühe, ihn zu jagen.»

 

«Wenn der Fuchs einen Hasen sieht, macht er sich gar nicht die Mühe, ihn zu jagen», erzählt Weber. «Ein ausgewachsener Hase ist viel zu schnell für einen Fuchs.» Zudem kann der Hase gut prügeln: «Ein Schlag mit den Pfoten und der Fuchs hat genug.» In diesem Sinne stimmt es, dass sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen: Sie gehen sich in der Regel mehr oder weniger respektvoll aus dem Weg und grüssen sich nur von Weitem.

Eigentlich ist es ja paradox, dass die Feldhasen immer weniger werden. Denn die Weibchen bringen je bis zu 20 Junge pro Jahr zur Welt. Sie können sich auch mehrfach paaren, sodass die Häsin doppelt schwanger wird und zwei Würfe gleichzeitig austrägt. Das nennt sich Superfötation. Die Jungen kommen sehend zur Welt und sind bis zu 150 Gramm schwer. Dank dieser sprichwörtlichen Vermehrungsfreude gelten Feldhasen als Fruchtbarkeitssymbol und bringen an Ostern die Eier. Aber eben, die Jungen müssen auch überleben.

In Windeseile: Der Feldhase rennt nicht nur auf der Flucht, sondern auch, um die Weibchen zu beeindrucken. Die Jungtiere werden von den Müttern allein gelassen und nur zum Säugen besucht.

Die Feldhasenmütter sind von Natur aus abwesend. Sie lassen die Jungen in einer Mulde zurück und besuchen sie nur einmal alle 24 Stunden zum Säugen. In dieser Zeit kann auch der Fuchs die Jungtiere erbeuten. Auch freilaufende Hunde können den Kleinen gefährlich werden. Wer solche vermeintlich mutterlosen Jungen zufällig findet, sollte sie in Ruhe lassen, rät Darius Weber. «Die Mutter kümmert sich um sie, auch wenn es nicht so aussieht.»

Geschlechtsreif sind die Tiere nach rund einem halben Jahr. Sie ernähren sich von Pflanzen, fressen Gräser, junge Blätter oder Knospen. In ihrem grossen Blinddarm verarbeiten Mikroorganismen die Pflanzen. Der Hase frisst seine Kotpillen nach der Ausscheidung noch einmal, um wirklich alle Nährstoffe aufzunehmen.

Auf Hasensafari

Das Projekt «Hopp Hase» ist inzwischen zwar erfolgreich beendet, doch Darius Weber engagiert sich immer noch für die Feldhasen, oft in seiner Freizeit. «Sie wachsen einem schon ans Herz, gerade, wenn man Junghasen beobachtet. Ich mag sie», erzählt er. «Es ist wichtig, dass Tiere um uns herumleben. Ich finde es schön, wenn ich beim Spazieren auf den Feldern die Hasen sehe.»

Jeweils im Frühling und im Herbst fährt er kreuz und quer über die Feldwege, um die Feldhasen zu zählen, je dreimal. Zum Beispiel im Aargau. Die Gegend heisst Hasenacher und liegt in der Nähe von Möhlin AG. Der Name passt perfekt. Doch Darius Weber dämpft die Vorfreude gleich am Anfang: «Dies ist ein Gebiet, wo es mit Abstand die wenigsten Hasen gibt, vielleicht sehen wir gar keinen.»

Kräftige Vorderpfoten: Während der Paarungszeit wehren sich die Weibchen mit Prügeln gegen zu viel Aufmerksamkeit. Und im Zweifelsfall hilft rennen. Der Fuchs hat das Nachsehen.

Das Hasenzählen ist keine ganz mühelose Angelegenheit. Man braucht ein Auto und mindestens drei Leute, perfekt sind vier. Hinten sitzen zwei der Freiwilligen und suchen mit den mobilen Flutscheinwerfern die Gegend ab. Vorne lenkt der Fahrer das Auto nach einer rot gezeichneten Route auf der Karte. Neben ihm markiert der Schreiber die Hasen, die gesichtet wurden. Das Ganze findet nach Einbruch der Dunkelheit statt und dauert etwa zwei bis drei Stunden. Hoppelt ein Hase ins Scheinwerferlicht, hält das Auto kurz an, die Sichtung wird überprüft. Denn es könnte sich auch um einen Fuchs handeln oder ein Reh. Dann geht es weiter mit rund zehn Kilometern pro Stunde in die Dunkelheit.

«Ich habe nie Schwierigkeiten, Freiwillige zu finden», meint Darius Weber. Es ist tatsächlich sehr spannend, nachts durch die Felder zu fahren und wilde Tiere zu beobachten. «Man braucht dazu keine speziellen Kenntnisse, nur Spass und Interesse an der Sache.» Heute sind die Lehrerin Pascale (57) und der Pensionär Ueli (72) für die Scheinwerfer zuständig. Konzentriert blicken sie in die Dunkelheit.

Jagdbar, aber geschützt

Die Feldhasen sind gut untersucht. Seit 1991 gibt es zum Beispiel jedes Jahr das Feldhasenmonitoring im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt (BAFU). Das ist ein rund 20 Seiten starker Bericht über die Situation dieser Hasen in der Schweiz. Grundsätzlich gehören sie zwar zu den jagdbaren Arten, in elf Kantonen sind sie jedoch geschützt. Die Jäger verzichten dazu auch freiwillig auf die Hasenjagd, wie zum Beispiel letztes Jahr in Luzern, wo es wegen des Rückgangs der Hasenpopulation ein Moratorium gab.

Und wie geht es jetzt den Hasen im Hasenacher? Es dauert fast eine Stunde, bis der erste Hase im richtigen Gebiet in den Lichtkegel springt. Während der Fahrt fallen immer wieder Getreidefelder auf, die in breiteren Streifen gesät sind. Diese Bauern nehmen damit am ersten grossen Versuch in der Nordwestschweiz teil, mit dieser Methode von Darius Weber die Feldhasen zu vermehren. Mit den Hasenzählungen wird kontrolliert, inwiefern diese Methode wirkt.

«Im Herbst werden wir zählen, wie viele Junghasen überlebt haben.»

 

Hier im aargauischen Hasenacher wird das in breiteren Streifen gesäte Getreide offenbar sehr positiv aufgenommen von den Feldhasen. Denn am Ende der Hasenzählung sind sieben Exemplare auf der Karte markiert. Darius Weber ist zufrieden: «Bei der letzten Zählung waren es drei. Wahrscheinlich haben wir damals nicht alle gesehen. Im Herbst werden wir zählen, wie viele Junghasen überlebt haben.» Sieben Hasen in einem der hasenärmsten Gebiete. Immerhin! Sie sind nicht weniger geworden. Das ist doch auch ein guter Grund für frohe Ostern!