X

Beliebte Themen

Reportage

Richtig gewickelt

Sie sind bunte Hunde, die provozieren. Aber auch freundliche Künstler, die Menschen zusammenbringen. Die Zwillingsbrüder Frank und Patrik Riklin führen in St. Gallen seit 20 Jahren das Atelier für Sonderaufgaben. Nun haben sie eine neue Aufgabe.

FOTOS
Christoph Kaminski
17. Februar 2020

Gleich und doch nicht gleich: Die Zwillinge Patrik und Frank grenzen sich klar voneinander ab. Hier tragen sie zum Beispiel verschiedenfarbige Mützen.

Man weiss nie, was passiert bei einem Treffen mit den Riklin-Zwillingen. Es kann zum Beispiel sein, dass sich die beiden 46-Jährigen plötzlich in die Mitte ihres Ateliers in St. Gallen stellen und sich mit einer endlos langen Packschnur einwickeln lassen, während man mit ihnen spricht. Packschnur? Einwickeln? Ja. Es handelt sich hierbei um ein Symbol für eine neue Sonderaufgabe. Seit über 20 Jahren führen die beiden ein Atelier für Sonderaufgaben. Es befasst sich mit «Sonderaufgaben, für die sich niemand so richtig zuständig fühlt». Das klingt alles erst einmal recht sonderbar. Doch es entpuppt sich als durchaus durchdachtes Spektakel. Und der lange Faden spielt dabei eine wichtige Rolle. Er gehört zu einer langen Reihe von «Aufgaben», um die sich die Zwillinge kümmern.

Das grosse Fliegenretten

Die beiden Konzeptkünstler neigen zu ungewöhnlichen Aktionen. Sie beschäftigen sich auch mit Marketing für Unternehmen, das gehört ebenfalls zu den Sonderaufgaben. Sie nennen es «Macheting statt Marketing». Das – im übertragenen Sinn – subversive Einwickeln von Kunden und unbeteiligten Passanten ist ihre Spezialität. So sollten sie 2011 für den deutschen Insektizid-Hersteller Hans-Dietrich Reckhaus (52) eine neue Fliegenfalle bewerben, möglichst originell. Was Reckhaus bekam, war nicht ganz das, was er erwartet hatte. Nämlich das «Fliegenretten in Deppendorf». Erst war er skeptisch, dann liess er sich darauf ein. Die Einwohner von Deppendorf in Deutschland (es heisst wirklich so) retteten 902 Fliegen. Das heisst, sie fingen sie und brachten sie – vorübergehend natürlich – in einen Glaskasten, der artgerecht gestaltet war. Und der Insektenbekämpfer Reckhaus rief daraufhin die Initiative «Insect Respect» ins Leben. Er stellt nun den Insekten neuen Lebensraum zur Verfügung, als Ausgleich zur Vernichtung durch die Insektizide. Aus einem Insektenkiller wird ein Insektenschützer. Ist das alles auch wirklich wahr? Frank Riklin bekräftigt: «Bei uns gibt es keine Fake News.»

Die Firma «Glas + Raum» ging bei der Telefonakquise dank den beiden ebenfalls neue Wege, buchstäblich. Kurzerhand liessen die Zwillinge das Büro des Verkaufsleiters aus dem Gebäude sägen, luden alles auf einen Bagger und fuhren mit ihm zu potenziellen Kunden. Dabei wurde das Bürostück mitsamt Verkaufsleiter auf der Baggergabel vor das Fenster der Gesprächspartner gehoben. Die spinnen, die Riklins, würde wohl so mancher sagen.

«Wir sagen immer: Wer nicht spinnt, spinnt umso mehr.»

 

«Wir sagen immer: Wer nicht spinnt, spinnt umso mehr», erklärt Frank. Und Patrik nickt. «Aber nein, spinnen ist relativ, oder?» Das stimmt, es kommt auf den Betrachter an. Und die beiden spinnen ja nicht, um einfach Spass zu haben. Es gibt Botschaften. Sie haben damit zu tun, dass man unüblich handelt. Dieses «unübliche Handeln», wie die Zwillinge es nennen, zieht sich durch alle ihre Kunstaktionen.

Der Trinkbrunnen, den die beiden 2013 im Zürcher Hunziker-Areal an einer Fassade installiert haben, ist ein gutes Beispiel. Statt Wasser fliessen Schoggi, Bouillon oder Tee aus einem Loch in der Wand. Doch die kostenlosen Getränke gibt es nur, wenn die Konsumenten etwas Unübliches tun, etwa mit Fremden reden. Frank und Patrik Riklin wollen die Menschen durch ihre Kunst zusammenbringen. Um soziale Schranken zu brechen, eignen sich irritierende Handlungen perfekt. Natürlich gibt es Grenzen. Patrik Riklin: «Unüblich handeln heisst für uns, dem Alltag ein positives Schnippchen zu schlagen. Es geht nicht darum, dass man im Verkehr extra unüblich handelt und über Rot fährt.»

Der Faden soll verbinden

Nicht alle Leute sind begeistert von solchen Interventionen. Beim Trinkbrunnen etwa gab es zeitweise Klagen wegen Lärm. Und die Idee mit dem Faden stösst ebenfalls nicht nur auf Zustimmung. Frank und Patrik Riklin wollen mit dem Faden, der sie einwickelt, eigentlich Häuser und Wohnungen «verfädelisieren». Es soll ein analoges Fadennetz entstehen. Als Ergänzung zur Digitalisierung, welche die beiden Brüder nicht nur positiv sehen. Denn sie könne auch zur Isolierung führen, sind die beiden überzeugt. Durch das Fadennetz sollen statt Daten die Gefühle fliessen: Mit der gemeinsamen Verlegung des Fadens kommen sich die Bewohner nicht digital näher, sondern in der echten Welt. Den ersten Versuch dieses Projektes starteten die Brüder im Limmattal ZH. Dort entschieden sich Behörden und Politiker gegen das Projekt. Nun suchen Sie eine Gemeinde, die sich für die Analogisierung interessiert.

Frank (l.) und Patrik Riklin sind verbunden und doch zwei. Was aussieht wie ein Scherz, hat aber durchaus seinen Sinn.

Doch nur so ein bisschen Fädenspannen genügt natürlich nicht. Die Riklins machen alles, was sie tun, sehr konsequent. Die Fäden müssen tatsächlich zwischen Balkontüren und Fenster in jeden Raum reichen. Bei den Projekten der Brüder brauchen die Teilnehmer ein wenig Mut. Entweder, weil sie sich exponieren mit dem unüblichen Handeln – oder weil sie die Platten im Garten neu verlegen müssen für einen Faden. Das fällt nicht immer leicht.

Sie sind nicht nur beliebt

«Im ersten Moment werden wir oft belächelt», erzählt Patrik Riklin. «Dann werden wir ignoriert oder akzeptiert, später vielleicht sogar bekämpft.» Das Publikum betrachtet bei den Riklins ja nicht einfach Kunstwerke, es wirkt an der Kunst mit. «Daraus entsteht ein Diskurs, ein Gefühl, ein Zustand, der das Denken, das Wahrnehmen verändern kann. Dafür brauchen die Leute aber Zeit. In diese Welt muss man sich verführen lassen.»

«Wenn einer frustriert ist, steht immer noch jemand da, der sagt: Wir machen es trotzdem, das kommt schon gut.»

 

Ein Vorteil der beiden ist, dass sie immer jemanden haben, der mithilft: Sie sind ja eineiige Zwillinge. Frank Riklin: «Wenn einer frustriert ist, steht immer noch jemand da, der sagt: Wir machen es trotzdem, das kommt schon gut.» Doch sie sind nicht einfach eins. Wer genauer hinschaut, sieht schon Unterschiede. Dazu passt das Resultat der Fadenaktion im Atelier. Am Schluss sehen die zwei Brüder aus wie eine Raupe. Ganz eingewickelt mit den Packschnüren. Eine Raupe. Aber zwei Köpfe. Die beiden sind verschiedene Persönlichkeiten, sie haben sich auch bewusst voneinander abgegrenzt vor und auch während ihrer 20-jährigen Zusammenarbeit.

Gute oder schlechte Arbeit?

Als jüngstes Paar von sechs Kindern, von denen wiederum die ersten beiden ebenfalls Zwillinge sind, hatten Frank und Patrik eine Kindheit mit vielen Freiheiten. Beide haben eine Hochbauzeichnerlehre gemacht und Kunst studiert – jedoch extra nicht am gleichen Ort. Und sie zelebrieren auch den Streit. «Streitkultur ist ein Teil unserer Arbeit. Andere Leute erschrecken immer, wenn wir streiten. Aber es gibt konstruktive und destruktive Arten des Streitens. Wir streiten konstruktiv», erklärt Frank. «Da wir in einer Grossfamilie aufgewachsen sind, gab es auch immer konstruktives Feedback.» Etwas weniger konstruktiv wird es laut Patrik nur selten: «Die Aussagen ‹Das verstehe ich nicht, was ihr macht.› oder ‹Finde ich blöd.› kommen nicht so selten vor. Die Familie ist die schärfste Kritikerin. Aber da fast alle in einem künstlerischen Beruf stecken, hat man auch ein gewisses Verständnis.»

«Da wir in einer Grossfamilie aufgewachsen sind, gab es auch immer konstruktives Feedback.»

 

Trotzdem halten sie ihre Familie lieber im Hintergrund. Wahrscheinlich ist es nicht immer einfach, mit zwei so bunten Hunden umzugehen, die sich auch mal zu einer bunten Raupe verbinden lassen. Überlegen sich die beiden wirklich nie, was andere von ihnen denken? Patrik Riklin spricht auch für Frank, wenn er sagt: «Ganz egal ist uns das nicht, was andere von uns denken. Ohne Feedback und ohne Anerkennung kann keine Pflanze wachsen. Aber es soll nicht so sein, dass die Pflanze nur wächst, wenn dir alle auf die Schulter klopfen. Eine Pflanze kann auch wachsen, wenn die Leute sagen, es ist nicht gut, und wenn sie deine Arbeit schlecht finden.» 

Gemeinden gesucht

Für die Analogisierung

Folgt nach der Digitalisierung die Analogisierung? Mit dieser Frage beschäftigen sich die beiden Ostschweizer Konzeptkünstler seit gut einem Jahr. «Je digitaler die Welt, desto grösser die Gefahr der Zombisierung», so die These der Riklins. Falls eine Schweizer Gemeinde oder Region Lust und Interesse hat, das Analoge mittels Verlegung eines Fadens zu kultivieren, kann sie sich melden unter: info@sonderaufgaben.ch