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Schweizer Geschichte auf der Spur

Wenn nicht nur die schöne Aussicht zählt, sondern die Geschichten aus der Vergangenheit, die sich erwandern lassen – dann stimmt es: Der Weg ist das Ziel!

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Sandro Mahler
07. September 2020
Etliche Kapellen laden auf diesem Weg zur Andacht und zu einem kurzen Gebet ein.

Etliche Kapellen laden auf diesem Weg zur Andacht und zu einem kurzen Gebet ein.

Unterwegs in der

«Wandernation»

In der Schweiz gibt es 50 000 gelbe Wanderwegweiser.

Das Netz der Schweizer Wanderwege hat eine Gesamtlänge von 65 000 Kilometern. Davon haben 3750 eine historische Bedeutung.

Wandern ist die beliebteste Sportart in der Schweiz.


 

«Das Wandern ist des Schweizers Lust» – so müsste die bekannte Textzeile des deutschen Dichters Wilhelm Müller (1794–1827) eigentlich heissen. Denn wir Schweizer wandern gerne. Gemäss einer Statistik aus dem Jahre 2019, ist es sogar die Sportart, die wir am liebsten betreiben – mit Abstand. Und eines ist sicher: langweilig wird es einem dabei sicher nicht. Dafür stehen zwei Zahlen: 50 000 gelbe Wegweiser, die uns auf und durch Wanderpfade mit einer Gesamtlänge von 65 000 Kilometern lotsen. Zur Verdeutlichung: Das entspricht einer «Ultra-Wanderung» von mehr als eineinhalb Mal um die Erdkugel. Und von diesen 65 000 Kilometern haben 3750 eine historische Bedeutung.

«Nur wenige wissen, dass der Bund alle historischen Wege und Pfade katalogisiert hat», erzählt Patrick Schoeck (41), stellvertretender Geschäftsführer des Schweizer Heimatschutzes, der 2018 den Führer «Historische Pfade» herausgegeben hat. Dabei handelt es sich um eine Auswahl von 35 Routen, die vor 1870 gebaut wurden, aber auch um neuere Strassen, die ein besonderes Mass an traditioneller Substanz aufweisen, von bautechnischer Pionierarbeit zeugen oder einen erheblichen historischen Wert besitzen. Sie erzählen uns Geschichten über Kriege und Schlachten, wurden von Pilgern beschritten, oder es sind Pfade, die mit unserer ländlichen Vergangenheit oder den Anfängen des Tourismus eng verknüpft sind.

Auf den folgenden Seiten stellen wir Ihnen drei dieser 35 geschichtsträchtigen Wanderungen vor. Sie sind leicht zugänglich und in jeweils rund zwei Stunden zu meistern. Es lohnt sich, auch mal eine Route wegen ihres historischen Wertes zu wählen. 

Der Maultierpfad

Der Maultierpfad war bis 1852 die Verbindung zwischen dem Tal und Intragna.

Dieser Wanderweg ist nicht nur wegen der atemberaubenden Natur faszinierend, sondern auch weil er eine Art Freilichtmuseum ist und von der Geschichte der Auswanderung zeugt: Die Landschaft erzählt von der grossen Armut der zur Emigration gezwungenen Menschen, jedoch auch vom Reichtum derjenigen, die ihr Glück im Ausland gemacht haben – hier sind echte Paläste aus dem 17. und dem 18. Jahrhundert und imposante Bauernhäuser aus dem 19. Jahrhundert zu sehen.

Nach einer kurzen Busfahrt von Locarno über die kurvenreichen Strassen des Onsernonetals steigen wir an der Haltestelle Loco Chiesa aus, wo uns die üppige Natur begrüsst. Ein Feigenkaktus an der Steinmauer des Gartens einer imposanten Villa und farbenprächtige Schmetterlinge. An der schmalen Strasse, die das Dorf durchquert, befinden sich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten: das Museo Onsernonese, die Mühle und das Postcafé, das Herz der Ortschaft. Der Wanderweg beginnt am Rande des Dorfes. Im Jahr 1771, als die Alpenregion und das hiesige Handwerk des Strohflechtens einen Aufschwung erlebten, errichteten die Bewohner des Onsernonetals einen Maultierpfad. Bis 1852, als die erste befahrbare Strasse von Cavigliano nach Russo fertiggestellt wurde, war dies die bequemste Verbindung zwischen dem Tal und Intragna.

Kapellen und kristallklares Wasser

Etliche Kapellen laden auf diesem Weg zur Andacht und zu einem kurzen Gebet ein.

Vor der Kulisse imposanter Gipfel und dicht bewachsener Berghänge lassen wir Loco mit seinen alten Terrassen für den Anbau von Wein und Roggen hinter uns und betreten den Wald. Nach wenigen Minuten passieren wir die erste von zehn Kapellen, die entlang des Weges nach Intragna zu finden sind. Die kleinen Gotteshäuser laden zu einem Gebet ein, bieten jedoch auch Zuflucht bei schlechtem Wetter. Wir stellen uns vor, wie vor Jahrhunderten Frauen mit beladenen Tragkörben über ebendiese Steine gelaufen sind und vielleicht genau hier angehalten haben, um sich etwas auszuruhen. Weiter führt der Weg im Schatten der Kastanienbäume bergab bis zur Brücke, die den Isorno überquert. Hier geniessen einige Badegäste das kristallklare Wasser des herrlichen Flussbeckens, während das Sonnenlicht den herannahenden Herbst erahnen lässt und sich die Blätter bereits gelb färben.

Die kleinen Gotteshäuser laden zu einem Gebet ein, bieten jedoch auch Zuflucht bei schlechtem Wetter.»

 

Nun führt der Weg wieder bergauf durch eine wunderschöne Landschaft mit einem weichen Moosteppich, der in weite Wiesen mit Blick auf den Lago Maggiore übergeht. Nach etwa zwei Stunden Fussmarsch und der Durchquerung des bezaubernden Dorfes Pila erreichen wir Intragna, wo der höchste Glockenturm des Kantons Tessin steht. In der Kirche wird gerade die Orgel für die Messe anlässlich Mariä Himmelfahrt gespielt. Nach all diesen Eindrücken gönnen wir uns auf dem Dorfplatz eine Limonade, bevor wir die Centovalli-Bahn nach Locarno nehmen. 

Es ist nicht verwunderlich, dass die Region im 19. Jahrhundert mit dem Bau von Bergbahnen und Luxushotels an der Waadtländer Riviera einen grossen touristischen Aufschwung erlebte. Bereits die Fahrt zum Ausgangspunkt der Wanderung, Les Cases, ist ein Erlebnis: Von Bulle aus durchqueren wir die atemberaubende Greyerzer Landschaft in einem kleinen Zug bis Montbovon FR und nehmen dann den legendären Goldenpass nach Les Cases. Hier beginnt der Aufstieg zu Fuss zu den Alpweiden, wo die Kuhglocken läuten.

Grüne Hänge, majestätische Gipfel

Die eindrückliche Greyerzer Landschaft führte zum touristischen Aufschwung der Waadtländer Riviera.

Die Käsesorten der Region, darunter der Gruyère, sind auf der ganzen Welt gefragt und waren bereits im 16. Jahrhundert bekannt, als sie nach Frankreich und Italien exportiert wurden. Früher wurden Käselaibe nach Vevey VD und Montreux VD über denselben gewundenen Weg transportiert, den wir heute vor uns haben. Da gibt es keine Dörfer oder Häuser, nur grüne Hänge und majestätische Gipfel. Die Szene könnte einem Gemälde entstammen, auf der die Poya – der traditionelle Alp­aufzug – zu sehen ist. Beim Aufstieg zum Jaman-Pass stossen wir auf einen Käser, der Frischkäse verkauft. Später passieren wir eine zweite kleine Molkerei, die jedoch mittags leider geschlossen ist. Der Weg führt zwar bergauf, aber auf einem sehr gut unterhaltenen Pfad, und wir belohnen uns mit einer Einkehr im Bergrestaurant Buvette de Jaman, das von einer netten bre- tonischen Dame geleitet wird. An- schliessend geht es weiter mit der 1892 eingeweihten Zahnradbahn zum Rochers-de-Naye. Dort ist die Aussicht atemberaubend: auf der einen Seite der Genfersee, auf der anderen die Alpen und das Freiburger Hügelland. 

Stets mit Seeblick

Die Axenstrasse (gebaut 1865) verbindet die beiden Dörfer Brunnen SZ und Flüelen UR und führt entlang des Urnersees.

Die Route zwischen den Urner Gemeinden Flüelen und Sisikon erzählt nicht nur die Geschichte dieser Herzregion der Schweiz, sondern auch die unseres ganzen Landes. Tatsächlich verläuft sie während eines Abschnitts entlang des Wegs der Schweiz, der 1991 anlässlich der 700-Jahr-Feier der Eidgenossenschaft über eine Länge von 35 km angelegt wurde.

«Der Weg führt uns immer entlang des Seeufers oder in der Nähe des Sees.»

 

Unsere Reise beginnt am Bahnhof von Flüelen, das über eine malerische Seepromenade und einen Badestrand verfügt. Der Weg führt uns über einen schattigen Pfad zuweilen durch den Wald, (und aufgrund eines Erdrutsches, der den Weg an dieser Stelle für eine kurze Zeit unpassierbar gemacht hat, sogar durch einen Strassentunnel) jedoch immer entlang des Seeufers oder in der Nähe des Sees, den wir von den Aussichtspunkten aus bewundern können.

Der Pfad, eingebettet zwischen dem smaragdgrünen Wasser des Sees und den steilen Felswänden, vereint auf perfekte Weise die Natur mit dem Werk des Menschen. Fast könnte man meinen, die hiesige Postkartenlandschaft sei von einem passionierten Modelleisenbahnbauer geschaffen worden. Nicht umsonst gilt sie als eine der landschaftlich reizvollsten der ganzen Schweiz. Gleichzeitig lässt sie uns aber auch über die Zerbrechlichkeit dieser Werke nachdenken: Erdrutsche sind keine Seltenheit und machen Strassensperrungen unumgänglich. Auf halbem Weg stossen wir auf das einzige Denkmal unserer Wanderung, die Tellskapelle aus dem Jahr 1883, die für viele mit Erinnerungen an Schulausflüge verbunden ist. Unsere Wanderung endet im charmanten Dorf Sisikon, im Garten des Restaurants Eden – selten begegnet man einem Namen, der so treffend gewählt wurde.