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Mehr als ein Kartenspiel

Erfunden haben das Jassen zwar die Holländer, in der Schweiz hat es sich jedoch durchgesetzt. Bis heute hält sich der Nationalsport hartnäckig.

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Kostas Maros
23. November 2020
Faule Sprüche, keine Gnade:  Lea, Celia, Janina und Hanspeter (v. l. n. r.) beim Jassen.

Faule Sprüche, keine Gnade: Lea, Celia, Janina und Hanspeter (v. l. n. r.) beim Jassen.

Wenn die Bamerts aufeinandertreffen, dann gehts traditionell laut zu und her, schon bei der Begrüssung. Da werden gleich Sprüche geklopft: Jeder gegen jeden, laut, aber herzlich. Hanspeter Bamert (58) trifft mit seinem Hund Stella als Letzter bei seiner ältesten Tochter Janina Forrer (29) ein. Im alten Bauernhaus in Wädenswil ZH kommen die Bamerts zum ersten Mal seit ihrer siegreichen Teilnahme am «Donnschtig-Jass» im Schweizer Fernsehen SRF wieder zum Jassen zusammen.

​Die Bamerts sind keine regelmässigen Stammtisch-Jasser, eine Teilnahme an der Show war deshalb auch nie ein Thema gewesen. Bis Hanspeter sich und seine Töchter im Alleingang anmeldete. «Ich habe meine Töchter nicht gefragt», erzählt der Berufsschullehrer schmunzelnd, «aber dann waren sie sofort Feuer und Flamme.» Die Töchter waren weniger empört über die Tatsache, dass sie nicht gefragt wurden, als vielmehr über die Art und Weise, wie Hanspeter sie danach informierte. «Er hat uns per E-Mail mitgeteilt, dass wir vom SRF angenommen wurden!», beschwert sich Lea (22) lautstark. «Das geht gar nicht», bekräftigt ihre Schwester Celia (27). Bald sagten sie sich aber: «Wieso eigentlich nicht?» Und freuten sich darauf, den Volkssport vor den Augen aller Passivjasser auszuüben.

Erfolgreiches Importprodukt

Jassen hat eine lange Tradition. Der erste Beleg für das Kartenspiel in der Schweiz stammt aus einem Ratsprotokoll der Stadt Schaffhausen. 1796 wurden vier Bauern aus dem Dorf Siblingen vor den Hohen Rat zitiert, weil sie in einem Wirtshaus bis in die frühen Morgenstunden dem Kartenspiel gefrönt hatten. Die Beschuldigten sagten, sie hätten «ein Spiel, welches man das Jassen nenne, zur Kurzweil gemacht» und kamen mit einer Verwarnung davon: Sie sollten sich «des Spielens entmüssigen».

«Nicht der bessere Jasser gewinnt, sondern der mit den besseren Karten.»

Hanspeter Bamert

Erfunden aber wurde das Spiel in den Niederlanden, wo das Jassen schon seit dem 17. Jahrhundert verbreitet war. Die Begriffe «Jass» (deutsch: Bauer) und «Näll» stammen denn auch aus dem Holländischen. Schweizer Söldner, die in den Niederlanden dienten, sollen das Spiel in ihre Heimat gebracht haben. Mit nachhaltigem Erfolg: Im 19. Jahrhundert setzte sich das Spiel mit 36 Karten in der Schweiz durch. So richtig populär wurde das Jassen nach dem Zweiten Weltkrieg. 1968 entwickelte Kurt Felix (1941–2012) im Schweizer Fernsehen die legendäre Sendung «Stöck – Wyys – Stich», die er gleich selbst moderierte.

Jedem sein Jass

Der Erfolg des Jassens liegt in der Überschaubarkeit des Spiels: 36 Karten, vier Farben, die höhere Karte schlägt die tiefere Karte einer Farbe, die Trumpffarbe sticht alle anderen, jene Partei mit den meisten Punkten gewinnt am Ende. Und dennoch wird es bald einmal komplex, denn nach dem «Schweizer Jassführer» existieren 35 verschiedene Jassarten, aus denen noch mehr Unterarten abgeleitet werden können. Jeder kann sich mit seiner Gruppe eigene Jassregeln zusammenbasteln. Das erklärt auch die zum Teil abenteuerlichen Namen von «Hose abe» bis «Sidi Barrani». Der am meisten verbreitete Jass ist der Schieber, bei dem zwei Zweierteams gegen- einander antreten.

Der Lieblingsjass der Bamerts heisst Molotow, bei dem die wenigsten Punkte gewinnen. Weil beim «Donnschtig-Jass» aber Differenzler gespielt wird, bei dem man vor jeder Runde schätzen muss, wie viele Punkte man macht, mussten sich die drei jungen Frauen erst einmal umgewöhnen.

Nicht so Vater Hanspeter. Der Schwyzer jasste schon mit 14 Jahren in den Beizen des Bezirks March um Geld. «Das war das einzige Hobby meines Vaters. Sonntags wurde gejasst», erzählt der Bauernsohn, den es sofort gepackt hat: «Es ist in jeder Runde ein anderes Spiel.» Als seine älteren Töchter im Primarschulalter waren, führte er die Familientradition weiter. «Mama war nie so die Spielerin, aber unser Vater hat uns immer gepusht – auf eine positive Art», erzählt Celia. «Spielen kultiviert», erklärt Hanspeter. Stundenlang wurde bei den Bamerts früher gespielt: Brettspiele, Würfelspiele, Kartenspiele. Aber das Jassen hatte immer einen besonderen Stellenwert.

Der Jass-Graben

Der Differenzler war indes nicht das einzige Problem der Bamert-Töchter vor dem TV-Auftritt. «Wir sind nicht gut in Teams, wir spielen lieber alle gegeneinander», sagt Lea lachend. «Deshalb passt Molotow so gut zu uns: Es ist ein dreckiger Jass, bei dem es darum geht, den anderen eins reinzuwürgen.»

Eine weitere Hürde: Beim SRF wird mit den französischen Karten gejasst. Schübelbach SZ, wo die Bamert-Mädchen das Jassen einst lernten, liegt aber im Herzen des Deutschschweizer Kartengebiets. Denn nur von Schaffhausen bis Glarus, von Obwalden bis St. Gallen wird mit Schellen, Schilten, Rosen und Eicheln gespielt. Im ganzen Rest der Schweiz sind Herz, Ecke, Schaufel und Kreuz Trumpf. Die Kantone Aargau und Luzern sind durch den Jass-Graben gar gespalten.

Die Bamerts wischen einander beim Jassen gerne eins aus. Weil sie aber noch lieber gewinnen, mussten sie im Vorfeld der Sendung üben, üben, üben. «Wir haben uns in dieser Vorbereitungszeit sehr oft gesehen», sagt Janina. «Es war schön, so viel Zeit zusammen zu verbringen.» Denn Jassen ist nicht nur ein Spiel. Mindestens ebenso wichtig ist die soziale Komponente: die gemeinsame Zeit in der Familie, in der Beiz, im Militär oder im Verein.

Am grossen Tag, dem 9. Juli, waren die Bamerts im Freilichtmuseum Ballenberg bereit. «Ich war vorher sehr nervös», erinnert sich Celia, «dann aber war es eine überraschend positive Erfahrung.» Und obwohl Lea behauptet, Differenzler mache keinen Spass, schlugen sie die Blasers aus Derendingen SO. Für den Final der besten zwei Siegerfamilien reichte ihre Punktezahl nicht: Die Bamerts wurden Sechste unter zwölf teilnehmenden Familien.

Alles Glückssache – oder?

Der Anteil von Fortuna ist ein ewiger Streitpunkt unter Jassern. «Nicht der bessere Jasser gewinnt, sondern der mit den besseren Karten», behauptet Hanspeter Bamert und findet prominente Unterstützung. Jass-Expertin Monika Fasnacht (56) schätzt das Verhältnis von Glück zu Können auf 70 zu 30.

Ob Glück oder nicht: Ihren Sieger- pokal reichen die Bamerts auch heute noch stolz herum. Die Töchter waren überrascht über das Echo, das ihre TV-Präsenz auslöste. «Eine Woche lang wurde ich täglich im Laden darauf angesprochen», sagt Celia, stellvertretende Filialleiterin in einem Modegeschäft in Zürich. «Bei mir sagten alle: Meine Eltern haben dich im Fernsehen gesehen», erzählt die fünf Jahre jüngere Linguistik-Studentin Lea.

Womit wir beim Klischee wären, Jassen sei nur etwas für die ältere Generation. Die Digitalisierung kostete die klassische Jass-Gemeinschaft, die am Tisch einen Jass klopft, viele Aktive. Andreas Balsiger (61), Delegierter des «Eidgenössischen Differenzler Jass Verbands», schätzt, dass sich die Zahl der Jasser in den letzten 20 Jahren von 1,5 Millionen auf rund die Hälfte re- duziert hat. Gleichzeitig kam der «Donnschtig-Jass» auf SRF zuletzt auf einen Schnitt von 420 000 Zuschauern und einen Marktanteil von satten 33 Prozent. «Die Zahl der Passivjasser ist sehr hoch», sagt Fabio Cadonau (59), Inhaber der einzigen Jasszeitung «Trumpf-As». Und dann gibt es noch Hunderttausende, die regelmässig online jassen, weshalb man heute von rund einer Million Jassern ausgeht. Von einem Niedergang des Schweizer Volkssports kann also keine Rede sein.

Die Bamerts haben ihre Jassrunde beendet und freuen sich auf ihr verdientes Siegeressen, bei dem sie nochmals die besten Anekdoten ihres TV-Abenteuers austauschen. Keine Frage: Für sie ist das Schönste am Jassen das gesellige Zusammensein.