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Serie zum Kriegsende (4)

Vom Ende, das ein Anfang war

Über das Ende des Krieges, Tränen der Erleichterung und einen neuen Freund aus Pommerland. So erlebte ein Basler Bub den Zweiten Weltkrieg.

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04. Mai 2020
Der Krieg ist aus! Die grosse Erleichterung ist bei der Bevölkerung aber auch in den Zeitungen von damals zu spüren.

Der Krieg ist aus! Die grosse Erleichterung ist bei der Bevölkerung aber auch in den Zeitungen von damals zu spüren.

Ein Basler Bub erinnert sich

Werner Kopp

In unserer vierteiligen Serie zum Ende des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren berichtet der damalige Basler «Binggis» Werner Kopp von seinen frühesten Kindheitserinnerungen. Kopp ist heute 80 Jahre alt. Er arbeitete während 34 Jahren für die Versicherung Coop-Leben.

Es war Dienstag, der 8. Mai 1945, ein strahlend warmer Maitag, als das liebe Kindergartenfräulein vor unsere Klasse aus fünfjährigen Knirpsen trat und mit bewegter Stimme erklärte: «Kinder, etwas Wunderbares ist geschehen. Es ist Frieden; der Krieg ist Gott sei Dank vorbei.»

Das Fräulein versuchte, uns zu erklären, was Frieden bedeutet. Ein schwieriges Unterfangen bei Kindern, die den Krieg glücklicherweise nicht am eigenen Leib hatten erfahren müssen.

Zur Feier des Tages durften wir nach Hause gehen. Papa und Mama fand ich auf der schäbigen Terrasse unserer Mietwohnung in Basel. Sie umarmten sich und nahmen mich in ihre Mitte. «Denk dir, Bub, wir haben Frieden, der Krieg ist vorbei! Keine Angst mehr, kein Fliegeralarm mehr, wie damals in Romanshorn.»

Aus dem Radio ertönte laut die Stimme des Nachrichtensprechers, der alles noch und noch einmal verkündete. Was wusste ich schon von der «bedingungslosen Kapitulation Deutschlands in der Nacht vom 7. auf den 8. Mai»? Hauptsache war für mich, dass ich meine Eltern wieder einmal glücklich und strahlend beisammen sah. Selbst mein kleiner Bruder im Kinderwagen strampelte freudig, irgendwie angesteckt vom Glück der Familie.

Gegen ein Uhr nachmittags ertönten die Glocken von der nahegelegenen Pauluskirche. Ich wunderte mich darüber. «Weisst du, es läuten nun viele Glocken im ganzen Land den Frieden ein», erklärten meine Eltern und Tränen rollten über ihre Wangen: Tränen der Erleichterung und der Freude.

Der Frieden ist da! Für mich als kleines Kind war das gar nicht richtig fassbar. Ich stand da, etwas ratlos, fast ein bisschen verlegen. Was wusste ich damals schon vom millionenfachen Elend und Leid der Menschen in aller Welt? Meine Gedanken drehten sich um Leichteres: Ob ich wohl bald wieder spielen darf mit der Kiste voll mit Löschsand im Hausflur? Oder ob es wieder einmal ein Zuckerbonbon gibt mit den wenigen Rationierungs-Märkli für Zuckerwaren? Kindersorgen eben, naiv und unberührt vom kurz zuvor noch uferlos erschienenen Sorgenmeer jener Zeit.

Auch in unserem kriegsverschonten Land vergingen Monate und Jahre, bis der Alltag wieder eingekehrt war.

Ein Jahr nach Kriegsende lernte ich – in den Ferien zu Besuch bei meiner Tante im thurgauischen Romanshorn – Jannek kennen. Er kam mit dem Zug am Bahnhof an, mit mehreren Hundert anderen Kindern, die das Schweizerische Rote Kreuz in unser Land zur Erholung brachte. Jannek trug eine Karton-Etikette um den Hals, mit Name und Adresse meiner Tante. Sie war, wie Tausende andere Schweizer Familien, bereit, für drei Monate ein «Kriegskind» aufzunehmen, wie das damals hiess.

Jannek war acht Jahre alt, ich erst sechs. Doch wir verstanden uns sofort. Er sei kein Deutscher, sondern Pole aus Pommern, sagte er. «Maikäfer flieg, der Vater ist im Krieg. Die Mutter ist im Pommerland. Pommerland ist abgebrannt. Maikäfer flieg.» Er sprach nie von seinen Eltern. Aber meine Tante wusste von ihrem Tod.

Jannek war, wie sich bald zeigte, ein richtiger Lausbub. Eines Tages hatte er eine Zigarette samt Zündhölzern dabei. Woher? Ich wollte es gar nicht wissen. Er schnitt die Zigarette in zwei Teile und fing genüsslich an zu rauchen. Ich versuchte es ebenfalls. «Du musst ziehen, nicht blasen!», schrie mein Instruktor – und ich hustete mir die Seele aus dem Leib.

Ein andermal fanden wir auf einer Mauer einen gebrauchten, völlig ausgetrockneten Kaugummi. Jannek löste ihn mit seinem Sackmesser und schnitt ihn in zwei Teile. Einträchtig kauten wir die «Occasion» und fanden es lässig.

Überhaupt war Jannek verrückt nach Süssigkeiten. Doch diese waren noch rationiert. Mein Freund fand den Schlüssel zur Vorratskammer der Tante. Dort entdeckten wir einen Papiersack mit bernsteinfarbenem Kandiszucker und «bedienten» uns grosszügig. Der Verdacht meiner Tante fiel nie auf uns – aber auf Grossmutter, denn auch sie mochte Süsses.

Ja, so war er, der Jannek. Nach drei Wochen musste ich wieder nach Hause, nach Basel. Und ich hörte nie mehr etwas von ihm. Vielleicht darum sind wir ein Leben lang beste Freunde geblieben.

Der Zweite Weltkrieg

2076 Tage des Grauens

Alliierte vs. Achsenmächte
Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939 mit dem Überfall Hitler-Deutschlands auf Polen und endete am 8. Mai 1945 mit der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Streitkräfte. Grob zusammengefasst war es ein weltumspannender Krieg der Achsenmächte Deutschland, Italien und Japan gegen die Alliierten mit den Westmächten und der Sowjetunion. 2076 Tage unermesslicher Leiden und unfassbarer Grausamkeiten. 60 Länder waren am Krieg direkt oder indirekt beteiligt, 110 Mio. Menschen standen unter Waffen, 60 Mio. starben. 84 Schweizer verloren ihr Leben bei Bombardements der Alliierten, mindestens 200 wurden in den Nazi-Konzentrationslagern ermordet.