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Unglaubliche Narzissenpracht

Wer die Narzissen ob Montreux sehen will, muss geduldig und flexibel sein. Egal, ob man den Ausflug an den Genfersee dieses oder erst nächstes Jahr machen kann, er lohnt sich.

FOTOS
Peter Mosimann
13. April 2020
Matthew Richards im «Maischnee» hoch über dem Lac Léman.

Matthew Richards im «Maischnee» hoch über dem Lac Léman.

Eigentlich blühen Narzissen im Mai. Darum reservieren wir früh zwei Tage Anfang Mai 2019 für diese Reportage. Doch dann gibt es einen Wintereinbruch mit Schnee. Wir verschieben. Es folgen Tage voller Regen. Mitte Mai soll es sonnig werden, nur sind die Narzissenblüten immer noch geschlossen. Geduld, der Mai ist lang. Wir wollen die Blüten in voller Pracht, bei strahlender Sonne und zusammen mit unserem Tourguide Matthew Richards (56) sehen. So konsultieren wir die ständig aktualisierte Narzissen-Webseite. (In der aktuellen Corona-Krise heisst es beim Planen zudem, die offiziellen Verhaltensregeln des Bundes zu berücksichtigen.) Am 1. Juni versuchen wir unser Glück. 

Die Aussicht auf den Lac Léman von der Suite aus, wo Kofi Annan übernachtete.

Von Montreux aus geht es hoch nach Caux VD. Hier besuchen wir später  das berühmte Palace, doch vorerst haben wir nur Narzissen im Sinn. Matthew Richards weiss, welche seiner Lieblingsstellen zwischen Caux und Les Avants VD heute besonders lohnenswert sind. Und so kommts, dass wir schliesslich hoch über dem Genfersee in einem himmlisch duftenden wogenden Feld stehen, das prächtiger nicht sein könnte. Die eindrucksvolle Sujetflut gibt dem Fotografen schön zu tun! 

Blick vom Park auf das frühere Grand Hotel Caux Palace, heute auch eine Hotelfachschule.

Der Hauptsaal im Caux Palace, wo Friedenskonferenzen stattfinden.

Faszination «Maischnee»

Maischnee in der Nähe von Caux.

Fast alle Felder um Les Avants boten einst einen vergleichbar üppigen Anblick. Doch der Wandel in der Landwirtschaft hinterliess Spuren. «Früher brachten die Bauern ihre Kühe erst Ende Juni auf 1200 Meter Höhe hinauf», erklärt Richards. Die verblühten Narzissen wurden vorher noch gemäht, die Kühe frassen die nachwachsenden Wiesenpflanzen. «Doch heute sind die Kühe schon im April hier oben», erläutert er. Das hatte zur Folge, dass die schweren Tiere mit ihren Hufen im feuchten Boden immer mehr Narzissenzwiebeln zerstampften, bevor sie spriessen konnten. Damit wurde «la neige de mai» (der Maischnee), wie die Einheimischen ihre Blütenmeere nennen, immer spärlicher. Doch die Kühe geben so mehr Milch. Um die landbesitzenden Bauern zu animieren, zugunsten der Narzissen auf diesen Zusatzgewinn zu verzichten, bezahlen Bund und Kanton Zuschüsse. Denn «Maischnee» lockt mehr Besucher an als weidende Kühe …

Der griechische Mythos

Von 1897 bis 1957 feierte man das Ende des Winters an der Waadtländer Riviera mit einem Narzissenfest. So waren weisse Narzissen lange das wohl wichtigste Werbesujet der Region. Die Gäste pflückten sie gleich körbeweise. Heute sind die Blumen geschützt. «Man darf sich höchstens ein kleines Sträusschen mit nach Hause nehmen», sagt Matthew Richards.

Spazieren inmitten eines Blütenmeers.

Einen intensiven Duft entwickelt vor allem Narcissus poeticus, die weisse Dichter-Narzisse. Ihre Blütenblätter berühren sich gegenseitig, während dies bei Narcissus radiiflorus, der Sternnarzisse, nicht der Fall ist. Beide Arten und auch Kreuzungen zwischen ihnen richten ihre Köpfe der Feuchtigkeit zu, in diesem Fall dem weit unten leuchtenden See. Matthew Richards erzählt, dass die Blume gerade deshalb ihren Namen dem bildschönen Jüngling Narkissos aus der griechischen Mythologie verdankt, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebte. «Er starrte so lange ins Wasser, bis er starb», berichtet Matthew – und dann verwandelte sich Narkissos angeblich in eine Blume … Unser englisch-schweizerischer Guide studierte ursprünglich Geologie, doch wer eine Tour bei ihm bucht, bekommt Geschichten aus verschiedensten Wissensgebieten zu hören. Der Name seiner Firma «walk and talk» ist daher sehr stimmig.  

Vielfalt der Freuden

Bei den Sternnarzissen berühren sich die Blütenblätter nicht.

Das kosmopolitische Montreux und seine Umgebung sind nicht nur für Naturliebhaber, sondern auch für Bahnfreunde ein Eldorado. Schon Ende des 19. Jahrhunderts führte eine Bahn bis zum Gipfel des Rochers-de-Naye, des über 2000 Meter hohen Hausbergs von Montreux, an dessen Hängen im Frühling ebenfalls Narzissen blühen. Auch andere Ausgangspunkte für Spaziergänge durch «Maischnee» wie Caux oder Les Avants erreicht man gut per Bahn. Les Avants war einer der ersten Wintersportorte in der Schweiz. Aber das ist eine andere Geschichte. 

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