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Schau mir in die Augen, Kleines!

Manchen fehlt nur sprichwörtlich der Weitblick. Aber immer mehr Menschen fehlt er auch medizinisch gesehen. Was man dagegen tun kann, warum immer weniger Menschen blaue Augen haben und wie unsere Sehorgane eigentlich funktionieren.

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03. Februar 2020
Um die Sehschärfe zu testen, sollte man ein Auge abdecken.

Um die Sehschärfe zu testen, sollte man ein Auge abdecken.

Napoleon wusste es schon immer und ich selber ahnte es nach meinem ersten After Eight: Dem Engländer ist nicht zu trauen. Wer Schokolade mit Pfefferminz isst, der führt nichts Gutes im Schilde. Nachhaltig erschütterte mich aber etwas anderes: Die Engländer brachten mich und Millionen anderer Kinder um kiloweise Schokolade, Zältli und anderen süssen Krimskrams.

Die listigen Inselbewohner liessen im Zweiten Weltkrieg nämlich die Mär verbreiten, ihre Piloten würden dank dem Verzehr von extrem viel Karotten besonders gut sehen und würden nur deshalb nachts so viele feindliche Flugzeuge abschiessen. Der Schwindel zeigte Wirkung: Bis heute geben Eltern ihren Kindern Rüebli statt Süssigkeiten zum Zvieri, und wer aufbegehrt, der hört, dass die schliesslich gut für die Augen seien.

Inzwischen weiss man, dass dem nicht so ist und die Engländer die Falschinformation bewusst verbreiteten, um ihr neuartiges Radarsystem zu verschleiern. Was hingegen stimmt: Heute leidet gut ein Drittel der Weltbevölkerung an Kurzsichtigkeit. Wir sind zu wenig draussen und zu oft am Handy. Die Folge: Wir sehen in unseren Bildschirmchen zwar die ganz Welt – aber bald nicht mehr über den Tellerrand hinaus …

Herzlich

«Augen zu und durch», «Das könnte ins Auge gehen», «Auge um Auge, Zahn um Zahn»: Schon unsere Sprache zeigt, welche zentrale Rolle die Augen für uns Menschen spielen. Dies zeigte auch eine repräsentative Umfrage der Coopzeitung im Jahr 2018; mehr als die Hälfte der Befragten gab an, dass das Sehen für sie der wichtigste Sinn ist.

Doch genau dieser Sinn ist zurzeit bedroht: Kurzsichtigkeit nimmt weltweit so stark zu, dass einige Experten von einer Epidemie sprechen. Aktuell sind gut 30 Prozent der Weltbevölkerung betroffen, in 30 Jahren sollen es schon 50 Prozent sein. Besonders verbreitet ist die Myopie, wie Kurzsichtigkeit in der Fachsprache heisst, unter jungen Menschen in reichen Ländern und in urbanen Gegenden – ganz besonders in Asien. In Hongkong etwa sind 80 Prozent der Jugendlichen kurzsichtig, in Südkorea sogar 97 Prozent. Aus der Schweiz gibt es keine konkreten Zahlen, doch in Westeuropa soll jeder zweite Mensch im Alter zwischen 20 und 30 Dinge in der Ferne nur verschwommen sehen.

Auf Oma hören

Woher diese Epidemie kommt, weiss die Myopie-Expertin Prof. Dr. Anja Palmowski-Wolfe (55). «Einfach zusammengefasst könnte man sagen: Oma hat immer recht», erklärt die Leitende Ärztin der Basler Augenklinik. Denn nicht nur die Gene spielen bei der Entwicklung einer Kurzsichtigkeit eine Rolle. Es gibt auch Lebensstilfaktoren, die diese Fehlsichtigkeit begünstigen. Faktoren, vor denen Oma schon immer gewarnt hat: «Sitz nicht so viel vor dem Bildschirm, geh lieber draussen spielen!»

«Sitz nicht so viel vor dem Bildschirm, geh lieber draussen spielen!»

 

Dass wir immer mehr Zeit drinnen verbringen, schadet unseren Augen. «Tageslicht ist für ihre Entwicklung sehr wichtig», betont Anja Palmowski-Wolfe. «Direktes Tageslicht – durch die Fensterscheibe gilt nicht.» Ausserdem gibt es draussen mehr Möglichkeiten, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen. «Denn auch die viele Naharbeit an Bildschirmen oder beim Lesen begünstigt Myopie.» Dass auch Augenyoga, also Übungen für die Augen, gegen Fehlsichtigkeit helfen kann, ist wissenschaftlich nicht erwiesen und wird von Schulmedizinern bezweifelt. «Aber es schadet auch nicht.»

Kurzsichtig wird man, weil der Augapfel schneller wächst, als er sollte. Bei Erwachsenen sollte er gut 24 Millimeter lang sein. Dann fällt das Licht richtig auf die Netzhaut. Ist das Auge jedoch zu kurz, werden die Lichtstrahlen so gebündelt, dass sie erst hinter der Netzhaut zusammentreffen würden. Das Resultat: Man ist weitsichtig. Um scharf zu sehen, muss die Augenlinse dann jedes Mal ihre Form anpassen, indem sich der im Auge befindliche Ziliarmuskel anspannt. «Je näher das Objekt ist, desto stärker muss dieser ‹Zoom› verwendet werden», so Palmowski-Wolfe. Kann man den Muskel nicht genug anspannen, sieht man verschwommen. «Keine Hilfe ist der ‹Zoom› bei Kurzsichtigkeit.» Sie tritt auf, wenn das Auge zu lang ist und die Lichtstrahlen schon vor der Netzhaut aufeinandertreffen.

Können Sie diesen Fakt über Augen auch aus der Distanz entziffern?

Kurzsichtigkeit entwickelt sich also im Kindesalter, wenn das Auge noch wächst, am häufigsten zwischen sieben und zwölf Jahren. «Spätestens mit 25 – selten auch mit 30 – ist dieses Wachstum abgeschlossen», erklärt die Ärztin. «Dann entsteht auch keine Kurzsichtigkeit mehr. Um ihr vorzubeugen oder sie im Ausmass zu reduzieren, muss man also im Kindesalter handeln. Das heisst: zwei Stunden am Tag draussen spielen, Naharbeit und Computerarbeit reduzieren – beispielsweise weniger als 45 Minuten täglich vor dem Bildschirm verbringen sowie bei Naharbeit auf ausreichenden Leseabstand achten und alle 20 Minuten mindestens 20 Sekunden eine Pause machen, während welcher man den Blick in die Ferne schweifen lässt.» Das Voranschreiten der Kurzsichtigkeit kann zudem mit Augentropfen, speziellen Kontaktlinsen und Brillen vermindert werden.

Brillen und Kontaktlinsen können auch dafür sorgen, dass trotz Myopie ein scharfes Bild die Netzhaut erreicht. Weil es solche Sehhilfen gibt, halten viele Kurzsichtigkeit nur für eine Unannehmlichkeit. Doch der zu lange Augapfel kann auch andere unangenehme Folgen haben. «Eine starke Kurzsichtigkeit erhöht das Risiko für Folgeerkrankungen wie Grüner und Grauer Star, Netzhautablösung und vor allem Makuladegeneration, bei der sich das Zentrum der Netzhaut verändert und die im schlimmsten Fall zur Erblindung führen kann.»

Scanner und fliegende Abbilder

Jahrtausende lang war die Funktionsweise der Augen für Denker und Forscher ein Rätsel. Sie entwickelten so manche Theorie. Der griechische Philosoph Demokrit (460–371 v. Chr.) etwa glaubte, dass sich von jedem Objekt Abbilder lösen, die durch die Luft zu unseren Augen wandern. Andere Philosophen, darunter Platon (428–348 v. Chr.) und Euklid (360–280 v. Chr.), waren Anhänger der Sehstrahl-Theorie. Diese besagte, dass das Auge wie ein Scanner arbeitet und einen Strahl aussendet, der die Welt abtastet. Der Wahrheit am nächsten kam damals Aristoteles (384–322 v. Chr.), der erkannte, dass Objekte Licht reflektieren, das die Augen trifft.

Wie viel Licht das Auge aufnimmt, entscheidet die Iris – der Muskelring, der die Pupille umgibt. Sie öffnet sich, ähnlich wie eine Kamerablende, in der Dunkelheit. Dadurch wird die Pupille grösser. Ist es hingegen hell, schliesst sich der auch Regenbogenhaut genannte Muskelring und die Pupille wird kleiner.

Und noch etwas hängt von der Iris ab: unsere Augenfarbe. Je mehr von dem Melanin genannten Pigment, das auch für unsere Haar- und Hautfarbe zuständig ist, die Regenbogenhaut enthält, desto dunkler erscheint sie. Blaue Augen sind medizinisch gesehen deshalb eigentlich ein Mangel, stellen sie doch eine geringere Barriere für Sonnenstrahlen dar. So haben Menschen mit blauen Augen ein höheres Risiko, an altersbedingter Makuladegeneration oder an einem metastatischen Melanom der Aderhaut zu erkranken, einem bösartigen Tumor im Inneren des Auges.

Forscher glauben, dass alle Menschen einst braune Augen hatten. Erst durch eine Genmutation vor gut zehntausend Jahren sollen blaue Augen aufgetaucht sein und sich später vor allem in Nordeuropa und im Ostseeraum verbreitet haben. Heute haben etwa 90 Prozent der Menschen braune Augen – Tendenz wieder steigend. Denn diese Farbe wird dominant vererbt: Gene für dunklere Augen setzten sich gegen Gene für hellere Augen durch. Braunäugige können aber auch Gene für blaue oder grüne Augen in sich tragen und weitervererben. So können auch zwei braunäugige Eltern ein blau- oder grünäugiges Kind haben. Zwei blauäugige Elternteile hingegen können kein braunäugiges Kind zeugen.

Deshalb blieb die Zahl blauäugiger Menschen früher relativ konstant. Denn noch vor 100 Jahren pflanzte man sich fast ausschliesslich mit Personen aus derselben ethnischen Gruppe fort. Heute aber durchmischen sich die Genpools zusehends, wobei dominante Gene die Oberhand gewinnen. Blaue Augen werden also immer seltener.

Dass man von der Augenfarbe auch auf den Charakter eines Menschen schliessen kann, würden die meisten Wissenschaftler nicht bestätigen. Und doch lohnt sich ein Blick in die Augen des Gegenübers: Emotionen kann man in ihnen durchaus lesen. Empfinden wir zum Beispiel Angst oder hören wir jemandem besonders aufmerksam zu, weiten sich unsere Pupillen. Augen sind eben nicht nur das Sinnesorgan, das wir am wenigsten missen möchten, sondern auch das Fenster zur Seele. 

Wie oft zum Augenarzt? – Das rät Anja Palmowski-Wolfe

Das rät die Augenärztin

Dr. Anja Palmowski-Wolfe

Anja Palmowski-Wolfe weiss, was unseren Augen zu schaffen macht.

Eine erste Augenuntersuchung sollte gleich nach der Geburt erfolgen, eine zweite im ersten Lebensjahr. «Diese Untersuchungen können auch bei darauf spezialisierten Kinderärzten stattfinden, die bei Bedarf weiterverweisen», sagt Anja Palmowski-Wolfe. Sie rät, vor der Einschulung noch eine dritte Untersuchung durchführen zu lassen. «Danach wird sich das Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit selber melden, wenn es nicht mehr gut sieht.»

Ab 40 Jahren sollte man jedes Jahr oder – je nach Befund – alle zwei bis drei Jahre zum Augenarzt gehen und unbedingt den Augendruck überprüfen lassen. Risikogruppen müssen ihre Augen öfter vom Arzt unter die Lupe nehmen lassen, Diabetiker zum Beispiel etwa zweimal im Jahr. «Und natürlich sollte man immer zum Arzt, wenn man eine Verschlechterung feststellt oder wenn man plötzlich Blitze oder Schleier sieht.» Zudem rät die Expertin: «Decken Sie ab und zu ein Auge ab und testen Sie, ob Sie mit nur einem ebenfalls scharf sehen. Machen Sie denselben Test auch bei Ihren Kindern.»

Zu Besuch bei der Tieraugenärztin

Auch unsere vierbeinigen Freunde können Probleme mit den Augen haben. Für diesen Fall gibt es Fachärzte für Augenheilkunde speziell für Tiere, wie Dr. Ladina Walser-Reinhardt. Die passionierte Tierärztin zeigt uns bei einem Besuch in der Churer Tierklinik, was ihre Arbeit beinhaltet und warum eine ruhige Hand bei diesem Beruf so wichtig ist.