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Wenns läuft …

Heisse Temperaturen, die Joggingrunde oder das Vorstellungsgespräch: Uns bringt einiges ins Schwitzen. Wieso das passiert und was wir dagegen tun können.

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Plainpicture, Getty Images
22. Juni 2020
Sie finden dieses Bild unangenehm? Eigentlich hat Schweiss zu Unrecht einen schlechten Ruf.

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«Wieso gerade ich?» Das hat sich Florian Müller* oft gefragt. Nämlich immer dann, wenn er seine Schweissflecken unter den Achseln zu kaschieren versuchte. Schon damals, vor drei Jahren, war er sportlich und gesund. Trotzdem! Egal, ob im Sommer oder Winter: «Ich schwitzte wirklich immer – und dann nicht nur ein bisschen», sagt der heute 30-Jährige. Richtig unangenehm wurde es, als er ein Praktikum in einer Kanzlei anfing, wo er immer ein Hemd tragen musste. Da sah man die Flecken nämlich besonders gut. «Vor allem bei Geschäftsmeetings war mir das wahnsinnig peinlich: Nach wenigen Minuten hatte ich bereits einen See unter den Achseln.» Ständig machte er sich Gedanken, ob es die anderen sehen oder wie er die Flecken verstecken könnte – und schwitzte deshalb umso mehr. Ein Teufelskreis.

Alexander Navarini (44) kennt diese Situation. Der Chefarzt Dermatologie am Universitätsspital Basel berät und behandelt Menschen wie Florian Müller. «Schwitzen ist in erster Linie ein soziales Problem», sagt er. Gesundheitliche Einschränkungen sind selten das Problem für starkes Schwitzen. Trotzdem ist der Leidensdruck für die Betroffenen gross. In unserer Gesellschaft ist Schweiss verpönt. Doch eigentlich ist Schwitzen etwas ganz Natürliches. Wir alle tun es, manche mehr, manche weniger. Doch fast alle schämen sich dafür. «Schwitzen wird als etwas Ekliges angesehen, was primär am Geruch liegt», so Navarini. Zudem sei Schwitzen mit Schwäche und Angst verbunden.

«Schwitzen ist in erster Linie ein soziales Problem.

Dermatologe Alexander Navarini

Doch übermässiges Schwitzen hat gar nichts mit mangelnder Hygiene oder mit Kontrollverlust zu tun. Schwitzen ist sogar lebenswichtig. «Für unsere Gesundheit ist Schweiss etwas Tolles.» Denn das Schwitzen ist ein Schutzmechanismus, der unseren Körper vor der Überhitzung schützt. Die etwa zwei bis vier Millionen Schweissdrüsen funktionieren sozusagen als körpereigene Klimaanlage. «Unser Körper funktioniert bei 37 Grad optimal. Um diese Temperatur halten zu können, brauchen wir unterschiedliche Mechanismen. Einer der wichtigsten ist das Schwitzen.» Steigt die Körpertemperatur über den Normwert, befördern die Drüsen den Schweiss auf die Haut. Verdunstet er dort, entzieht dies dem Körper Wärme, er wird gekühlt. «Normalerweise schwitzen wir ein paar 100 Milliliter pro Tag.» An heissen Sommertagen können jedoch mehrere Liter fliessen. «Tatsächlich schwitzen wir am meisten unter den Achseln, weil wir dort sehr viele aktive Drüsen haben.» Aber auch im Genitalbereich, an den Händen und an den Füssen bildet sich besonders viel Schweiss.

Richtig ins Schwitzen kommen wir durch hohe Temperaturen oder körperliche Bewegung. Hier spricht man vom thermischen Schwitzen. Doch auch wenn wir nervös oder gestresst sind oder Angst haben, kann der Schweiss fliessen. «Mechanisch gesehen, sind die verschiedenen Formen des Schwitzens ähnlich.» Beim «emotionalen» Schwitzen spielen jedoch die Hormone eine wichtige Rolle. «In Stresssituationen, bei Angst und Nervosität schüttet der Körper das Stresshormon Adrenalin aus.» Das Adrenalin bewirkt zusätzlich, dass sich die Blutgefässe verengen. «Die Haut wird schlechter durchblutet und kühlt deshalb ab.» Aus diesem Grund ist Angstschweiss auch kalt.

Zudem werden ungefähr 75 Prozent der Frauen in den Wechseljahren von einer weiteren Form des Schwitzens heimgesucht. Das sogenannte klimakterische Schwitzen zeigt sich vor allem in schubartigen Schweissausbrüchen, die als Folge der hormonellen Umstellung auftreten.

Schweiss lass nach

Wann und wie viel jemand schwitzt, ist sehr individuell. Dennoch gibt es Faktoren wie Alkohol- oder Koffeinkonsum, der Verzehr von scharfen Speisen oder bestimmte Medikamente, die den Schweissfluss zusätzlich anregen. «Übergewichtige Menschen schwitzen grundsätzlich mehr, weil sie mehr Fläche an Haut haben, die übereinanderliegt.» Auch Sportler schwitzen ausgeprägter. Und effizienter: «Wenn jemand oft aktiv ist, dann passt sich der Körper an, er produziert mehr Schweiss, um sich runterzukühlen.»

Obwohl Schwitzen lebenswichtig ist, wollen wir trotzdem nicht, dass uns die körpereigene Klimaanlage wortwörtlich auf die Stirn geschrieben steht. Auch schlecht riechen wollen wir nicht. Doch anders als viele denken, ist es nicht der Schweiss, der unangenehm riecht. Denn frischer Schweiss besteht zu 99 Prozent aus Wasser. Der stechende Mief ist das Werk kleiner Bakterien, die auf der Hautoberfläche leben. «Diese bauen Fettmoleküle ab, dabei entsteht der unangenehme Geruch.»

Ganz und gar nicht eklig: Durch das Schwitzen schützt sich der Körper vor der Überhitzung.

Die Bakterien siedeln sich gerne in den sogenannten apokrinen Schweissdrüsen an. Anders als die ekkrinen Drüsen, die auf den ganzen Körper verteilt sind, sind apokrine Drüsen auf bestimmte Körperregionen beschränkt. Sie befinden sich unter den Achseln, an den Füssen oder im Genitalbereich. Deshalb ist der unangenehme Schweissgeruch an diesen Stellen auch am stärksten. Der Dermatologe rät deshalb, die Haare unter den Achseln wenn möglich zu rasieren. «Dann dauert es länger, bis es anfängt unangenehm zu riechen.»

«Trotzdem gibt es auch Menschen, die aus genetischen Gründen Substanzen im Schweiss haben, die stark riechen. Zudem kann der Geruch ernährungsbedingt sein.» Damit dieser gar nicht erst entsteht, hilft regelmässiges Duschen oder verschiedene Präparate, die dem Schweiss zusätzlich den Kampf ansagen können.

Gegen den Schweiss

Grundsätzlich rät Navarini, auszuprobieren, welches dieser Präparate für einen am besten funktioniert und sich in der Apotheke oder von einem Dermatologen beraten zu lassen. «Je nachdem, um welche Form des Schwitzens es sich handelt, empfehlen wir unterschiedliche Produkte», erklärt Christian Bender (52). Er ist Apotheker der Coop-Vitality-Apotheke im Zürcher Sihlcity. Bei stressbedingtem oder klimakterischem Schwitzen können je nachdem auch Produkte auf pflanzlicher Basis, zum Beispiel mit Salbei, gegen die Beschwerden helfen. Gegen die Schweissbildung an den Füssen und Händen rät der Apotheker zu lokal angewandten Cremes und Lotions. «Hier ist es ratsam, die Präparate vor dem Schlafengehen aufzutragen und nicht am Morgen nach dem Duschen, wenn die Schweissdrüsen bereits aktiv sind.» Abends und nachts sind die Schweissdrüsen weniger aktiv, die Wirkstoffe können besser eindringen.

«Wenn jemand oft aktiv ist, produziert der Körper mehr Schweiss.»

Dermatologe Alexander Navarini

Auch das altbekannte Deo kann helfen, den Schweiss unter Kontrolle zu bringen. «Am effektivsten sind Deos mit Aluminium.» Aluminium in Deos ist in den vergangenen Jahren etwas in Verruf geraten, es könne auf Dauer krebserregend sein. Laut Alexander Navarini ist die Angst jedoch unbegründet: «Es gibt keinen Hinweis, dass das Aluminium in den Präparaten schädlich wäre.» Die sogenannten Antitranspirante mit Aluminium sind deshalb am wirksamsten, weil sie die Schweissdrüsen blockieren und so die Schweissproduktion reduzieren. «Wer auf Deos ohne Aluminium zurückgreifen möchte, der darf nicht die gleiche Wirkung erwarten», erklärt Christian Bender.

Lebensnotwendiges Leiden

Doch bei manchen Menschen, da nützt auch das Antitranspirant nichts mehr. Das starke Schwitzen kann dabei verschiedene Ursachen haben. «Schwitzt jemand plötzlich extrem stark, dann steht zuerst die Frage im Raum, ob es fassbare Gründe dafür gibt. Dazu gehören beispielsweise die Wechseljahre, hormonelle oder nervliche Störungen, Medikamentennebenwirkungen, hoher Blutdruck, oder selten Krebs oder Infektionserkrankungen», erklärt Alexander Navarini. Können diese Krankheiten ausgeschlossen werden, dann leidet der Patient an einer Hyperhidrose. Diese Menschen schwitzen mehr, als zur Kühlung des Körpers notwendig ist. Rund drei Prozent der Bevölkerung sollen betroffen sein. «Diese Zahl ist jedoch nicht gesichert, da viele Leute, die stark schwitzen, es entweder nicht als ein Problem sehen, oder sich schämen, damit zum Arzt zu gehen.» Eine äussere Ursache für das übermässige Schwitzen lässt sich meist nicht finden. «Es gibt jedoch sicher eine genetische Komponente.»

«Es gibt jedoch sicher eine genetische Komponente.»

Dermatologe Alexander Navarini

Auch einen klaren Grenzwert, ab wann genau eine Hyperhidrose vorliegt, gibt es nicht. «Wenn die Lebensqualität durch das Schwitzen beeinträchtigt ist, dann ist der Zeitpunkt gekommen, ärztliche Beratung in Anspruch zu nehmen.» Es brauche jedoch nach seiner Erfahrung viel, bis Patienten tatsächlich zum Arzt gehen. «Die meisten, die zu uns kommen, haben schon die unterschiedlichsten Präparate ausprobiert.»

Sportler schwitzen mehr als untrainierte Menschen - und effizienter.

Die richtige Behandlung

So ging es auch Florian Müller. «Ich habe wirklich alles versucht: verschiedene Deos, spezielle Pads, die man ins Hemd kleben kann: Nichts hat funktioniert», sagt er. Erst nach Jahren wandte er sich in seiner Verzweiflung an eine Dermatologin. Diese riet ihm dann zu einer Behandlung mit Botox. Die effizienteste Methode, findet auch Alexander Navarini. «Das Botox wird dabei an der stark schwitzenden Stelle unter die Haut gespritzt und die Personen schwitzen dann an dieser Stelle fast gar nicht mehr.» Jedoch muss die Behandlung je nachdem alle sechs bis zwölf Monate wiederholt werden. Eine kostspielige Angelegenheit. Auch spezielle Strombäder können gegen Hyperhidrose helfen. Diese werden vor allem bei schwitzenden Händen und Füssen angewandt. «Sie können die Aktivität der Schweissdrüsen reduzieren.» Zudem kann man die Schweissdrüsen oder die Nerven zerstören sowie die Drüsen ganz herausoperieren. Davon rät der Dermatologe jedoch ab.

Florian Müller jedenfalls bereut seinen Gang zur Ärztin nicht. Im Gegenteil: Seit seiner Behandlung schwitzt er nämlich unter den Achseln fast gar nicht mehr, obwohl er sich das Botox nur einmal hat spritzen lassen. «Jetzt fällt mir erst auf, wie oft ich mir damals Gedanken über das Schwitzen gemacht habe.» Nun denke er fast gar nicht mehr daran. «Das ist für mich wirklich eine riesige Erleichterung und vor allem ein komplett neues Lebensgefühl.»

Helfer gegen den Schweiss

  • Wirken beruhigend und sind deshalb indirekt gegen Stressschwitzen wirksam: Zeller Entspannungstabletten, 60 Stk./Fr. 29.90, Coop Vitality.
  • Helfen von innen gegen starkes Schwitzen: Salvia Wild Tropfen, 50 ml/Fr. 15.20, Coop Vitality.
  • Lokale Creme gegen die Schweissbildung: Antihydral Creme, 25 g/Fr. 8.60, Coop Vitality.
  • Sansudor Antitranspirant Creme, 60 ml/Fr. 15.20, Coop Vitality.
  • Bei über­mässigem Schwitzen und Wärmegefühl in den Wechseljahren: Vogel Menosan Tabletten 90 Stk./Fr. 64.90, bei Coop Vitality.