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Wandern

Im Angesicht des Eigers

Grindelwald hat die längste Schlittelpiste der Welt. Und vermutlich auch die mit dem anspruchsvollsten Zugang: zwei Stunden bergauf gehen. Aber das macht den Spass nur noch grösser.

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Andrea Meier
24. Februar 2020

Wir lieben Rekorde: der höchste, der schönste, der schnellste. In Grindelwald BE finden Wintersportler die längste Schlittelbahn der Welt. 15 Kilometer sind es vom Faulhorn hinunter bis nach Grindelwald – wenn die Schneedecke gut ist. Mitte Februar reichte es dafür nicht ganz. Aber auch die neun Kilometer nach Weidli machen weidli Spass (Achtung: aktuell ist die Schlittelpiste nur bis Lochsteinen offen).

Wer hier schlitteln will, muss jedoch zuerst einmal wandern und den Schlitten hinaufziehen. Für Filmemacherin Andrea Meier (49) und mich ist das kein Problem, denn das Wandern, das Winterwandern ist ja unsere eigentliche Absicht. Das Faulhorn (2681 m ü. M.) oberhalb von Grindelwald ist im Winter und im Sommer für Wanderer erreichbar. Im Winter wird ein Winterwanderweg bis hinauf präpariert.

Damit wir die Tour an einem Tag schaffen, starten wir nicht in Grindelwald, sondern fahren mit der Gondel bis zur Bergstation First auf 2168 m ü. M. Von dort sind es noch gut zwei Stunden bis auf den Gipfel des Faulhorns. Bevor wir allerdings die Wanderschuhe festschnüren, lassen wir uns eine andere Attraktivität auf First nicht entgehen: den «First Cliff Walk», ein Steg, der an die senkrechte Felswand gebaut wurde. Die zwei Teile des Stegs, eine Hängebrücke dazwischen und eine Aussichtsplattform, die 45 Meter ins Leere hinausragt, bieten Gelegenheit, die Schwindelfreiheit zu testen und über dem Nichts stehend etwas Adrenalin auszuschütten. «Diese kleine Mutprobe lassen sich die wenigsten Besucher hier oben entgehen», sagt Andreas Heim (57), Pisten- und Rettungschef im Gebiet Grindelwald-First. Obschon Grindelwald-First ein Skigebiet ist, «kommen rund 30 Prozent unserer Besucher zum Wandern beziehungsweise zum Schlitteln», so Heim. Er ist dafür zuständig, dass die Gäste sichere Pisten, Wander- und Schlittelwege vorfinden – und davon gibt es viele. «Die meisten der Wege werden sowohl zum Schlitteln als auch zum Wandern genutzt.».

Eine Ausnahme ist der Wanderweg von First aufs Faulhorn, den wir nun in Angriff nehmen. Er ist zum Schlitteln entweder zu steil oder zu flach. Und dennoch: Wer das ganz grosse Schlittelvergnügen sucht, kommt um diesen Weg nicht herum, denn nur er führt zum Start der Schlittelpiste. Also ziehen wir unsere Schlitten zu Beginn noch direkt neben der Piste hoch. Bald biegt unser Weg nach Nordwesten ab und die Pisten und Lifte verschwinden aus unserem Blickfeld. Nun wird auch das Gelände flacher. Von der Gummihitta wandern wir Richtung Bachalpsee, der im Winter nur eine weisse Fläche ist. Hinweisschilder, die vor dem Einbrechen im Eis warnen, deuten an, dass hier ein See sein muss.

Panorama auf dem Faulhorn

Kurz danach steigt der Weg nochmals steil an. Rund 500 Höhenmeter müssen wir bis zum Start der Schlittelpiste beim Gassenboden bewältigen, insgesamt 600 Höhenmeter sind es bis zum Faulhorngipfel. Aber die 100 Extra-Höhenmeter lohnen sich. Von oben präsentiert sich ein fulminanter Rundblick. Im Süden sieht man das bekannte Panorama mit Eiger, Mönch und Jungfrau, daneben Schreckhorn und Wetterhorn. Und im Norden geht der Blick auf den Brienzer- und Thunersee, aufs Brienzer Rothorn und bei guter Sicht bis zum Vierwaldstättersee.

Das macht alle Müdigkeit wett, denn der Aufstieg geht ordentlich in die Beine. Dabei ist der Weg wunderbar präpariert, die Aussicht auf eine lustige Schlittenabfahrt verlockend und die Kulisse eine Wucht. Ab Gassenboden ist das alles egal, denn nun sitzen wir nur noch.

Auf dem Schlitten talwärts

Die Schlittelpiste hat grösstenteils ein sanftes Gefälle. Wenn man einmal eine Kurve nicht erwischt, ists nicht so schlimm. Man landet einfach im Tiefschnee und nicht gleich im Tobel. Bis Bussalp benutzen wir mit dem Schlitten den Wanderweg. Viele Wanderer kommen uns aber nicht entgegen. Der Weg wird hier offensichtlich vor allem fürs Schlitteln gebraucht.

In Bussalp könnte man ins Postauto steigen und nach Grindelwald fahren. Doch vor zwei Wochen war die Piste bis Weidli offen. Zwischen Bussalp und Weidli fährt man mit dem Schlitten auf der Strasse, die man sich mit dem Postauto teilt. Das ist aber kein Problem. Dank weit voraus hörbarem «Tü-ta-to» bleibt genug Zeit, rechtzeitig anzuhalten und an den Pistenrand auszuweichen.