Wenn Schmatzen zur Folter wird | Coopzeitung
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Reportage

Wenn Schmatzen zur Folter wird

Ein Rüebli knackt im Mund des Bürokollegen und das Gelöffel im Joghurtbecher nimmt kein Ende. Was viele einfach als störend empfinden, bedeutet für Misophoniker eine Qual.

29. Mai 2020

Die Holzstufen ächzen unter Commissario Morettis Gewicht, und während aus dem Keller unter ihm modriger Geruch aufsteigt, flackert die Glühbirne über ihm gefährlich. Ein Rascheln in seinem Rücken lässt ihn erschaudern – dann krachts. Nein, es ist nicht die Türe, die da im Psychothriller am TV zuschlägt und für Entsetzen sorgt, sondern meine Frau, die genüsslich in ihr Eis mit Schokoladenmantel beisst. Ein Geräusch, das bei mir für Gänsehaut sorgt. Und so verkommt die Fortsetzung des Films für mich zur Tortur – so lange, bis meine Liebste ihr süsses Dessert verspeist hat. Kennen Sie dieses Gefühl? Dann leiden Sie eventuell auch an «Misophonie». Zusammengesetzt aus den griechischen Worten «Miso» (Hass) und «Phonia» (Ton), bedeutet «Misophonie» wörtlich «Hass auf Geräusche».

Ablehnung und Ekel

Lutz Jäncke (62), Professor und Leiter des Neuropsychologischen Instituts an der Universität Zürich, klärt auf: «Misophonie ist eine verminderte Toleranz gegenüber ganz bestimmten Geräuschen, wobei deren Lautstärke irrelevant ist.» Dabei reagieren Menschen mit Misophonie oft mit grosser Ablehnung und gar Ekel, wenn sie speziellen akustischen Reizen ausgesetzt sind. Typische Beispiele hierfür sind Schmatzen, Kauen und Schluckgeräusche oder auch lautes Tippen. Sprichwörtlich auf den Punkt gebracht also: «C’est le ton, qui fait la musique»!

Noch ist nicht gänzlich bekannt, worin die Ursachen für diese Unverträglichkeit liegen. «Eine prominente Theorie geht davon aus, dass die Betroffenen Geräusche unbewusst mit negativen oder traumatischen Ereignissen koppeln», sagt Jäncke.

Tatort Familienesstisch

Für Hypnosetherapeutin Martina Kammerer (57), selbst Misophonikerin und auf Misophonie-Therapie spezialisiert, ist klar: «Bei ausnahmslos jedem meiner Patienten begann die Misophonie in der Kindheit am Esstisch. Man ist eng beieinander, es wird gesprochen und gestritten.» Herrscht am Familientisch schlechte Stimmung, würden Kinder mit späterer misophonischer Belastung ihr Unterbewusstsein auf ein Geräusch fokussieren, das gerade im Vordergrund steht. «Zum Beispiel das Schmatzen des Vaters», erklärt Kammerer. Damit lenkt sich das Kind ab. Mit der Zeit entsteht durch diese Vorgehensweise ein Muster, dessen sich das Kind immer wieder bedient – ein sogenannter Trigger. Dieser sorgt zwar kurzzeitig für Erleichterung, bringt die schlechten Gefühle, die mit dem Geräusch verbunden sind, danach aber immer wieder zum Vorschein.

«Bei ausnahmslos jedem meiner Patienten begann die Misophonie in der Kindheit am Esstisch.»

Martina Kammerer

Oft werden Misophoniker als überempfindlich abgestempelt. Doch während sich Nicht-Misophoniker höchstens zwei bis drei Sekunden über ein Geräusch ärgern, kann die Belastung bei Betroffenen über mehrere Stunden andauern. «Sie beginnt nicht erst, wenn das Geräusch stattfindet, sondern häufig schon viel früher», weiss Kammerer. «Der Misophoniker kennt seine Trigger, die Personen und Situationen, die diese auslösen, und ist deshalb schon auf die Belastung fokussiert.» Herzrasen, Wut oder Schwindel entstehen dadurch oft schon bis zu 30 Minuten vor dem effektiven Geräusch. Viele Misophoniker wenden daher Vermeidungsstrategien an, um den Fokus zu verändern. So läuft beim gemeinsamen Essen das Radio oder der Dampfabzug auf Vollgas.

Martina Kammerer findet diese Lösung nicht optimal. «Vermeidungsverhalten sorgt für kurzzeitige Erleichterung während des Triggers, aber nicht für eine dauerhafte Verbesserung.» Im Gegenteil führe dies zu einer Spirale, in der mehr und mehr Trigger zusammenkommen, auch ausserhalb des familiären Umfeldes. In ihrer Hypnose-Praxis in Gams SG deckt sie daher bei ihren Patienten die Ursachen für deren Misophonie auf und hilft ihnen Entspannungsmethoden wie PMR (progressive Muskelrelaxation) zu erlernen.

Währenddessen neigt sich der Thriller mit Commissario Moretti dem Ende zu und meine Frau sagt freudestrahlend: «Jetzt gönne ich mir nochmals ein Eis.» Ich dagegen schnappe mir ein Buch und verziehe mich ins Schlafzimmer.