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Titelgeschichte

Lebensluft

Wir verdanken ihr das Leben. Dennoch fristet die Atmung bei fast allen Menschen ein Mauerblümchen-Dasein. Was Lebensluft und Lebenslust miteinander zu tun haben.

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Heiner H. Schmitt
24. Februar 2020

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Herzlich

 

Sie ist einfach da. Ohne dass wir sie gross wahrnehmen. Und trotzdem geht ohne sie nichts. Höchste Zeit also, unserer Atmung mehr Beachtung zu schenken. Denn im Atem stecken wahre Superkräfte. Das weiss niemand besser als Isabella Cianciarulo (44) aus Zürich. Sie ist Atemtherapeutin mit eigener Praxis und Ausbildnerin auf diesem Gebiet. «Vom ersten Atemzug bis zum letzten ist die Lunge das Zentrum, in dem unsere Lebensenergie entsteht. Ohne Sauerstoff kein Leben», sagt sie. «Unsere Atmung wirkt auf Körper, Geist und Seele gleichermassen ein. Dank ihr besteht eine Verbindung zwischen unserer Innen- und Aussenwelt.»

Über Nase und Mund fliesst durch Luftröhre, Bronchien und Bronchiolen Luft in die Lunge. Dort gelangt ein Teil des eingeatmeten Sauerstoffs über die Lungenbläschen in die Kapillargefässe und damit ins Blut. Eindrücklich: Die sogenannte respiratorische Oberfläche der rund 300 Milliarden Lungenbläschen ergibt eine Fläche von rund 100 bis 140 Quadratmetern, was einer Vier- bis Fünfzimmerwohnung entspricht. Das Blut verteilt den Sauerstoff in alle Ecken und Enden und vor allem in alle Organe des Körpers. Auf dem Rückweg transportiert das nun sauerstoffarme Blut das Stoffwechselprodukt Kohlendioxid zur Lunge, die es ausatmet.

Um diesen Kreislauf zu gewährleisten, atmen Erwachsene 12 bis 15 Mal pro Minute, Jugendliche 16 bis 20 Mal, Kleinkinder rund 25 Mal, Säuglinge etwa 30 Mal und Neugeborene sogar 40 Mal. Pro Tag «veratmet» ein Erwachsener ungefähr 12 000 Liter Luft, im Laufe seines ganzen Lebens sind es durchschnittlich 300 Millionen Liter. Durch einen normalen Atemzug gelangt ein halber Liter Luft in die Lunge und wieder heraus, wenn wir tief Luft holen, sind es dagegen zwei Liter.

Wer Schwierigkeiten mit dem Einschlafen hat, kann mit gezielten Atemübungen versuchen, das Sandmännchen anzulocken.

 

Atemübungen bei

(Ein-)Schlafprobleme

Position: Rückenlage
Ort: Bett

Übung:

  • bequem liegen und sich ausgiebig strecken
  • Hände oberhalb des Bauchnabels platzieren
  • einige Atemzüge lang dem Atem lauschen, Kiefer locker und Mund geöffnet lassen
  • Fokus auf Körper richten und wahrnehmen, wie man daliegt
  • beim nächsten Einatmen auf vier zählen und beim Ausatmen langsam auf eins zurückzählen
  • sich dabei immer auf die Atmung konzentrieren und wahrnehmen, wie sie langsamer und tiefer wird, wie sich die Bauchdecke unter den Händen hebt und senkt

Schlafen wir oder sind wir entspannt, atmen wir langsam und gleichmässig. Fürchten wir uns dagegen, regen wir uns auf oder treiben Sport, steigt die Atemfrequenz massiv an. Praktischerweise müssen wir nicht ans Luftholen denken, denn über das vegetative Nervensystem erhält das Atemzentrum im Gehirn den Befehl, stetig weiterzuatmen. Besonders spannend ist die Tatsache, dass die Atmung die einzige vegetative Funktion ist, die wir willentlich beeinflussen können – auf alle anderen vegetativen Funktionen wie Herzschlag, Körpertemperatur oder Verdauung haben wir keinen bewussten Zugriff. Diese Ausnahme eröffnet dem Menschen eine Chance: Er kann die Atmung zu seinen Gunsten nutzen. «Mit bewusster Atmung lässt sich das vegetative Nervensystem beeinflussen, das unter anderem für unser Stressempfinden, aber auch für Stressreduktion und Entspannung zuständig ist», erklärt die Expertin.

Jahrtausendealtes Wissen

Dank der Kraft des Atmens kann vieles wieder ins Lot kommen. Das wussten bereits die alten Ägypter, zudem wird dieses Wissen im indischen Yoga, in der Traditionellen Chinesischen Medizin oder im japanischen Zen-Buddhismus genutzt. Atemtherapie eignet sich bei Atembeschwerden, Asthma, der Lungenkrankheit COPD, Hyperventilation oder Kurzatmigkeit. Sie hilft aber auch bei Leiden wie Muskelschmerzen und -verspannungen, Kopf-, Nacken-, Schulter- und Rückenschmerzen, Haltungsfehlern, Parkinson, Multipler Sklerose, Stottern und Redeflussstörungen, Unruhe, Stress, Erschöpfung, Burn-out, chronischen Erkrankungen, Herzproblemen, Kreislaufbeschwerden, Kopfschmerzen und Migräne, Störungen im Magen-Darm-Bereich, Hochsensibilität oder der Bewältigung von Trauer und Verlusten.

Ein paar Mal richtig atmen ? und schon wird der Stress weniger. Auch Wutanfälle lassen sich so zügeln.

 

Atemübung bei

Stress oder Wut

Position: sitzend oder stehend
Ort: falls möglich an der frischen Luft

Übung: 

  • 3–4 Mal tief ein- und ausatmen
  • beim nächsten Einatmen Fäuste ballen, Atem kurz anhalten, beim Ausatmen Hände wieder öffnen
  • mehrere Atemzüge lang durchführen
  • beim Ausatmen bewusst loslassen, was einen stresst oder bedrückt

«Häufig stört Stress die Atmung, wir atmen dann schnell und flach in den Brustbereich. Das beeinflusst das vegetative Nervensystem, Herzschlag und Blutdruck steigen», so die Atemtherapeutin. Je tiefer wir einatmen, desto stärker bewegt sich das Zwerchfell. Dabei werden nicht nur die Organe im Bauchraum massiert und stimuliert, sondern auch die Bauch- und Rückenmuskulatur trainiert und der Brustkorb gedehnt. Darüber hinaus verbessert eine tiefe Bauchatmung Durchblutung, Zellstoffwechsel, Abwehrkräfte und Verdauung.

Ganz erstaunlich sind die Effekte der Wechselatmung: Mehrere Studien zeigten, dass die Atmung durch das rechte Nasenloch eine aktivierende Wirkung hat, die Atmung durch das linke Nasenloch jedoch beruhigt. Wer abwechselnd erst durch das eine und dann durch das andere Nasenloch einatmet, steigert seine Aufmerksamkeit und reguliert den Blutdruck.

Immer und überall

«Das Wunderbare an den Atem- und Körperübungen ist es, dass man sie stehend, sitzend oder liegend, zu jeder Tageszeit und an jedem Ort machen kann», sagt Isabella Cianciarulo. «Nach dem Aufstehen, vor dem Schlafengehen, bei Arbeitsstress, in der Warteschlange, im Gespräch mit einer Nervensäge und bei Lampenfieber bei einer wichtigen Präsentation.» Wer sich diese kleine Auszeit regelmässig nimmt, tut seiner Gesundheit Gutes und wird erst noch mit einer besseren Lebensqualität belohnt. 

Ob an der Bushaltestelle, in der Kassenschlange oder beim Kaffeetrinken - jede Wartezeit kann man für Atemübungen nutzen.

 

Atemübung bei

Wartezeiten

Position: sitzend oder stehend
Ort: Bushaltestelle, im Zug, an der Kasse etc.

Übung:

  • Zungenspitze bei geschlossenem Mund sanft nach vorne an Zähne und Gaumen drücken
  • bewusst und langsam durch die Nase ein- und ausatmen
  • Druck mehrere Atemzüge lang aufrechterhalten
  • nach einigen Atemzügen sinkt der Atemrhythmus
  • gut bei aufkommenden Panikattacken, Platzangst, Ungeduld

«Die Atmung reguliert das Qi»

Die Ärztin Qi Wang hat eine Praxis für Psychotherapie und Psychiatrie in Cham ZG und ist Leiterin des Qigong-Instituts Dr. Wang im zugerischen Baar.

Wie wichtig ist die Atmung in der Traditionellen Chinesischen Medizin, kurz TCM?

Über das Qi – die Lebensenergie – hat man einen zusätzlichen Zugang, um Krankheit und Gesundheit zu verstehen. Die TCM betrachtet den Menschen als Ganzheit von Körper, Geist und Qi sowie das Individuum als einen Teil der ganzen Natur beziehungsweise des Universums. Die Natur hat auch eigenes Qi. Atmung bedeutet daher nicht nur Austausch von Luft, sondern auch Austausch zwischen eigenem Qi und dem Qi des Universums. Das durch den Atem aufgenommene Qi bildet zusammen mit dem Qi aus der Nahrung das sogenannte Zong Qi. Dieses und das angeborene Qi ergeben das gesamte Qi eines Individuums. Deshalb kann man durch bestimmte Qigong-Atemtechniken die Lebensenergie direkt stärken und die gesamte Vitalität verbessern. 

Welche anderen Aufgaben hat die Atmung aus Qigong-Sicht?

Die Atembewegung ist wichtig für die Regulation der Qi-Bewegungen im Köper. Wenn man zum Beispiel aufgeregt oder wütend ist, bewegt sich Qi nach oben, erkennbar an rotem Kopf, hohem Blutdruck, Kopfschmerzen oder Schwindel. Dann helfen tiefe langsame Atemzüge das Qi mehr nach unten zu leiten. Ein weiteres Beispiel sind Angstzustände. Dabei zerstreut sich das Qi und der Qi-Fluss wird chaotisch, bei extremer Angst kann Qi so stark nach unten rutschen, sodass man sogar Urin und Stuhlgang nicht mehr halten kann oder plötzlich Menstruationsblutungen bekommt. Hier hilft es, nach tiefem Einatmen den Atem anzuhalten, weil sich so das Qi wieder im unteren Energiezentrum zu zentrieren beginnt. 

Welche Leiden kann man über die Atmung beeinflussen?

Sehr viele. Neben der Lungenkrankheit COPD und Asthma auch Bluthochdruck, Schwindel, Herzrasen, Kopf-, Nacken- und Rückenschmerzen, Verstopfung, Reizdarm oder Sodbrennen, die alle häufig stressbedingt sind. Das Geheimnis dahinter ist die Entspannung und die bewusste Stressbewältigung. Dasselbe gilt für psychische Erkrankungen wie Depression und Angststörung. Meine persönliche Erfahrung als Psychiaterin ist, dass auch Patienten mit Schizophrenie gut von einfachen Atemübungen profitieren können. Darüber hinaus gibt es verschiedene spezifische Atem-Qigong-Methoden, um zum Beispiel die Vitalität und Wachheit oder die 
Konzentration zu verbessern, den Mut zu stärken oder den Schlaf zu fördern. Andere Übungen wirken gegen Lampenfieber oder gegen Appetitlosigkeit, 
Hungergefühl, Erschöpfung oder sogar Arroganz. 

Dr. med. Qi Wang

Dr. med. Qi Wang (43) kennt sich mit der Atmung in der Traditionellen Chinesischen Medizin aus.