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Titelgeschichte

50 Jahre? – Stimmt!

Vor 50 Jahren, am 7. Februar 1971, gestanden die gestandenen Schweizer Männer ihren Frauen das Stimm- und Wahlrecht auf eidgenössischer Ebene zu. Endlich. Die Fakten.

FOTOS
Keystone, Plakatsammlung Museum für Gestaltung Zürich, ZHDK, zvg
18. Januar 2021
 Tausende protestieren am 1.März 1969 in Bern auf dem Bundesplatz– nicht nur Frauen.

 Tausende protestieren am 1.März 1969 in Bern auf dem Bundesplatz– nicht nur Frauen.

Stellen wir uns eine Europa-Karte vor, darauf dargestellt die politischen Rechte der Frauen: 1971 ist dies eine homogene Fläche, und in der Mitte klafft ein Loch. In ganz Europa dürfen die Frauen wählen und sich wählen lassen – ausser in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein. Und im Vatikan natürlich, aber da gibt es eh nur eine Wahl, und die auch noch ausgesprochen selten: die Wahl des Papstes. Und da ist die Rolle der Frauen eher marginal – und wird es wohl auch noch ein Weilchen bleiben.

Im Februar 1971 schrumpft das Loch in der Mitte der Karte zu einem Löchli: Die Schweizer Männer stimmen mit 66 Prozent Ja-Stimmen einer Verfassungsänderung zu, der zufolge Frauen die gleichen politischen Rechte haben sollen wie sie selber. Von nun an dürfen die Frauen – endlich! – auch in der demokratischsten aller Demokratien zur Urne schreiten – zumindest in eidgenössischen Angelegenheiten. Gegen das Frauenstimmrecht votieren nur die Inner- und Ostschweizer Kantone Obwalden, Uri, Schwyz, Glarus, St.Gallen, Appenzell-Innerrhoden und -Ausserrhoden sowie Thurgau.

Bei der ersten Abstimmung über das Frauenstimmrecht zwölf Jahre zuvor lautete das Resultat noch umgekehrt: ein Drittel dafür, zwei Drittel dagegen. Nur die Kantone Genf, Waadt und Neuenburg stimmten zu. Den höchsten Anteil an Nein-Stimmen gabs in Appenzell-Innerrhoden, wo nur einer von zwanzig Männern die Frauen mitbestimmen lassen wollte.

1984 klappt es dann übrigens auch im Fürstentum, und das zweitletzte Löchli verschwindet: 2370 Ja-, 2251 Nein-Stimmen. Bemerkenswert: Schon 1968 durften die Liechtensteiner Frauen an einer Konsultativabstimmung über das Frauenstimmrecht teilnehmen. Besonders scharf scheinen sie auf ihre politischen Rechte nicht gewesen zu sein: Nur 50,5 Prozent stimmten dafür. 

Marsch nach Bern

Am 1.März 1969 findet der Marsch nach Bern statt. Angeführt von Emilie Lieberherr (1924–2011), erste Stadträtin der Stadt Zürich (1970–1994) und Ständerätin des Kantons Zürich (1978–1983), demonstrieren 5000 Frauen und Männer für das Frauenstimmrecht und verhelfen diesem damit wohl zum Durchbruch.

Abstimmungsverhalten

Frauen und Männer stimmen nicht gleich ab. Am häufigsten sind sie sich bei gesellschafts- und sozialpolitischen Vorlagen uneinig. Neben der Sensibilität für Benachteiligte, so das Forschungsinstitut «gfs.bern», setzen sich Frauen eher für den Service public ein, gewichten wirtschaftspolitische Argumente weniger hoch und schützen die Umwelt nachhaltiger als Männer. Die grössten Unterschiede im Abstimmungsverhalten zeigen sich 1994 bei der Rassismus-Strafnorm (64 Prozent der Frauen sind dafür, aber nur 47 Prozent der Männer), 1985 beim Ehe- und Erbrecht (61 Prozent gegenüber 48 Prozent) und 1995 bei der Lockerung der Lex Friedrich (41 Prozent gegenüber 53 Prozent). Letztmals eine Vorlage kippen die Frauen 2014, als sie den Gripen-Kauf zum Absturz bringen (58 Prozent Nein-Stimmen der Frauen gegenüber 47 Prozent bei den Männern).

 Plakat gegen das Frauenstimmrecht aus dem Jahr 1946 von Donald Brun (1909–1999).

Ohne politische Rechte

Als sie sich 1883 an der Uni Zürich einschreibt, ist Emilie Kempin-Spyri (1853–1901) die erste Schweizerin an einer juristischen Fakultät. Vier Jahre später promoviert sie. Sie ist auch die erste Doktorin der Rechte in Europa. Doch als Frau hat sie in der Schweiz keine politischen Rechte und darf deshalb nicht als Anwältin praktizieren. Obwohl der Universitätssenat ihr Gesuch um Habilitation an die Universität Zürich ablehnt, erhält die Nichte von «Heidi»-Autorin Johanna Spyri (1827–1901) vom Erziehungsdepartement 1891 die Lehrerlaubnis – im Sinne einer Ausnahmebewilligung.

Renitente Walliser

1957 gesteht Unterbäch VS als erste Gemeinde der Schweiz seinen Frauen das kommunale Wahl- und Stimmrecht zu – trotz Verbot durch den Walliser Regierungsrat. Renitent verhält sich das Dorf im gleichen Jahr auch beim eidgenössischen Urnengang über die Einführung der Zivilschutzpflicht für alle Schweizer Frauen: Der Gemeinderat lässt die Frauen auch hier abstimmen; immerhin werden die Frauenstimmen in einer separaten Urne gesammelt und später annulliert, um die Abstimmung nicht ungültig zu machen.

Das 150. Mal

Am 7.März 2021 feiert das Frauenstimmrecht ein Jubiläum: Es ist das 150. Mal, dass die Schweizer Stimmberechtigten seit dessen Einführung für eidgenössische Abstimmungen an die Urne gerufen werden (Wahlen nicht mitgezählt). Dabei stehen das Verhüllungsverbot, die elektronischen Identifikationsdienste sowie das umfassende Wirtschaftspartnerschaftsabkommen zwischen den EFTA-Staaten und Indonesien zur Debatte.

Die ersten Wahlen

 Die Nationalrätinnen der Legislatur 1971–1975, stehend (v.l.): Elisabeth Blunschy, Hedi Lang, Hanny Thalmann, Helen Meyer, Lilian Uchtenhagen, Josi Meier, Hanna Sahlfeld; sitzend: Tilo Frey, Gabrielle Nanchen, Liselotte Spreng, Martha Rib, Nelly Wicky.

Im Oktober 1971, bei den ersten eidgenössischen Wahlen mit Frauenbeteiligung, schaffen elf Frauen den Sprung in den Nationalrat. Darunter sind so klingende Namen wie Josi Meier (CVP, LU, 1926–2006), die 1992 erste Ständeratspräsidentin wird, Elisabeth Blunschy (CVP, SZ, 1922–2015), die 1977 erste Nationalratspräsidentin wird, Hedi Lang (SP, ZH, 1931–2004), die Nationalratspräsidentin von 1982, oder Lilian Uchtenhagen (SP, ZH, 1928–2016), die 1983 als erste Frau von ihrer Partei als Bundesratskandidatin nominiert, aber von der bürgerlichen Ratsmehrheit nicht gewählt wird; statt ihr macht Otto Stich (SP, SO, 1927–2012) das Rennen. Einzige Ständerätin wird die Genfer Grossrätin Lise Girardin (FDP, 1921–2010).

Die Sache mit den Appenzellern

 Landsgemeinde in Trogen AR, 1968: «Tschuldigung, Fräulein, das ist Männersache.»

Erst im November 1990 führt mit dem Kanton Appenzell-Innerhoden der letzte Kanton das Frauenstimmrecht ein – und dies auch erst auf Geheiss des Bundesgerichts. Sieben Monate zuvor lehnten die Männer eine solche Vorlage an der Landsgemeinde noch ab.

Die erste Bundesrätin

Bundesrätin Elisabeth Kopp bei der Vereidigung am 2.Oktober 1984.

Elisabeth Kopp (heute 84, FDP, ZH) schafft 1984 als erste Frau den Sprung in den Bundesrat. Zehn Jahre zuvor wurde sie in Zumikon ZH mit 80Prozent der Stimmen erste Gemeindepräsidentin der Deutschschweiz.

Der Kampf der Frauen im Kino

Der Kampf der Schweizer Frauen um mehr Mitbestimmung findet auch seinen cineastischen Niederschlag. Neustes Beispiel ist der Film «Die göttliche Ordnung» mit Marie Leuenberger (41) in der Hauptrolle, der 2017 in die Schweizer Kinos kommt. Mit rund 360000 Kinoeintritten liegt der Film von Petra Volpe (50) auf Platz 8 der erfolgreichsten Schweizer Filme.

Stimmbeteiligung

Bei der Abstimmung über das Frauenstimm- und -wahlrecht am 7.Februar 1971 schreiten 57,7Prozent der Männer an die Urne. An den bis heute folgenden 149 eidgenössischen Abstimmungssonntagen – Wahlen nicht eingerechnet– liegt die Stimmbeteiligung lediglich sechs Mal höher: am höchsten am 6.Dezember 1992 (EWR-Abstimmung) bei 78,7Prozent, am 20.Oktober 1974 (2.Überfremdungsinitiative) bei 70,3Prozent und am 26.November 1989 (Schweiz ohne Armee) bei 69,2Prozent.

Romandie first

In neun Kantonen sind die Frauen schon vor dem 7.Februar 1971 stimm- und wahlberechtigt. Pionier ist der Kanton Waadt (ab 1959), gefolgt von Neuenburg (1959), Genf (1960) und Basel-Stadt (1966), dem ersten Deutschschweizer Kanton.

Das Buch zum Jubiläum

50 Jahre nach Einführung des Stimm- und Wahlrechts in der Schweiz ziehen 25 Frauen Bilanz. Es sind Texte von und Interviews mit Schweizer Frauen aller politischer Richtungen und jeden Alters, darunter Viola Amherd (58), Gardi Hutter (67), Elisabeth Kopp (84), Christa Rigozzi (37), Ellen Ringier (69), Regula Stämpfli (59) oder Petra Volpe.

Isabel Rohner, Irène Schäppi (Hrsg.): «50 Jahre Frauenstimmrecht – 25 Frauen über Demokratie, Macht und Gleichberechtigung», Limmat Verlag.