X

Beliebte Themen

Ausflugstipp

Jetzt stehen die Schlosstore offen

Wo einst Drachen getötet und Gefangene verurteilt und eingesperrt wurden, logieren nun Jugi-Gäste. Schloss Burgdorf wird zum Museum, zur Herberge und zum Restaurant.

FOTOS
Peter Mosimann
15. Juni 2020
Das Schloss liegt am höchsten Punkt von Burgdorf BE.

Das Schloss liegt am höchsten Punkt von Burgdorf BE.

Museumsleiter Schloss Burgdorf

Daniel Furter (45)

Das Schloss Burgdorf, das am letzten Wochenende nach einem langen Umbau neu eröffnet wurde, hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Viele haben dort gewohnt: Zuerst die Herrschaften, die Herzöge von Zähringen, die Kyburger und später die Statthalter von Bern, dann war das Schloss vor allem Kornspeicher und zuletzt – bis 2012 – wohnten Strafgefangene im Schloss, es war ein Gefängnis. Nur fürs gemeine Volk war nie Platz. Es mussten rund 800 Jahre vergehen – die Zähringer bauten das Schloss um 1200 –, bis auch wir, also Sie und ich, dort nächtigen dürfen. Aber jetzt geht das: Im Schloss Burgdorf bietet die Jugendherberge über 100 Betten in Doppel- und grösseren Zimmern an.

Ein Schuss Geschichte

«Und die haben durchaus ihren Reiz», erklärt Daniel Furter (45), der Museumsleiter von Schloss Burgdorf. «In einzelnen Zimmern erkennt man sogar noch das Gefängnis: eingeritzte Namen und Zeichen sind zu sehen.» Sonst aber soll die Schloss-Atmosphäre vorherrschen, nicht die Gefängnisstimmung. In allen Zimmern findet man historische Gegenstände, die als kleine Installationen einen Schuss Historie in die Zimmer bringen. Alte Apothekerdosen funktionieren als Duftapotheke, eine alte Wäschestation mit Waschkrug und Waschbecken erinnert daran, wie man sich früher gewaschen hat, und alte Skis und ein Schulthek erzählen von langen Schulwegen. Museum, Hotelbetrieb und Restaurant gehen im Schloss Burgdorf nahtlos ineinander über. Und alles läuft beim einzigen Eingang zusammen, der Rezeption für die Jugendherberge, Kasse fürs Museum und Empfang fürs Restaurant ist. Synergienutzung, nennt man das modern.

Im Schloss Burgdorf trifft an jeder Ecke Geschichte auf Moderne.

Synergien haben im Schloss Burgdorf seit jeher Tradition. Bis vor wenigen Jahren waren nicht nur Gefängniszellen in den Schlossgebäuden untergebracht, sondern auch mehrere Gerichtssäle. Straffällige wurden hier verurteilt und gleichenorts eingesperrt. Heute fokussiert man sich auf sympathischere Synergien. Museum, Restaurant und Jugendherberge bieten ein Hochzeitspaket an: In einem historischen Zeremonie- lokal können sich Paare trauen lassen. Vor dem Apéro im Turmgarten kann die Hochzeitsgesellschaft einen Rundgang durchs Museum machen, am Abend im Bankettsaal die Hochzeit feiern und im Hotelbetrieb der Jugendherberge gleich auch noch den Rausch ausschlafen. «Ein wunderschönes und einmaliges Gesamt- erlebnis», meint Furter.

Der Ursprung der Museen

Im Schloss Burgdorf kann man sich dem Reiz des Museums kaum entziehen. So modern die Anlage nun ist, im Museumsbereich geht es zum Ursprünglichen zurück. «Ab dem 14. Jahrhundert haben Fürsten gesammelt, was ihnen rar und kurios erschienen ist und ihre Neugier geweckt hat», erklärt der Museumsleiter. Entstanden sind daraus eigentliche Wunderkammern, thematisch heterogen, aber mit dem Ziel, die Besucher zu beeindrucken. Mit der Zeit kamen Kunstobjekte dazu und die Sammlungen dienten vermehrt Lehrzwecken.

Aus solchen Wunderkammern entstanden später die Museen, die man thematisch unterschieden hat: Kunstmuseen, Naturhistorische Museen, technische Museen. Das Museum Schloss Burgdorf setzt bewusst wieder auf das Wunderkammer-Konzept. Dabei scheut es sich nicht, Dinge zum Beispiel nach Farbe auszustellen. Oder einfach Figuren zusammenzustellen – chronologisch, geografisch oder kulturell völlig losgelöst von jeglicher Einordnung, aber immer mit einem Schuss Humor! So prangt in der Sammlung «Rot» unter anderem ein Bobbycar an der Wand. Der ist weder historisch noch sonst wie besonders und dürfte in so manchem Kinderzimmer zu finden sein. «Aber er ist rot, wie alles in dieser Wunderkammer», sagt Furter.

«Die Fürsten haben gesammelt, was ihnen rar und kurios erschienen ist.»

 

Ein Teil der Sammlungen in Burgdorf geht übrigens auf den Burgdorfer Käsehändlerssohn Henri Schiffmann (1872–1904) zurück, der von seinen Weltreisen allerhand Exotisches und Skurriles zurückgebracht hat. So findet man zahlreiche Waffen aus Japan inklusive Samuraifigur. Aber auch der grösste ägyptische Sarg, den es in der Schweiz gibt, steht im Schloss Burgdorf. Auf dem Torturm thront zudem eine Maritzkanone, eine vorindustrielle Erfindung aus Burgdorf. Der Handwerker Johann Maritz (1680–1743) produzierte zu Beginn des 18. Jahrhunderts Kanonenrohre nach einem neuen Prinzip, die im Vergleich mit den damaligen Kanonen Hochpräzisionsrohre waren. Maritz goss nicht mehr hohle Rohre, sondern Volleisenzylinder, die er danach mit der von ihm entwickelten Geschützbohrmaschine ausbohrte.

Im humorvoll gestalteten Museum findet sich vom Bobbycar bis zum grössten ägyptischen Sarg der Schweiz alles.

Die neuen Ausstellungen erlauben es Burgdorf, sich zu zeigen und selber zu feiern. Es haben nicht unwichtige Dinge in der Kleinstadt im Mittelland das Licht der Welt erblickt: etwa der e-Bike-Pionier «Flyer» oder die «Tour de Sol» (das erste Rennen für Fahrzeuge mit Solarantrieb). Und Burgdorf war auch Wegbereiterin der Begegnungszone und führte diese vor fast einem Vierteljahrhundert als Verkehrsexperiment erstmals ein. 

Infos zum Schlossbesuch und zu den Eintrittsregelungen infolge Covid-19 unter www.schloss-burgdorf.ch