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Auf den Spuren der Schleuser

Der Risoud-Wald im Jura ist die grösste Waldkette Europas. Durch ihn schlängeln sich unzählige Wege. Früher benützten sie die Fluchthelfer, heute die Wanderer.

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Andrea Meier
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Andrea Meier
28. September 2020

STECKBRIEF

Rundwanderung Le Brassus

An-/Abreise: Mit Zug und Bus nach Le Brassus oder, etwas kürzer, bis Le Brassus, La Combe.

Schwierigkeit: mittel
Technik: 1 von 5
Kondition: 4 von 5
Strecke: 20 km
Dauer: 5 Std. 10 Min.
Aufstieg: 500 m
Abstieg: 500 m

Die Gegend ist lieblich. Sanfte Hügel ziehen sich vom Vallée de Joux hinauf auf die Krete, die die Schweiz von Frankreich trennt. Hier wandert es sich gemütlich. Ja, man kann wirklich den Begriff gemütlich verwenden. Es ist nicht flach, aber es sind nie viele Höhenmeter, die wir, Filmemacherin Andrea Meier (50) und ich, bewältigen müssen. Oberhalb von Le Brassus VD gestartet, kommen bis am Abend wohl rund 500 Höhenmeter zusammen; ein gemächliches Auf und Ab.

«Als Fred auf diesen Wegen wanderte, wars natürlich kein Wandern. Er durchstreifte den Risoud-Wald unter Lebensgefahr», erzählt Aurélie Kleiner (30), Mitarbeiterin im Tourismusbüro des Vallée de Joux. Fred, mit vollem Namen Frédéric Reymond (1907–1999), war Nachrichtenoffizier und Fluchthelfer während des Zweiten Weltkriegs. Er half mit, Menschen über die Grenze zu schleusen, die fliehen mussten, um der Deportation zu entkommen – vor allem Mitglieder des französischen Widerstands und Juden. Und Fred war Aurélies Urgrossvater.

Flüchtlingshelfer im Krieg

Die Grenze war hier ziemlich durchlässig, da schwierig zu überwachen. Tatsächlich handelt es sich um eine einfache Trockensteinmauer, die sich durch den Wald schlängelt. Die Schmuggler des Risoud-Waldes, eine enge Gruppe von Freunden, die sich aus Schweizern und Franzosen zusammensetzte, waren für den Nachrichtendienst der Schweizer Armee tätig, manche für die Résistance, einige für beide. Zur Deckung waren sie aber auch Schmuggler, während sie den Flüchtlingen über die Grenze halfen. Eine Tätigkeit, die Fred viele Jahre später die Anerkennung durch die jüdische Organisation Yad Vashem einbrachte. Sie belastete ihn aber bis ins hohe Alter, denn der Ruf des Schmugglers blieb an ihm haften. Die Menschen glaubten, dass er und die anderen Fluchthelfer an den Opfern des Krieges verdienten, erklärt Aurélie.

Zum Wandern ist der Risoud-Wald einfach, sich zu orientieren dagegen schwierig. Gutes Kartenmaterial ist sehr zu empfehlen, denn oft ist man auf dem richtigen Weg, obschon er anfänglich in die falsche Himmelsrichtung führt. Und umgekehrt: Wer nach Gefühl und Himmelsrichtung wandert, kann hier ganz schön auf Abwege kommen.

Gefährlicher Fluchtweg

Unsere Route startet bei der Bushaltestelle Le Brassus, La Combe und geht zuerst hinauf bis zum Grat, dem sie dann folgt. Technisch ist sie einfach. Steiler ist der Aufstieg auf der französischen Seite. Auf einem der Fluchtwege, an der Gy de l’Echelle, muss man ein senkrechtes Felsband überwinden. «Heute geht es ohne Seile und andere Kletterhilfen nicht mehr», erklärt Aurélie Kleiner, denn seit dem Krieg sind Teile vom Fels abgebrochen. Die Vereinigung «Les Passeurs de Mémoire», der Aurélie angehört, organisiert regelmässig Gedenkwanderungen zwischen den Dörfern in Frankreich und dem Vallée de Joux. Vor 80 Jahren, als ihr Urgrossvater und seine französischen Freunde Menschen über die Grenze schmuggelten, waren die steilen Wege noch begehbar. «Die Kinder mussten allerdings getragen werden, und die Ausrüstung war nicht vergleichbar mit der heutigen.»

Aurélie Kleiner mit den Ausweisen ihres Urgrossvaters: Sein Schweizer Pass und der Passierschein für Frankreich.

Aurélies Urgrossvater, Fred Reymond, in einer Aufnahme aus dem Jahr 1938.

Aurélie führt uns zur Gy de l’Echelle. Der steile Aufstieg direkt am Felsen war einer der zwei Hauptwege der Fluchthelfer. «Es musste eine Passage sein, die die deutschen Soldaten nicht kannten und in die sie sich nicht vorwagten», erzählt Freds Urenkelin. Wie vielen Menschen ihr Urgrossvater über die Grenze geholfen hat, weiss sie nicht, das wusste er vermutlich auch selber nicht. «Buch geführt hat natürlich keiner der Schleuser», erzählt Aurélie, und in der Regel wussten sie nicht, wen sie über die Grenze brachten. «Je weniger sie wussten, desto besser war es für sie.» Man weiss heute auch nicht, wie viele Fluchthelfer es gab, denn nicht alle haben sich wie Fred zu erkennen gegeben.

Geschichtsträchtige Wanderung

Nach knapp drei Stunden stehen wir am Roche Champion. Auf der Lichtung direkt über dem Felsband geniesst man einen prächtigen Weitblick in den französischen Jura. Es ist Zeit, etwas zu essen und eine weitere Geschichte über Aurélies Urgrossvater zu erfahren. Der war eines Abends auf der französischen Seite der Grenze – strengstens verboten! – auf eine deutsche Patrouille getroffen. Die rempelte ihn an, was er hier suche.

Fred blieb gelassen und fragte die deutschen Soldaten, was sie auf Schweizer Boden verloren hätten. Die waren so baff, dass sie glaubten, sich verlaufen zu haben. Fred mimte den netten Ortskundigen und anerbot sich, sie wieder auf die französische Seite der Grenze zu führen. Er lotste sie auf verworrenen Wegen durch das Unterholz, bis sie auf einen Grenzstein stiessen, an dem er ihnen zeigen konnte, wo die Schweiz und wo Frankreich sei. Tatsächlich waren sie immer auf französischem Gebiet gewesen.

Vom Roche Champion folgt der Weg ein Stück weit der alten Trockenmauer, die die Grenze markiert. Hatten die Flüchtlinge diese erreicht, war der topografisch gefährliche Teil der Flucht geschafft. Heute sind nur noch Reste der Mauer zu sehen. Die Route folgt nun Forstwegen. Beim Refuge Rendez-Vous des Sages, einer der zahlreichen Schutzhütten der früheren Waldarbeiter, verlassen wir den Höhenweg und wandern talwärts Richtung Le Brassus. In etwas mehr als einer halben Stunde strammen Marsches erreichen wir wieder den Ausgangspunkt der Wanderung. 

Die Rundwanderung kann man auch am Bahnhof von Le Brassus starten. Es kommen dann vier Kilometer und eine Stunde Wanderzeit dazu. Die Rundwanderung dauert so über sechs Stunden.