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Mörderisches Vergnügen

Kriminalromane, Kriminalfilme: Sie faszinieren Millionen. Weil am Schluss das Gute siegt, wir uns aber auch mit dem Bösen identifizieren können!

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Fabian Hugo
16. November 2020
Für einmal ist Krimiautorin Silvia Götschi das Opfer. Nicht so im wirklichen Leben: So viele Krimis wie sie verkaufte 2019 in der Deutschschweiz kein Schweizer Schriftsteller.

Für einmal ist Krimiautorin Silvia Götschi das Opfer. Nicht so im wirklichen Leben: So viele Krimis wie sie verkaufte 2019 in der Deutschschweiz kein Schweizer Schriftsteller.

Kurz und bündig

  • Nach Sportübertragungen haben Krimis die höchsten Einschaltquoten.
  • Am deutschen Fernsehen werden jedes Jahr 4500 Menschen ermordet.
  • Man ist dabei, kann aber jederzeit aussteigen.
  • Am Ende siegt das Gute – das beruhigt.
  • Leser identifizieren sich auch mit dem Mörder.
  • Strukturwandel: vom Whodunit- zum Lasagne-Krimi.

1962 war es, als Bill Ramsey (89) seinen wohl bekanntesten Hit swingte: «Ohne Krimi geht die Mimi nie ins Bett». Das ist 58 Jahre her, doch Mimis finden sich auch heute noch in Millionen von Haushalten. Krimis faszinieren mehr Leute denn je. In der Rangliste der 100 SRF- Sendungen mit den höchsten Einschaltquoten (seit 2013) belegen die Krimis mit 16 Vertretern Platz 2 (15 Mal «Der Bestatter», dazu die «Tatort»-Premiere aus Luzern); unangefochtener Spitzenreiter sind Sportsendungen (51). Jedes vierte in der Deutschschweiz verkaufte belletristische Buch ist ein Roman kriminellen oder gruselnden Inhalts. Wer es darauf angelegt hat, kann sich diese Woche auf SRF 1 und 2 21 Krimis reinziehen; das sind 21 Stunden Mord und Totschlag. Verglichen mit dem ersten und dem zweiten deutschen Fernsehen (regionale Stationen nicht eingerechnet) sind die Schweizer allerdings Waisenknaben: Dort sind 58 Kriminalfilme programmiert, Dauer rund 58 Stunden. Eine Leichenzählung hat ergeben, dass auf deutschen TV-Kanälen jedes Jahr über 4500 Menschen filmisch zu Tode kommen.

Woher die Faszination für dieses massenhafte Meucheln?

Silvia Götschi (62, Lieblingsfilm: «Shining») hält es wie Mimi: Ohne geht sie nicht ins Bett. Die Innerschweizerin ist Krimiautorin – und eine erfolgreiche noch dazu. 17 Bücher dieses Genres hat sie seit 2011 veröffentlicht, und jedes Jahr kommen im Emons- und im Schweizer Cameo-Verlag mindestens zwei weitere dazu. Gemäss Angaben von GfK Entertainment Schweiz verkaufte im letzten Jahr kein Schweizer Krimiautor und keine Schweizer Krimiautorin in der Deutschschweiz mehr Kriminalromane als sie. Ihr Erfolgsrezept: «Ich schreibe, was meine Leser von mir wollen: Spannung, Spannung, Spannung, dazu Hintergründiges über das Privatleben meiner Figuren, dies alles angereichert mit Informationen über gesellschaftliche Zusammenhänge und die Schauplätze.» Ihr Rezept funktioniert: 2019 verkauften sich ihre Bücher über 40 000 Mal.

«Ich habe eine blühende Fantasie»

Beginnt sie mit dem Schreiben eines neuen Romans, hat sie die Geschichte bereits im Kopf. Ein schriftliches Drehbuch oder Excel-Dateien mit einem minutiös geplanten Ablauf braucht sie nicht. Erst im Verlauf des Schreibprozesses entscheidet die gelehrte Kauffrau, wo die Geschichte spielt. «Dann mache ich einen Ausflug dorthin, sauge die Eindrücke auf, schaue mir die Leute an, stelle mir vor, wie sie ticken. Ich fahre an Häusern vorbei und denke mir aus, wie es hinter den Mauern zu- und hergehen könnte.» Ihr kriminalistisches Wissen hat sie aus Büchern, etwa über Anwälte und Profiler – und aus TV-Krimis. «Ich habe eine derart blühende Fantasie – mehr brauche ich nicht.»

Die Identifikation mit dem Bösen spricht die dunkle Seite in uns an.

Den Grund für die allgemeine Beliebtheit des Krimis sieht sie in unseren Lebensumständen. «Je besser es den Menschen geht, desto brutaler sind die Bücher», sagt die fünffache Mutter. «Die Skandinavier sind das beste Beispiel dafür.» Und: «Leute aus Kriegsgebieten haben Sehnsucht nach Liebesromanen: Im Sudan liest kein Mensch Krimis.»

Das Schlüsselwort heisst Angstlust

Über die «Faszination Krimi» zerbrechen sich nicht nur die Autorinnen und Autoren den Kopf, sondern auch Wissenschaftler. Zum Beispiel der Basler Psychologe Udo Rauchfleisch (78, derzeitiger Lieblingsautor Andrea Camilleri). Für ihn entscheidend: die Angstlust. Darunter versteht die Psychologie das lustvolle Gefühl, das entsteht, wenn man sich einer beängstigenden Situation aussetzt, wohlwissend, dass man sich dieser jederzeit entziehen kann. «Deshalb können wir uns die schlimmsten Szenen anschauen und dazu an einem Aperitif nippen und Stängeli knabbern, denn wir wissen: Das ist nicht Realität», sagt Rauchfleisch.

«Wir wissen: Das ist nicht Realität.»

Udo Rauchfleisch

Im Verlaufe eines Krimis identifiziert sich der Leser oder die Leserin mit verschiedenen Figuren. «Meine Gewissensinstanz und meinen Sinn für Recht und Ordnung lebe ich im Aufklärer aus, meine aggressiven, kriminellen Impulse im Täter», sagt der Psychoanalytiker. Letztere sprechen die dunkle Seite in uns an und würden uns im realen Leben Angst machen. Aber wir wissen: Ein Krimi ist wie ein Märchen, und am Ende siegt das Gute. Mehr noch: «Wir haben sogar das Gefühl, etwas zur Aufklärung eines Verbrechens beigetragen und damit für eine bessere Welt gesorgt zu haben.»

Beim Mitfiebern mit der Ermittlerin beruhigen wir unser Gewissen.

Krimiautorin Silvia Götschi als Forensikerin: Ihr Fachwissen hat sie aus Büchern, etwa über Anwälte und Profiler.

Udo Rauchfleisch räumt in diesem Zusammenhang mit einer immer wieder geäusserten Behauptung auf: «Menschen, die nicht ohnehin schon zu Gewalt neigen, werden durch den Konsum von Krimis nicht gewalttätig – auch nicht durch Horrorfilme oder Gewaltspiele.» Im Gegenteil: «Sie werden immer ängstlicher. Das geht so weit, dass sich 16- oder 18-jährige junge Männer nicht mehr allein in den Keller trauen», weiss Rauchfleisch, sagt aber, dass der häufige Konsum von Gewaltdarstellungen zu einer gewissen Verrohung führen könne. Dabei denkt er allerdings weniger an die Gewalt in Filmen und Büchern, als vielmehr an reale Gewaltbilder, zum Beispiel in Nachrichtensendungen. «Darunter kann die Empathie leiden.»

Seine eigene dunkle Seite lebt der emeritierte Professor übrigens nicht nur im Konsum von Krimis aus, seit einigen Jahren schreibt er auch selber welche. Im Zentrum steht der schwule Basler Kommissar Jürgen Schneider, der mit seinem Partner in einer Regenbogenfamilie lebt und zusammen mit einem lesbischen Paar einen mittlerweile zehnjährigen Sohn hat. Sechs Bücher sind bereits erschienen, das jüngste trägt den Titel «… und plötzlich bist du tot» (Himmelstürmer Verlag).

 


Guter Krimi: das brauchts

Das Schreiben von Kriminalromanen überlässt der St. Galler Literaturprofessor und Krimikenner Peter Faesi (72, Lieblingsautorin Karin Fossum) lieber anderen – obwohl er sich von Berufs wegen und natürlich auch als Leser seit Jahrzehnten mit diesem Genre befasst. «Ich esse für mein Leben gern Ostereier», sagt er schalkhaft, «aber das Legen der Eier überlasse ich lieber andern.»

Als Dozent an der Fachhochschule St. Gallen hatte er es sich zum Ziel gesetzt, Wirtschaftsstudenten die Literatur näherzubringen. «Da kommt man mit mittelhochdeutschem Minnesang und Goethes Herzschmerz-Geschichten nicht weit», sagt er. Deshalb führte er seine Studierenden mit Kriminalgeschichten an die Literatur heran – mit Erfolg.

Was ein guter Krimi ist, weiss Faesi ganz genau. Entscheidend, hat er herausgefunden, seien vier Elemente:

  • Die Platzierung des Mörders: Dieser dürfe nicht zu sehr im Vordergrund stehen, aber auch nicht erst zehn Seiten vor Ende des Buches auftauchen – und der Gärtner dürfe nicht der Mörder sein.
  • Figuren mit einem glaubwürdigen Charakter.
  • Eine raffinierte, klare Sprache, am liebsten mit einer Portion Witz.
  • Die Struktur: Ein Krimi muss ziel- gerichtet sein, auf die Aufklärung des Verbrechens ausgerichtet. Das schliesst den Aufbau von Spannung mit ein, die sich dann erst mit der Aufklärung des Verbrechens löst.

«Da kommt man mit mittelhochdeutschem Minnesang und Goethes Herzschmerz-Geschichten nicht weit.»

Peter Faesi

Den Krimi als selbstständige literarische Form gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts. Seither hat sich das Genre hinsichtlich der behandelten Themen stetig weiterentwickelt. Auffällig, sagt Peter Faesi, sei aber auch die formale Veränderung. «Die Kriminalromane von Agatha Christie hatten nur ein Ziel: das Verbrechen aufzuklären.» Man spricht deshalb von Whodunit-Romanen (who has done it? – wer hat es getan?). «Über den Ermittler Hercule Poirot erfahren wir lediglich, dass er aus Belgien stammt, ein Genie ist und Kürbisse züchtet.» Diesem Aufbau stellt Faesi den Krimi gegenüber, der auf mehreren Ebenen spielt und den er Lasagne-Krimi nennt: Das Verbrechen geschieht 2020, hat etwas mit einem Verbrechen von 1990 zu tun, das wiederum in Zusammenhang mit einem Ereignis im Jahr 1960 steht. «So machen es im Moment alle», sagt er und nennt als Beispiel den im Oktober ausgestrahlten ersten «Tatort» aus Zürich.

Peter Faesi freut sich über die Beliebtheit des Krimis. Auch wenn er sich manchmal ärgert, wie viel Schrott gerade in diesem Genre auf den Markt kommt. «Acht von zehn Krimis sind Müll», lautet sein vernichtendes Urteil. Und noch etwas ärgert den Literatur- professor: die Unterscheidung zwischen unterhaltender und ernsthafter Literatur. «Wenn ich mich zwischen einem spannenden, sprachlich starken Krimi und einem dieser mäandernden, modernen Romane entscheiden muss – so einem, der dann mit Literaturpreisen ausgezeichnet wird –, dann nehme ich den Krimi mit ins Bett.» 

Der Krimi im Wandel

Literaturprofessor Peter Faesi benennt die Trends in der Kriminalliteratur und gibt seine ganz persönlichen Lesetipps:

  • 1890er-Jahre: Der Gentleman-Detektiv. Arthur Conan Doyle: «Die Abenteuer des Sherlock Holmes»
  • 1920er-Jahre: Der Whodunit-Krimi. Agatha Christie: «Alibi»
  • 1940er-Jahre: Der Hardboiled-Krimi mit dem unbeirrbaren Ermittler. Dashiell Hammett: «Der Malteser Falke»
  • 1970er-Jahre: Der politische Krimi. Maj Sjöwall/Per Wahlöö: «Endstation für neun»
  • 1980er-Jahre: Der zeitgeschichtliche Krimi. Henning Mankell: «Hunde von Riga»
  • 1990er-Jahre: Der lokale Krimi. Donna Leon: «Venezianisches Finale»
  • 2000er-Jahre: Der psychologische Krimi. Karin Fossum: «Schwarze Sekunden»
  • 2010er-Jahre: Der Lasagne-Krimi. Håkan Nesser: «Die Einsamen»