24 HisTörchen rund um den Advent | Coopzeitung
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24 HisTörchen rund um den Advent

Was haben unsere Weihnachtsguetzli mit Hostien zu tun? Wieso gäbe es das Christkind nicht ohne Martin Luther? Und woherstammt der Weihnachtsbaum? Türchen auf für 24 überraschende Tatsachen!

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Illustrationen Phil Yehteh
26. November 2021

1 Advent, Advent, das Lichtlein brennt 

Nur, warum brennt an jedem Adventsonntag eine neue Kerze? Weil sie Symbol für die Vorbereitung der Christen auf die Ankunft des «gött-lichen Lichtes» sei, wie ein Theologe es formulieren würde. Eingeführt wurden die Adventsonntage als christliche Feiertage im Jahr 826 an einer Kirchenversammlung in Aachen (D). Erst 13 Jahre zuvor war an der Synode von Mainz (D) die Christgeburtsfeier zum allgemeinen kirchlichen Feiertag erklärt worden. 

2 Deutsche Idee: Der Adventskranz

Den Adventskranz sah man erstmals Anfang des 19. Jahrhunderts in Norddeutschland. Johann Hinrich Wichern (1808–1881), Gründer der Inneren Mission in Hamburg, führte das Kinderheim Rauhe Haus und liess dort während der Adventsandacht täglich auf einem Kronleuchter ein neues Licht anstecken. Später zierte im Advent jeweils ein Tannenkranz das Waisenhaus. Der Kirchenhisto-riker Oscar Cullmann (1902–1999) fand jedoch heraus, dass die frühen Christen bereits im 4. Jahrhundert am 6. Januar, dem Feiertag der Epiphanie oder Dreikönigstag, Kränze in den Häusern aufhängten.

3 Bonus vom Santichlaus

Noch um 1800 war es in der Schweiz häufig der St. Nikolaus, der die Geschenke brachte. Die Empfänger waren Kinder, aber auch das Gesinde, also die Angestellten auf Höfen oder in Handwerksbetrieben. Viele Gesindeordnungen schrieben vor, was zu Weihnachten vom Arbeitgeber zu verschenken war: ein Taler für den Weihnachtsmarkt, ein Paar Schuhe, Hemd und Hose oder Kleiderstoff und eine Schürze. Diese Gaben stellten einen festen Teil des Lohnes dar, vergleichbar mit dem 13. Monatslohn oder dem Weihnachtsgeld von heute.

4 Schmutzli mit der Rute

Die Figur des Schmutzli (beziehungsweise Knecht Ruprecht in Deutschland oder Krampus in Österreich) stammt aus dem Alpenvorland und erinnert an den Teufel, aber auch an heidnische Dämonen. ­«Ruprecht» kommt wohl von «rauem Percht». Perchten sind dunkle ­Gestalten, die in Raunächten, also ­zwischen 25. Dezember und 6. Januar, maskiert und krakeelend umherziehen, um dem Winter den Garaus zu machen. 

5  St. Nikolaus und die gepökelten Schüler

Die Figur des St. Nikolaus wird meistens auf den historisch verbrieften Bischof Nikolaus von Myra (heute in der Türkei) zurückgeführt. Er lebte im 4. Jahrhundert in Kleinasien und soll drei Töchter eines verarmten Edelmannes auf wundersame Weise für ihre Heirat ausgestattet und vor der Prostitution gerettet haben. Zudem verteilte er sein Erbe. Um St. Nikolaus ranken sich aber weitere Legenden. So soll er drei Religionsschüler, die von einem Metzger getötet und gepökelt worden waren, wieder zum Leben erweckt haben.

6 Von wem kommt das Päckchen?

Wer bringt den Kindern die Geschenke: das Christkind oder der Weihnachtsmann?   Sowohl als auch. Bis weit ins 20. Jahrhundert zog sich die Grenze zwischen Christkind- und Weihnachtsmann-Regionen im deutschsprachigen Raum etwa in einer Linie von Ostfriesland zum Bayerischen Wald: Nördlich kam der Weihnachtsmann, südlich das Christkind. Noch hundert Jahre zuvor war es genau umgekehrt gewesen.

7 Santa Lucias böse Schwester

Die Lichtgestalt der heiligen Lucia (um 281–310) stammt aus Syrakus auf Sizilien, eroberte jedoch mit ihrer Geschichte als Märtyrerin auch das (protestantische) Skandinavien. In Schweden ist Santa Lucia ein grosses Kinder- und Familienfest. Ihr Namenstag am 13. Dezember ist gemäss dem julianischen Kalender der kürzeste Tag des Jahres. In dieser Nacht spuken vielerorts traditionell böse Gestalten herum. Und so kam Santa Lucia im Bayerischen Wald zu einer bösen Schwester, der «schiachen Luz», die laut Legende ungezogene Kinder in der Nacht erschreckt.

8 Christen feiern mit den Heiden

Der 25. Dezember als Christi Geburtstag wurde erst im 4. Jahrhundert zum Thema, als die Kirchenführer realisierten, dass ihre Schäfchen am 25. gerne an den heidnischen Feiern zur Wintersonnenwende teilnahmen. Kirchenvater Augustinus (354–430) legte deshalb fest: «Wir sollen also, Brüder, diesen Tag feierlich begehen, nicht    wie die Ungläubigen um dieser Sonne willen, sondern um dessentwillen, der die Sonne    geschaffen hat.» So wie sie die Götter der Heiden in Heilige    ummünzten, so werteten die Christen auch die Feste der    Ungläubigen in eigene religiöse Feiern um.  

9 Kein Christkind ohne Luther

Das Christkind haben wir dem Reformator Martin Luther (1483–1546) zu verdanken. Er verachtete den Weihnachtsmann als heidnische Figur und versuchte stattdessen, den «Heiligen Christ» einzuführen. Diese blutleere Formulierung wurde dann von kinderfreundlichen Nachfolgern zur «Christkind»-Figur aufgepeppt.

10 Tag der Sonne

Julius Cäsar (100–44 v. Chr.) erklärte mit der Einführung seines Kalenders den 25. Dezember zum Tag der Wintersonnenwende. An diesem Tag wurde   in der Folge der Sonnengott   Sol Invictus («Unbezwingbare Sonne») von dessen zahlreichen Anhängern gefeiert. Die Festivitäten sollten ihm helfen, seinen Sonnenwagen über die Sonnenwende hinüberzubringen. Der Dezember war im alten Rom ein eigentlicher Festmonat: Begangen wurden dann die ausschweifenden, «Saturnalien» genannten Erntedankfeste. 

11 Herr Winter, der Weihnachtsmann

Der Weihnachtsmann ist nicht – wie heute viele glauben – die   Erfindung eines bekannten Getränkeherstellers aus den USA. Dieser machte den Weihnachtsmann in der Nachkriegszeit   lediglich in der ganzen Welt populär. Tatsächlich wurde der erste «Weihnachtsmann» in München (D) kreiert. In einem Bilderbogen des deutschen Malers Moritz von Schwind (1804–1871) von 1847 ist ein alter, bärtiger Mann in Bärenfellstiefeln und mit Zipfelmütze zu sehen, der einen kleinen Tannenbaum trägt. Die Zeichnungen illustrierten den Gedichtzyklus «Der Winter» des österreichischen Revolutionärs Hermann Rollett (1819–1904). Der Winter symbolisiert hier die reaktionären Gegner der Demokraten. Die Figur wurde dennoch populär und verbreitete sich rasch. Er erschien als freundlicher, alter Mann und gewann die Herzen bald als Geschenkelieferant am Weihnachtstag.

12 Frostiger Genosse

In der Sowjetunion blieb der Tannenbaum unter den Kommunisten verfemt, er galt als Zeichen von Religiosität und bürgerlicher Dekadenz. Als Konkurrenz zum westlich-kapitalistischen Weihnachtsmann wurde in den 1930er-Jahren deshalb mit Erfolg «Ded Moroz» («Väterchen Frost») eingeführt.

13 Der Sonnenkranz der Heiligen

Der Heiligenkranz, der ab dem 2. Jahrhundert um Jesu Kopf abgebildet wurde, hat seine Wurzeln ebenfalls in den Sonnenkulten Vorderasiens. Der Heiligenschein (lateinisch: «nimbus») symbolisiert das Licht der Sonne und damit die Erleuchtung, Heiligkeit und Göttlichkeit der Abgebildeten.

14 Wann wurde Jesus geboren?

Wohl eher nicht am 25. Dezember. Die frühen Christen und Kirchenfürsten wussten, dass in Judäa im Dezember draussen keine Schäfer mehr anzutreffen waren, und schätzten den Geburtstag Jesu eher auf den Frühling ein. Bis ins 4. Jahrhundert hatte sein Geburtstag selbst unter Christen wenig Bedeutung, noch viele Jahrhunderte lang blieb er zweitrangig hinter Karfreitag und Ostersonntag. Einst wurde in der christlichen Kirche gar argumentiert, dass nur Heiden die Geburtstage ihrer Götter feiern. Auch stritten die frühen Christen, ob man die Geburt oder doch eher die Taufe Jesu am 6., 13. oder 15. Januar (je nach Konfession) feiern sollte.

15 Feiern in der guten Stube

Weihnachten war vor der Reformation ein öffentliches Fest, das gemeinsam in der Kirche gefeiert wurde. Zu Hause gab es, wenn es hochkam, ein besonderes Mahl für die Familie und etwas Zusatzfutter für die Tiere. Die Reformation stärkte das Beten im eigenen Heim, und so gelangte die Weihnachtsfeier – zunächst in reicheren Familien – über Haus-Andachten mit Gesängen am heimischen Altar schliesslich in die bürgerliche Stube.

16 Guetzli!

Die Tanne betritt die weihnächtliche Bühne in der Rolle als Baum der Erkenntnis (siehe auch Fenster 21). In den Kirchen wurden nämlich an Weihnachten gerne biblische Geschichten aufgeführt – angefangen bei Adam und Eva. An die Bäume hängte man geweihte Hostien. In der Bürgerstube wurden die Hostien dann zu Guetzli. Selbstverständlich liess man es sich nicht nehmen, das süsse Gebäck vom Baum weg zu verspeisen.

17 Der Baum und der Rhein

Der bürgerliche Weihnachtsbaum ist keine Erfindung des viktorianischen Englands, wie manche meinen, vielmehr stammt er aus der Region Oberrhein. So wird aus dem Elsass und Basel schon im 16. Jahrhundert von Tannenbäumen berichtet, an denen kleine Gaben wie Nüsse, Äpfel und Käse hingen. Im elsässischen Ammerschwihr wurde 1561 bestimmt, dass jeder Bürger nur Anrecht auf einen Baum – von einer bestimmten Grösse – hat.

18 Die Tanne erobert die Welt

Die nächsten Etappen, die der Weihnachtsbaum auf seinem Eroberungszug durch die Welt einschlug, führten ihn 1837 zu den Tuilerien in Paris (F), importiert durch die deutschgebürtige ­Herzogin Helene von Orléans   (1814–1858). Nach England brachte ihn offenbar Albert (1819–1861), der deutsche Gatte von Queen Victoria (1837–1901). Das Paar liess einen 13 Meter hohen Baum mit Geschenken für 10 000 Pfund aufstellen.

19 Beliebter Fettvorrat

Das Essen an Weihnachten hatte – in guten Zeiten – auch für die ärmeren Schichten grosse Bedeutung. Arbeitgeber schenkten häufig Esswaren, und mit den geschenkten Speisen schlugen sich die Angestellten den Bauch voll, um sich einen kleinen Fettvorrat anzulegen. Die Gaben besserten wohl auch das Gewissen der Patrons, wenn sie am Familientisch den Gänsebraten anschnitten, wie er etwa in Norddeutschland traditionellerweise auf den Tisch kam – 1928 etwa verbrauchte alleine die Stadt Berlin eine Million Gänse an Weihnachten. In England und den USA ist es bis heute der Truthahn. 

20 Lämpli und Liechtli

Mit der Kaperung des Weihnachtsfestes durch die bürgerliche Familie entstand auch ein Wettrüsten um die höchsten und schönsten Bäume. Glasfiguren zum Aufhängen und erste Kerzen kamen bereits im 18. Jahrhundert auf, ein Leuchterbaum an Weihnachten ist in Zürich für das Jahr 1775 verbürgt.   Der Kerzenglanz am Weihnachtsbaum verbreitete sich aber erst nach der Erfindung der Stearinkerzen 1818 und der Paraffinkerzen um 1830. Lametta wurde erstmals um 1800 in Bayern gefertigt, Klemmlichthalter in den 1870er­Jahren.20  

21 Der Christbaum und die Sünde

In mittelalterlichen Mysterienspielen übernahmen in der Adventszeit Tannen die Rolle des Apfelbaumes, von dessen Früchten Eva einst genascht hatte. Die Mysterienspiele gingen, die Tanne hingegen blieb – inklusive aufgehängter Äpfel. Der erste Baumschmuck in Bürgerstuben   waren häufig hölzerne oder gläserne Äpfel.

22 «Stille Nacht» statt derbe Lieder

Das bekannteste Weihnachtslied «Stille Nacht» wurde 1816 vom Salzburger Joseph Mohr (1792–1848) nicht zuletzt geschrieben, um damals übliche Mundartlieder der derben Art zu bekämpfen. Und es gelang. «Stille Nacht», dessen Noten der Österreicher Franz Xaver Gruber (1787–1863) komponierte, verbreitete sich schnell dank eines Geschwisterchörleins. Dieses handelte hauptsächlich mit Handschuhen und zog so von Messe zu Messe. Heute wird «Stille Nacht» weltweit in über 300 Sprachen und Dialekten gesungen.

23 Der unheilige Berchtold

Der Berchtelitag am 2. Januar ist nicht der Tag des Heiligen Berchtold, wie oft gesagt wird. Diesen Heiligen gibt es nämlich nicht. Spekuliert wird über eine Beziehung zu den «Perchten» (siehe Törchen 4) oder aber über einen Zusammenhang mit dem mittelhochdeutschen Word «berht», das «hell», «leuchtend» bedeutet – und aus der gleichen Sprachwurzel stammt wie das englische «bright» (hell). Dies wiederum könnte eine Übertragung des griechischen Wortes «Epiphanie» darstellen. Es steht für den Dreikönigstag am 6. Januar und bedeutet «Erscheinung», «Sichtbarwerdung» (von Gott).

24 Weihnachten im Januar

Bis heute feiern die orthodoxen Kirchen Russlands, Serbiens, Bulgariens, Geor­giens, aber auch die koptische Kirche in Ägypten Jesu Geburtstag und damit Weihnachten am 6. Januar. Die armenisch-orthodoxe Glaubensgemeinschaft wartet sogar bis zum 18./19. Januar.

Quellen: Ingeborg Weber-Kellermann, «Das Weihnachtsfest. Eine Kultur- und Sozialgeschichte der Weihnachtszeit». Oscar Cullmann, «Die Entstehung des Weihnachtsfestes».