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Titelgeschichte

Unsere innere Kraft

In Tagen wie diesen zeigt sich, wie wichtig ein fittes Immunsystem ist. Es ist daher gut zu wissen, wie sich die körpereigenen Abwehrkräfte stärken lassen.

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Heiner H. Schmitt
23. März 2020

Die guten Seiten des Fiebers

Eine Körpertemperatur von 38,2 Grad Celsius (bei Kindern 38,5 Grad Celsius) und mehr gilt als Fieber. Das ist zwar unangenehm, aber wichtiger, als sich viele Menschen bewusst sind. Fieber ist eine Entzündungsreaktion, aber es aktiviert auch die körpereigene Abwehr. Darum sollten Kranke das Fieber erst senken, wenn sie sich sehr krank fühlen oder Kreislaufprobleme auftreten. Fiebersenkende Massnahmen – ganz egal ob Wadenwickel oder Medikamente – werden erst ab 39 Grad Celsius empfohlen. Bei Erkrankungen im Zusammenhang mit dem Coronavirus bitte unbedingt die Hinweise des BAG beachten.

Wer gesund bleiben oder schnell wieder gesund werden möchte, braucht eine schlagkräftige Truppe in seinem Körper, die alle von aussen eindringenden Feinde effizient bekämpft. Um sich gegen Krankheiten zur Wehr zu setzen, verfügt der menschliche Körper über gleich zwei Abwehrsysteme: Das angeborene – sogenannt unspezifische – Immunsystem und das erworbene – sogenannt spezifische – Immunsystem. Die unspezifische Abwehr attackiert Krankheitserreger ganz allgemein, indem sie Fresszellen und Killerzellen auf diese hetzt. Die erworbenen Abwehrkräfte entstehen im Laufe des Lebens durch Erfahrung. Das Immunsystem lernt durch eine Infektion bestimmte Viren oder Bakterien kennen und bildet in der Folge Antikörper, um gewappnet zu sein, wenn derselbe Erreger später einmal erneut angreift. Befindet sich also ein Krankmacher, den das Immunsystem früher erfolgreich bekämpft hat, wieder im Körper, wird er erkannt und kann schneller angegriffen und beseitigt werden, bevor er grossen Schaden anrichtet.

Wenn die körpereigenen Abwehrkräfte aktiv werden, weil ein Krankheitserreger eingedrungen ist, entscheidet sich, ob und wie sehr der Mensch krank wird. Als Faustregel gilt dabei: Je stärker das Immunsystem, desto unwahrscheinlicher ist eine (schwere) Erkrankung. «Es ist davon auszugehen, dass ein starkes Immunsystem hilft, eine Infektion besser zu überstehen», sagt Prof. Dr. med. Sarah Tschudin Sutter (44), Leitende Ärztin und Forschungsgruppenleiterin an der Klinik für Infektiologie und Spitalhygiene am Universitätsspital Basel. «Das scheint auch für das Coronavirus zu gelten.» Eine Einschränkung macht die Stiftungsprofessorin für Infektionsepidemiologie an der Basler Uni jedoch: «Eine Infektion vermeiden können starke Abwehrkräfte allerdings nicht.»

Wie gut die unspezifische Abwehr funktioniert, hängt aber auch von anderen Faktoren ab. So ist die angeborene Immunabwehr mit zunehmendem Alter immer weniger aktiv. Das bedeutet, dass je älter ein Mensch wird, desto anfälliger er für Krankheiten ist. Vorerkrankungen sind ebenfalls nicht gerade hilfreich, denn sie schwächen das Immunsystem. Über eine reduzierte körpereigene Abwehr verfügen beispielsweise chronisch Kranke, Krebspatienten unter Chemotherapie oder Personen, die mit einem Spenderorgan leben und Immunsuppressiva nehmen müssen, um dessen Abstossung zu verhindern.

Prof. Dr. med. Sarah Tschudin Sutter

Prof. Dr. med.Sarah Tschudin Sutter ist Infektiologin am Unispital Basel.

Aber egal, ob kerngesund oder vorbelastet: Wer sein Erkrankungsrisiko möglichst klein halten möchte, ist gut beraten, alles für eine fitte «Körperpolizei» zu tun. Das dafür notwendige «Training» besteht aus folgenden Grundpfeilern:

Ausgewogene Ernährung

Damit alle Körperfunktionen optimal «laufen», braucht es ausreichende Mengen an Vitaminen und Mineralstoffen. Geliefert werden diese von Obst, Gemüse, Salat, Beeren, Pilzen, Nüssen, Samen, (See-)Fisch, Eiern, Hülsenfrüchten, Getreideprodukten und wenig Fleisch. Als regelrechte Kraftnahrung für das Immunsystem gelten überdies Ingwer, Knoblauch, Zwiebeln und Meerrettich. Ergänzt wird das Ganze durch ein bis zwei Liter Wasser oder ungesüssten Tee am Tag.

Ausreichend Bewegung

Ob Joggen, Wandern, Velofahren oder Spaziergänge, ist eigentlich egal. Hauptsache, man bewegt sich regelmässig an der frischen Luft. Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass 30 Minuten Bewegung am Tag oder 150 Minuten pro Woche jeden zwölften Todesfall verhindern.

Genügend Schlaf

Wer sich zu wenig Erholung gönnt und ein Bettschoner ist, schwächt seine Abwehrkräfte. Mindestens sechs bis sieben Stunden Schlaf pro Nacht sind daher ein absolutes Muss. Die optimale Schlafzimmer-Temperatur beträgt dabei 16 bis 18 Grad Celsius.

Stress vermeiden

Dauerstress greift neben den Nerven auch die Gesundheit und das Immunsystem an. Darum die Hetzerei vermeiden, am Wochenende Ruhepausen einlegen und regelmässig Ferien einplanen.

Feuchte Schleimhäute

Trockene Nasenschleimhäute bereiten Krankheitserregern den Weg. Eine gesunde Nasenschleimhaut dagegen kann Bakterien und Viren beseitigen. Es gilt daher, die Nasenschleimhaut feucht zu halten. Am einfachsten geht das mithilfe eines Meerwasser-Sprays. Eine andere Variante ist eine Raumluftfeuchtigkeit von 40 bis 60 Prozent.

Gurgeln

Die Virenlast im Rachen kann auch durch Gurgeln vermindert werden.

Warm-Kalt-Anwendungen

Thermalbäder mit anschliessender kalter Dusche oder Aufenthalt in kühler Luft, Kneippen, Saunieren oder das Baden in kühlen Gewässern powern das Immunsystem auf.

Optimismus

Wer das halb volle und nicht das halb leere Glas sieht sowie möglichst viel lacht, tut nicht nur seiner Seele Gutes, sondern auch seinem Körper. Eine optimistische Lebenseinstellung wirkt sich positiv auf die Organe, das Gehirn, die Stimmung, die Leistungsfähigkeit und auch auf die Abwehrkräfte aus.

Und ausserdem

Menschen, die aufs Rauchen verzichten, nicht übermässig Alkohol trinken und Übergewicht vermeiden oder reduzieren, helfen ihrem Organismus ebenfalls.

Wer all dies beherzigt, hat zwar keine Garantie, nicht krank zu werden, doch die Wahrscheinlichkeit ist deutlich geringer. «Gesund zu leben und zu essen ist immer sinnvoll», sagt Sarah Tschudin Sutter. «Allerdings dauert es eine gewisse Zeit, bis sich dies positiv aufs Immunsystem auswirkt.» In diesem Sinne: Bleiben Sie stark – und gesund!

Die Mitglieder des Immunsystems

Man kann sich das Immunsystem als Elitetruppe vorstellen, die dafür sorgt, dass wir gesund bleiben oder wieder gesund werden. Wir präsentieren ihre wichtigsten Mitglieder.

  • Das Killerkommando: Die Killerzellen patrouillieren durch den Körper, suchen nach kranken Zellen (z. B. virusinfizierte Zellen oder Krebszellen) und vernichten sie.
  • Die Abwehrtruppe: Die Granulozyten und Makrophagen – auch Fress- oder Killerzellen genannt – attackieren jeden Keim und machen ihn unschädlich.
  • Die Friedenstauben: Die regulatorischen T-Zellen hindern die anderen Immunzellen daran, gesunde Zellen anzugreifen.
  • Die Waffenmacher: Die B-Lymphozyten fabrizieren Antikörper, die gefährliche Eindringlinge wie Viren, Bakterien oder Pilze auflösen. B-Lymphozyten sind «intelligent» und erkennen Erreger, mit denen es der Körper schon einmal zu tun hatte.
  • Die Befehlshaber: Die T-Helferzellen dirigieren die Abwehr mittels Botenstoffen.