X

Beliebte Themen

Titelgeschichte

Oasen der Kraft

Es gibt Orte auf dieser Welt, die den Menschen Ruhe bringen – durch ihre Schönheit, ihre magische Ausstrahlung und ihre Energie. Kraftorte nennt man sie, und die Schweiz ist voll davon.

FOTOS
Heiner H. Schmitt, Andreas Gerth
07. Juni 2020

Wenn Sie nächste Woche nichts mehr von mir ­lesen, könnte es sein, dass mich die nachfolgend ­erwähnten Kräfte für diese Zeilen bereits zur Rechenschaft gezogen haben ...

Kraftorte, so erfahre ich in unserer Titelgeschichte, sind Orte, an denen Energien aufeinandertreffen und Kräfte besonders stark wirken. Im Guten wie im Schlechten. Die Linde von Linn soll so ein aufbauender Ort sein oder die Ermitage von Arlesheim. Es gibt aber auch Plätze, die das Gegenteil, also abbauende Energien haben, sagt Andrea Fischbacher, Leiterin der Forschungsstelle Kraft- und Kulturorte Schweiz: «An solchen Orten wurden früher Gefängsnistürme aufgestellt und die Insassen überlebten das nie lange.»

Das Thema positive und negative Energien dürfte Sie, liebe Leserinnen und Leser, an etwas sehr Naheliegendes erinnern: die eigenen vier Wände. Aus langjähriger Erfahrung weiss ich, dass Naturgewalten nirgends so entfesselt wirken wie im Zusammenleben unter einem Dach. Manchmal im Guten, nicht selten im Schlechten. Wer nicht ausschliesslich mit Katzen zusammenlebt, der weiss, wovon ich spreche. Und wer ausserdem noch verstehen will, warum die armen Seelen in den Gefängnistürmen nicht lange überlebten, dem empfehle ich einfach mal das Zusammenleben mit einem Teenager. Und jetzt: Möge die Kraft mit mir sein.

Herzlich

 

Kurz und bündig

  • Kraftorte wirken ganz unterschiedlich auf die Menschen.
  • Die Energie eines Kraftortes wird mit Boviseinheiten quantifiziert.
  • Spezielle Merkmale wie beispielsweise starker Moosbewuchs an den Bäumen weisen auf starke Energiepunkte hin.
  • Es gibt auch Orte, die Energie entziehen.

Stolz steht sie da, die Linde oberhalb des Dörfchens Linn AG, auf dem Gemeindegebiet von Bözberg. Das Alter sieht man ihr nicht an. Und doch, so heisst es, soll sie dort schon seit rund 800 Jahren verwurzelt sein. Der imposante Baum mit elf Metern Stammumfang hat in seinem langen Leben also mehr als eine Viertelmillion Mal die Sonne auf- und untergehen sehen und durch sie Licht, Wärme und Kraft getankt. Kraft, die er an die Menschen weitergibt, und daher gilt die alte Linde als sogenannter Kraftort.

«Für mich fühlt sich die Energie, die von der Linner Linde ausgeht, wie ein feinperliges Champagnerbad an – so stelle ich mir dies zumindest vor», sagt Andrea Fischbacher, lächelt und fährt dann fort, «da ich mir eine solche Dekadenz aber nie erlauben würde, bin ich des Öfteren hier anzutreffen.»

48 000 Bovis-einheiten wurden beim Engstlenstein BE gemessen. Dies entspreche der Strahlkraft der Pyramiden von Gizeh in Ägypten.

Für die Leiterin der Forschungsstelle Kraft- und Kulturorte Schweiz ist klar, dass dies nichts mit «Gspürsch mi, fühlsch mi» zu tun hat. «Ein Kraftort ist eine rein physikalische Erscheinung, ob man daran glaubt oder nicht», was ein Blick in die Schriften der modernen Physik bestätigt. Dort heisst es: «Die Welt besteht aus schwingenden Feldern, die miteinander kommunizieren. Aus- ser der stofflichen gibt es noch viele andere Dimensionen des Lebens. Bewusstsein und Materie beeinflussen einander gegenseitig.»

Ein Blick auf den mächtigen Aletschgletscher VS lässt den Puls von ganz alleine purzeln.

Im Gegenteil zur klassischen geht die moderne Physik also nicht länger von einer Welt von festen Körpern aus. Und hier vermischt sich die Wissenschaft mit der Esoterik. Besagt doch auch die alte Kunst der Geomantie (eine Form des Hellsehens, bei der Muster in der Erde zum Einsatz kommen), dass die Weltkugel aus energetischem Gewebe besteht und von einem Netz aus Energielinien überzogen ist. Wo diese aufeinandertreffen, sollen Kräfte besonders stark strahlen.

Einblicke in andere Dimensionen

«Im Vergleich zu einem gewöhnlichen Platz weist der Kraftort Kraft von erhöhter Intensität und von aufbauender Qualität auf.»

 

«Im Vergleich zu einem gewöhnlichen Platz weist der Kraftort Kraft von erhöhter Intensität und von aufbauender Qualität auf», erklärt Fischbacher. Nur wenn diese beiden Parameter erfüllt sind, handelt es sich um einen Ort der Kraft. In allen Kulturen und Weltreligionen finden sich Niederschriften mit Hinweisen auf solch aussergewöhnliche, gar heilige Orte, wo Schamanen, Propheten oder Seherinnen vertiefte Einblicke in andere Dimensionen erhielten. Dank der Arbeit der Forschungsstelle Kraft- und Kulturorte Schweiz wissen wir heute, dass die Menschen in unseren Breitengraden bereits in der Jungstein- und Bronzezeit systematisch nach solchen Plätzen suchten, um dort ihren Alltag zu bewältigen.

Ein Kraftort der Extraklasse: die Ermitage in Arlesheim BL.

Noch ist nicht bekannt, welche Eigenschaft diese Naturkraft besitzt, die von der modernen Physik im Bereich der «Dunklen Materie» (nicht sichtbare Materie) vermutet wird. «Sobald die Kraft nachgewiesen ist, kann sie gemessen werden. Für die Forschung würde das den Schritt von der Grenzwissenschaft hin zur Wissenschaft bedeuten», sagt Fischbacher. Der Weg dorthin ist aber noch lang. Denn subjektive Wahrnehmung ist nicht nachvollziehbar und kann daher nicht geprüft werden.

«Es gibt auch Plätze, die intensiv abbauende Kräfte aufweisen. An solchen Orten wurden früher bevorzugt Gefängnisse eingerichtet, wie zum Beispiel auf der Lenzburg, und die Gefangenen überlebten das nie lange.»

 

Um die Energie eines Kraftortes zumindest ansatzweise zu quantifizieren, hat der französische Physiker Alfred Bovis (1871–1947) die alte physikalische Einheit «Angström» als Vergleich verwendet, damit alle von derselben Grössenordnung sprechen. Seither wird die Intensität eines Kraftortes in Boviseinheiten angegeben. Während neutrale Orte aber nicht mehr als 7000 davon aufweisen, strahlen Kraftorte mit bis zu 18 000 Boviseinheiten. Und so soll ein Aufenthalt an einem solch hochenergetischen Platz die eigenen Batterien wieder aufladen. Andrea Fischbacher warnt: «Es gibt auch Plätze, die intensiv abbauende Kräfte aufweisen. An solchen Orten wurden früher bevorzugt Gefängnisse eingerichtet, wie zum Beispiel auf der Lenzburg, und die Gefangenen überlebten das nie lange.»

«Im bernischen Gasterntal findet man unzählige Kraftorte», weiss Andrea Fischbacher.

So unterschiedlich wie die einzelnen Kraftorte sind, so unterschiedlich ist auch das Empfinden der Menschen an diesen Plätzen. «Es ist wie beim Spielen eines Instrumentes oder beim Tanzen», zieht die Expertin einen Vergleich aus dem Alltag herbei, «der eine eignet sich besser dazu als der andere, aber erlernt werden kann es grundsätzlich von allen.»

In der Schweiz legte die Ingenieurin, Politikerin und erste Kraftortforscherin Blanche Merz (1919–2002) die Grundlagen für das Verständnis bezüglich dieser natürlichen Energie-Tankstellen. Sie sagte: «Jeder Mensch wünscht sich Orte zu finden, wo er sich wohlfühlt, Kraft schöpfen und unbelastet den Augenblick geniessen kann.» Doch wie findet man sie? «Ganz einfach», fand der Schweizer Naturgelehrte Paracelsus (1493–1541) bereits vor 500 Jahren und empfahl bei solchen Fragen direkt im «Buch der Natur» zu lesen. Also mit offenen Sinnen, Neugier und Abenteuergeist die Landschaft erforschen. Denn Kraftorte sind überall zu finden, aber man muss sich ihren Schwingungsfeldern öffnen, sich Zeit lassen und die Zeit loslassen.

«Kraftorte sind nicht messbar»

Physikalisch gesehen unterscheiden sich Kraftorte nicht von anderen Orten. Die energetische Wirkung entstehe durch nicht messbare Faktoren, sagt Geophysiker Hansruedi Maurer.

Existieren aus wissenschaftlicher Sicht Kraftorte?

Nein, aus wissenschaftlicher Sicht existieren Kraftorte nicht.

Warum reagieren dann so viele Menschen auf Kraftorte – ist das reiner Aberglaube oder Einbildung?

Neben dem Einfluss von messbaren physikalischen Effekten – elektromagnetische Wellenfelder, radioaktive Strahlung, Temperatur usw. – gibt es eine Vielzahl von anderen Faktoren, die sich auf das Wohlbefinden der Menschen und Tiere auswirken. Es ist deshalb auch nicht erstaunlich, dass man sich an gewissen Orten besser fühlt. Das ist jedoch eine sehr individuelle und subjektive Wahrnehmung und hat nichts mit physikalischen Effekten zu tun, wie sie der Begriff «Kraftort» suggeriert.

Dann ist also eine solche Kraft nicht messbar?

Nein!

Der französische Physiker Alfred Bovis hat dennoch eine Messeinheit dazu erfunden.

Das ist eine Grösse, die die Lebensenergie oder feinstoffliche Energie von Substanzen, Organismen oder Örtlichkeiten messen soll. Die Boviseinheiten sollen nur subjektiv spürbar sein. Diese Einheiten haben deshalb nichts mit den bekannten physikalischen Einheiten zu tun, die mit reproduzierbaren Messungen bestimmt werden können. Persönlich verstehe ich auch nicht, warum man überhaupt eine subjektive Empfindung quantifizieren soll. Wenn ich mich an einem bestimmten Ort sehr wohlfühle, sei das wegen der schönen Aussicht, dem angenehmen Mikroklima oder den guten Gerüchen aus der Natur, dann ist es doch völlig irrelevant, ob dieser Ort 100 oder 1000 Boviseinheiten hat.

Wie lässt sich das Konzept von Kraftorten mit naturwissenschaftlicher Forschung, wie sie beispielsweise an Hochschulen gemacht und gelehrt wird, vereinbaren?

Eigentlich gar nicht. Die Erforschung von Kraftorten, oder generell die Pseudowissenschaft der Radiästhesie, basiert auf Konzepten, die nichts mit naturwissenschaftlichen Forschungsprinzipien zu tun haben. Das ist aus meiner Sicht auch kein Problem, und es gibt neben den «klassischen» Naturwissenschaften sicherlich auch andere Ansätze, mit denen Naturphänomene beschrieben werden können. Was ich jedoch sehr stossend finde, ist die Tatsache, dass bei diesen alternativen Ansätzen immer wieder suggeriert wird, dass sich diese Theorien auf objektiv messbare physikalische Phänomene abstützen. Das ist einfach nicht wahr.