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Suche nach den Wurzeln

Familienforschung ist aufwendig und benötigt viel Geduld. Zwei Männer, die diese Herausforderung unterschiedlich anpackten, sind René Bernoulli und Roland Schär.

04. Dezember 2020
 Marcel Bernoulli iste in direkter Nachfahre des berühmten Basler Gelehrtengeschlechts.

 Marcel Bernoulli iste in direkter Nachfahre des berühmten Basler Gelehrtengeschlechts.

Wer bin ich und woher stamme ich eigentlich? Es sind dies Fragen, die wohl jeden Menschen im Verlaufe seines Erdendaseins einmal beschäftigen. Das Interesse an den Ahnen ist tief in unserem Innern verwurzelt. Denn ein Grossteil unserer Persönlichkeit, unseres Charakters wurde uns von den Vorfahren über Generationen hinweg vererbt. Genealogie, besser bekannt als Ahnen- oder Familienforschung, ist ein Geschäft, das seit Jahren brummt. Auch dank des nahezu allwissenden Internets, das den Suchenden das Spurenlesen in der Vergangenheit enorm erleichtert. Genealogie-Websites gehören zu den meistbesuchten Seiten im World Wide Web.

Mittlerweile gibt es weltweit mehr als 3000 Forschungsstellen, die einem den Zugang zum Ahnenfriedhof bieten. Am meisten Klicks weist dabei die Familienforschungsseite «Familysearch» der Mormonen auf. Gemäss eigenen Angaben greifen durchschnittlich 400 000 Benutzer pro Tag darauf zu.

Mathematiker mit Weltruhm

Der Basler René Bernoulli (1942–2016) beschritt vor 48 Jahren mit seiner umfassenden Familienforschung noch den analogen Weg. «Die eigene Abstammung zu kennen gibt Zuversicht für das Kommende.» Mit dieser Widmung versehen, übergab René Bernoulli 1998 seinem Sohn Marcel (49) zu dessen Biologie-Diplomabschluss das Buch der Bernoullis. Auf 237 Seiten hatte der Mediziner darin die Geschichte des berühmten Basler Gelehrtengeschlechts aufgearbeitet und mithilfe seines Bruders Lion (72) bis ins kleinste Detail dokumentiert.

Dabei beschränkten sich die beiden nicht nur auf die Biografien der bekannten Mathematiker Jacob (1655–1705) und Daniel Bernoulli (1700–1782), die mit ihrem Mitwirken an der Wahrscheinlichkeitstheorie und der Strömungsgleichung (Bernoulli-Gleichung) zu Weltruhm gelangten. Sondern sie spürten darüber hinaus der Frage nach der ursprünglichen Herkunft des Geschlechts nach. «Wir haben versucht, alle Nachkommen des Leon Bernoulli von Antwerpen (gestorben 1561) zu erfassen und biografisch zu umreissen», schreibt René Bernoulli in seinem Vorwort.

«Das Buch wurde 1972 anlässlich des 350-Jahr-Jubiläums der Einbürgerung der Familie Bernoulli veröffentlicht, die 1622 von Antwerpen nach Basel zog», weiss Marcel Bernoulli, der sich mit seinem abgeschlossenen Biologiestudium nahtlos in die Gelehrtenreihe seiner Vorfahren einfügt.

Vier Jahre forschte sein Vater intensiv in der Vergangenheit und sammelte Informationen. Dazu gehörten auch mehrmalige Besuche der Staatsarchive von Basel und Frankfurt am Main (ein Zweig der Familie Bernoulli liess sich 1570 in Frankfurt einbürgern). «Ebenso musste mein Vater sich in die alte deutsche Sprache einarbeiten, um die alten Schriftstücke überhaupt lesen zu können», erklärt Marcel Bernoulli. Eine grosse Hilfe bei der Recherche war auch die sogenannte Bernoulli-Edition, ein Forschungszweig der Universität Basel, sowie der bereits 1922 erstellte Stammbaum des Architekten Hans Benno Bernoulli (1876–1959).

Nicht mehr so sesshaft

Nicht alle Hobbyforscher können auf eine derartige Fülle an bereits vorhandenem Material zurückgreifen. Auch nicht mithilfe des Internets und dessen Genealogie-Onlineportalen, die mit der Suche nach den Ahnen gutes Geld machen. Denn anders als früher sind in der heutigen Zeit die Familien nicht mehr so lange sesshaft und mit ihrer ursprünglichen Heimat verwurzelt, sondern zunehmend auf der ganzen Welt verstreut. Verloren geht dabei nicht nur der Kontakt, gefährdet ist auch die Überlieferung der Familiengeschichte. Und so besteht gerade bei Ausgewanderten ein oft starkes Interesse an der Geschichte ihrer Vorfahren und ihres familiären Ursprungs.

Einer, der sein Glück in der Fremde fand und jetzt seinen Ursprung in der früheren Heimat sucht, ist Roland Schär (61). Seit bald 40 Jahren wohnt der gebürtige Birmensdorfer in Paris, wo er seinen Lebensunterhalt als Kunstmaler und Professor für Textilgrafik an einer der wichtigsten Designschulen Frankreichs verdient.

 Nach dem Tod seiner Eltern begab sich Roland Schär auf die Suche nach seiner Herkunft.

«Das Interesse an der Geschichte meiner Vorfahren kam mit dem Alter», sagt Schär. Er fing an, sich Fragen zu stellen, wo er eigentlich ursprünglich herkommt. Nach dem Tod seiner Eltern und dem Aufräumen deren Haushalts fand er ein Buch über den Heimatort seiner Familie. «Der Familienname Schär kam darin ziemlich viel vor, und ich wollte wissen, ob dies Vorfahren von mir waren», erklärt er seine Neugier.

Gewisse Relationen seiner Familie waren ihm bekannt, «aber meine Kenntnisse reichten nur gerade bis zu meinen Urgrosseltern», sagt er. Darum intensivierte Roland Schär die Forschung mittels Internet, musste sich aber bald einmal eingestehen, «dass für mich das Ganze zu komplex wurde und mir die Zeit fehlte, um mich noch tiefer in die Materie einzuarbeiten».

Trotzdem beschäftigte ihn die eigene Herkunft weiter. Also beauftragte Roland Schär mit Yvonne Hausheer (53) eine Berufsgenealogin. Diese erforschte in einem ersten Schritt die Vaterseite ihres Kunden. «Meine Recherchen ergaben, dass Roland Schärs Vorfahren väterlicherseits, wie der grösste Teil der damaligen Bevölkerung, nicht sonderlich mobil waren und über Generationen hinweg im gleichen Dorf in der Schweiz wohnten», sagt sie. Schwieriger gestaltete sich die Nachforschung auf der Ahnenseite der Mutter Emma Schär-Will (1928 – 2013). Die Genealogin fand heraus, dass dieses Familiengeschlecht irgendwann Ende des 18. Jahrhunderts aus Kassel in Norddeutschland in den Berner Oberaargau eingewandert war. «Ein genaues Datum lässt sich nicht eruieren», sagt sie. Das älteste amtliche Dokument aus der Schweiz, das Hausheer dazu fand, stammt von 1780. «Die Zuwanderung muss also vor diesem Zeitpunkt gewesen sein.»

Neuer Blickwinkel

Die Fragen, die Roland Schär beschäftigen und die ihm wohl niemand beantworten kann: Warum emigrierte damals ein Vorfahre seiner Mutter aus Norddeutschland und liess sich im Berner Oberaargau nieder? Und was waren die sozialen Gründe für die Auswanderung? Mittlerweile weiss er, dass die Familie seiner Mutter lange als sogenannte Landsassen (sie besassen ein Landrecht, aber kein Ortsbürgerrecht) im Kanton Bern wohnhaft war. «Solche Erkenntnisse relativieren die Gegenwart. Sie geben uns einen Einblick in die damalige Klassengesellschaft und einen neuen Blickwinkel auf die Geschichte im Allgemeinen», meint Roland Schär dazu.

Nebst diesen Daten konnte Yvonne Hausheer belegen, dass Roland Schär ein entfernter Verwandter von Eduard Will (1854–1927) ist, einem führenden Berner Wirtschaftspolitiker, der von 1896 bis 1919 Mitglied des Nationalrats war und mit einem eigenen Eintrag im historischen Lexikon der Schweiz verzeichnet ist.

Das Erforschen der eigenen Ahnen boomt offenbar. Bei unserer Umfrage hat fast ein Fünftel der Befragten angegeben, dass sie einen detaillierten Stammbaum besitzen, der weit in die Vergangenheit zurückreicht. Besonders beliebt ist die Familienforschung in den USA. Alleine dort beschäftigen sich – nach Schätzung von Experten – mehr als 60 Millionen Menschen mit ihren Vorfahren. 


Tipps vom Profi

Yvonne Hausheer, wie soll ein Laie das Erforschen seiner Vorfahren angehen?

Vor der Recherche bei Ämtern und in Archiven zuerst einmal Angehörige und Freunde fragen und so viel Informati­onen wie möglich zusammentragen. Oft hütet jemand in der Familie die amtlichen Dokumente der verstorbenen Eltern oder Grosseltern. Vielleicht existiert bereits eine Stammtafel. Danach müssen die mündlichen Überlieferungen mit Quellen wie Ausweise, Verlobungskarten oder Geburtsanzeigen belegt werden.

Wo erhält man Einsicht in die Zivilstandsdaten der Vorfahren?

Zuständig für Gesuche zur Auskunft und Einsicht ins Zivilstandsregister sind die kantonalen Aufsichtsbehörden. Die meisten dieser Stellen haben für Familienforscher auf ihrer Homepage eine Unterseite eingerichtet. Entscheidend ist, wann das Ereignis stattfand, das belegt werden soll. Denn es gibt Schutzfristen. Stichdatum für Geburten ist Neujahr 1900, für Eheschliessungen Neujahr 1930 und für Todesdaten Neujahr 1960. Alles, was älter ist, gilt als Archivgut und kann im Prinzip von jedermann eingesehen werden. Auskunft über Personenereignisse ab dem Stichdatum bis in die Gegenwart erhält man nur unter speziellen Bedingungen. Bei direkten Vorfahren, also Eltern, Grosseltern und weiter zurück in dieser Linie, ist das kein Problem. Über die Personendaten der übrigen Verwandten erhält man beim Zivilstandsamt in der Regel keine Auskunft.

Sind diese Auskünfte mit Kosten verbunden?

Ja, und es gilt die gleiche Gebührenverordnung für die ganze Schweiz. Eine unbeglaubigte Kopie aus dem Archivgut kostet pro Seite zwei Franken. Die Preise für Personendaten innerhalb der Schutzfrist sind für ein Einzelereignis, also beispielsweise Geburt oder Tod, 30 Franken und für einen Familienschein 40 Franken für die Erstperson, zuzüglich zehn Franken für jede weitere Person.

Welche Rolle spielt der Heimatort bei der Suche?

Das schweizerische Heimatortsystem ist der Schlüssel zum genealogischen Schatzkistchen. Unabhängig davon, wo Frau oder Herr Schweizer das Leben verbrachte, die Änderungen des Personenstands wurden über Jahrhunderte dem Heimatort mitgeteilt.

Bis wie weit in die Vergangenheit findet man Daten?

In der Schweiz haben wir das Glück, vom Krieg unversehrt geblieben zu sein. Deshalb finden wir Spuren unserer Vorfahren grundsätzlich bis etwa Mitte 16. Jahrhundert. Das gilt für jede soziale Schicht und unabhängig vom Wohnort.

Wie können Kirchenbücher bei der Recherche helfen?

In diesen wurden Einzelereignisse wie Taufen, Eheschliessungen oder Begräbnisse erfasst, die in der Kirchgemeinde stattfanden. Vorausgesetzt, diese Bücher sind lückenlos erhalten, können mit ihrer Hilfe die Vorfahren bis circa Mitte 1550 erforscht werden.

Diese sind meist in der alten deutschen Schrift verfasst. Wer kann einem helfen, diese zu lesen?

Genealogische Vereinigungen führen regelmässig Kurse durch, oft in Zusammenarbeit mit Volkshochschulen. Auch an Universitäten gibt es Kurse. Diverse Möglichkeiten findet man auch im Internet. Das Lesenlernen der alten Handschriften ist eine reine Fleiss- und Übungssache. Wer sich Zeit und Mühe ersparen will, wendet sich an einen Berufsgenealogen.

Eine tragende Rolle bei der Ahnenforschung nehmen die Mormonen ein. Wie kann einem die «Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage» bei der Recherche helfen?

Diese Gemeinschaft ist den Familienforschern heute unter dem Namen «Familysearch» bekannt. Sie hat sehr viel für die Ahnenforschung getan, indem sie im letzten Jahrhundert weltweit Kirchenbücher auf Mikrofilm übertrug. Aktuell umfasst die Sammlung Hunderttausende mikroverfilmter Dokumente und Datenbanken mit fast einer Milliarde gespeicherter Personen. Seit wenigen Jahren ist eine sehr grosse Zahl dieser Mikrofilme digitalisiert und via Internet abrufbar. Mitunter sind über Familysearch die Kirchenbücher diverser Schweizer Kantone bequem von zu Hause aus zu lesen.

Wie seriös sind Internetanbieter, die mit Ahnenforschung werben?

Kommerzielle Anbieter verfolgen ein Geschäftsmodell. Ich denke nicht, dass diese unseriös sind, denn sie sind wie jedes andere Unternehmen geltenden staatlichen Rechtslagen unterworfen. Unseriös ist es für mich, wenn dem Nutzer suggeriert wird, dass er seine Familienforschung vorwiegend online und über dieses Unternehmen und dessen Infrastruktur betreiben kann. Die Realität sieht anders aus, jedenfalls was das genealogische Forschen in der Schweiz angeht.