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Üse Summer i dr Schwiiz

Wo die Berge kopf stehen

Wie kann älteres Gestein über gut 200 Millionen Jahre jüngerem zu liegen kommen? Des Rätsels Lösung zeigt sich im Unesco-Welterbe «Tektonikarena Sardona».

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UNESCO-Welterbe Tektonikarena Sardona/Ruedi Homberger, Arosa/Thomas Kessler Visuals
29. Juni 2020
Die Tschingelhörner von der Glarner Seite aus, links das Martinsloch.

Die Tschingelhörner von der Glarner Seite aus, links das Martinsloch.

Tektonikarena Sardona

Ausflugstipps im Welterbe

  1. Wandern: In sechs Tagesetappen auf dem «Sardona-Welterbe-Weg» von Filzbach GL bis Flims GR wandern und dabei knapp 8000 Höhenmeter überwinden.
  2. Klettern: Von Fidaz GR auf dem ältesten noch bestehenden Klettersteig der Schweiz auf den Flimserstein hochkraxeln.
  3. Expedition: Auf Entdeckungsreise im Welterbe – die «Expedition Tschinglen» umfasst die Bahnfahrt von Elm GL auf die Tschinglen-Alp und eine informative, dreistündige Rundwanderung.
Weitere Informationen hier: https://www.welterbeticket.ch

«Kein Mensch würde es mir glauben, man hielte mich für einen Narren.» Dessen war sich der Schweizer Geologe Arnold Escher von der Linth (1807–1872) sicher. Und so behielt er 1841 seine Erkenntnisse für sich. Er wusste, was ihm ansonsten blühte, denn bereits sein Vater Hans Conrad (1767–1823) hatte knapp 40 Jahre zuvor dieselbe Theorie aufgestellt – dass nämlich in den Glarner Alpen älteres Gestein über jüngerem liege. Die Reaktionen waren massiv: Das sei Unsinn, geisselten damals die Geologen den alten Escher, das «könne und dürfe schlicht nicht sein». Die Bestätigung ihrer Theorie gegen Ende des 19. Jahrhunderts erlebten die Eschers nicht mehr. Doch seither ist klar, dass es in der Region tatsächlich eine sogenannte Überschiebung gegeben hatte. Wie das Natur­phänomen entstand, fand man aber erst in den 1960er-Jahren heraus.

Der Druck der afrikanischen auf die europäische Kontinentalplatte quetschte eine Masse aus altem Gestein heraus und schob diese mindestens 35 Kilometer weit über das jüngere Gestein. Dies spielte sich vor rund 20 bis 25 Millionen Jahren im Erd­innern ab und dauerte mehrere Millionen Jahre. Erst die Hebung der Alpen und die spätere Erosion machten sichtbar, dass hier die Berge faktisch kopf stehen: Das 250 bis 300 Millionen Jahre alte rote oder grüne Verrucanogestein liegt über dem grau-braun-schwarzen Flysch, der nur 35 bis 50 Millionen Jahre alt ist. Getrennt werden die beiden Schichten vielerorts von der «magischen Linie»: einem gelben Band, bestehend aus einer Kalkschicht, die damals wohl als eine Art Schmiermittel wirkte. Diese Linie ist das auffälligste Kennzeichen dieses Naturphänomens – bekannt als «Glarner Hauptüberschiebung».

So viel zu sehen …

Der Sardona-Welterbe-Weg führt an den Murgseen vorbei.

Martinsloch von der Bündner Seite: An wenigen Tagen im März und September scheint die Sonne etwa zwei Minuten durch das Loch auf den Elmer Kirchturm.

Es ist zwar weltweit nicht die einzige Überschiebung, aber die am besten sichtbare – und deshalb gilt sie als ­einzigartig. Sie bildet ein Fenster in die erdgeschichtliche Vergangenheit und macht diese selbst für Laien erlebbar. Dies war mit ein Grund, warum die «Tektonikarena Sardona» 2008 in die Unesco-Liste der Weltnatur- erbestätten aufgenommen wurde. Das Gebiet erstreckt sich über 300 Quadratkilometer und gehört zu den Kantonen Glarus, Graubünden und St. Gallen.

Die grösstenteils hochalpine Landschaft lädt ein, zu Fuss erkundet zu werden. Die Abgeschiedenheit und Ursprünglichkeit machen den Reiz dieses Welterbes aus. Beispielsweise der Segnesboden oberhalb von Flims GR mit Sicht auf die Tschingelhörner, das Martinsloch und die «magische Linie». Oder das Calfeisental mit der alten Walsersiedlung St. Martin SG, das Murgtal mit den idyllischen Murgseen in der Gemeinde Quarten SG oder das Mürtschental mit den nördlichsten Arven Mitteleuropas. In der «Tektonik- arena Sardona» haben die Besucher die Qual der Wahl.

Schönste Schweiz!

Das Buch zur Serie

Die Autoren der Coopzeitung-Sommerserie über die Schweizer Welterbestätten haben auch ein Buch zum Thema veröffentlicht. Es enthält neben reich bebilderten Reportagen auch Tipps zur Anreise, zu Veranstaltungen und für Ausflüge in den entsprechenden Regionen sowie Kartenmaterial und wichtige Kontakte.

Üsé Meyer/Reto Westermann: «Schönste Schweiz! – Unterwegs zu den Schweizer Unesco-Welterbestätten».

Bestellbar unter: shop.beobachter.ch

 

Unesco-Welterbestätten

Serie der Coopzeitung (4)

Das Unesco-Label «Welterbestätte» erhalten ausschliesslich Kultur- und Naturgüter von «aussergewöhn­lichem universellem Wert». Die Schweiz verfügt über zwölf Unesco-Welt­erbestätten. Sie alle stehen für die bedeutendsten Natur- und Kulturschätze unseres Landes – ein Muss, sie gesehen und erlebt zu haben. Die Coopzeitung stellt in ihrer Sommerserie einige dieser Stätten vor.

Weitere Informationen hier: https://www.whes.ch