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Das Wiener Geflecht ist der grosse Trend auf Stühlen, Schränken oder Lampen. Doch wer hat es erfunden? Und was passiert, wenn es mal kaputtgeht?

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Heiner H. Schmitt
11. Juni 2021
Die Rattan-Stränge sind nach ihrer Dicke gebündelt. Je nach Lochgrösse braucht es eine bestimmte Breite.

Die Rattan-Stränge sind nach ihrer Dicke gebündelt. Je nach Lochgrösse braucht es eine bestimmte Breite.

Es wirkt wie ein Zauber: Mit einem Wiener Geflecht sieht alles stilvoll und leicht aus. Ganz egal, ob Stuhl oder Heizungsabdeckung. Das jahrhundertealte Muster erlebt gerade einen grossen Boom. Das zeigt sich nicht nur in den Möbelhäusern, sondern auch an den Reparaturen. Nicht etwa, weil es so schnell kaputtgeht. Wiener Geflecht ist robust.

Flechten, ohne zu sehen

Aber statt die Möbel wegzuwerfen, tragen sie die Kunden scharenweise in die Werkstatt. Wiener Geflecht ist eben etwas fürs Leben. Die «irides AG» in Basel hat sich auf die Erneuerung dieses Gewebes spezialisiert. Und zurzeit wird das Unternehmen mit Aufträgen überhäuft. Beat Stahlberger (51), Teamleiter der Sesselflechterei, weist alle freundlich auf die längeren Wartezeiten hin.

So kommen die Stühle in der Basler Sesselflechterei an. Das gerissene Geflecht wird herausgeschnitten und vollständig entfernt.

Bei «irides» arbeiten Menschen mit einer Sehbehinderung. Der Betrieb gehört zur 1898 gegründeten Stiftung Blindenheim Basel. Ihr Ziel ist es, dass blinde, seh- und hörsehbehinderte Menschen der Region ein selbstständiges Leben führen können. Für Sehende ist es schwer vorstellbar, wie jemand, der blind ist, ein solches Muster flechten kann. Doch mit dem Gefühl in den Fingerspitzen entsteht Stück für Stück dieses faszinierende Gewebe, das auch Jonc heisst. Es besteht aus Rattan-Strängen, die vor dem Flechten in Wasser eingeweicht werden, was sie elastischer macht. Bevor ein Strang zum Einsatz kommt, zieht «irides»-Mitarbeiter Marc (39) ein paar Mal kräftig daran. Wenn er nicht reisst, ist das Stück robust genug für die Verarbeitung. Der tätowierte ZZ-Top-Fan kann noch sehen, aber sehr unscharf. Eine runde Sitzfläche schafft er in zwei bis drei Tagen. «Wenns pressiert, geht es auch an einem Tag. Doch das ist anspruchsvoll», erklärt er.

Marc schafft eine Sitzfläche in zwei bis drei Tagen.

Auch Beat Stahlberger musste das Flechten erst erlernen, als er vor 20 Jahren hier im Betrieb anfing. «Ich habe ein paar Wochen gebraucht.» Doch ohne hinzusehen, geht es trotz der vielen Erfahrung nicht: «Mit geschlossenen Augen bin ich kläglich gescheitert.»

Wiener Geflecht

Bei Livique

Ob Sideboard, Schrank, Nachttisch oder Stühle: Im Einrichtungshaus Livique finden Sie zeitlose Möbel mit dem berühmten Wiener Geflecht. Zum Beispiel das Highboard Nissa, 110 × 58 × 175 cm, Fr. 1199.–, gibts in allen Livique-Filialen. Ein Blick auf die Webseite lohnt sich ebenfalls. Wiener Geflecht finden Sie unter dem Stichwort «Rattan» auf: www.livique.ch

Man kann Wiener Geflecht auch auf Rollen kaufen, gewoben von einer Maschine. Ein Stück davon wird zurecht- geschnitten und eingeklebt. «Das macht man bei Stühlen mit einer Nut», weiss Stahlberger. Die Sitzflächen sind oft von Hand geflochten. Der Rattan-Strang wird dabei von Loch zu Loch geführt. Man bezahlt für solche Arbeiten einen Preis pro Loch. Bei «irides» beträgt er Fr. 2.25. «Ein Thonet-Stuhl hat zum Beispiel um die 80 Löcher.» Das wären dann Fr. 180.–. Eine geklebte Fläche ist günstiger.

Die berühmten Thonet-Stühle haben dem Geflecht zu seiner Popularität verholfen. Der Erfinder dieser Stühle, Michael Thonet (1796–1871) kam aus Wien, deshalb der Name. Doch die Erfindung des Geflechtes kann er sich nicht auf die Fahne schreiben. Diese Art, mit Rattan zu arbeiten, kommt nicht aus Europa, sondern aus dem asiatischen Raum. Die luftige Sitzfläche ist bei hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit viel angenehmer als Polster oder Holz. Händler brachten Idee und Material nach Europa. Und schon vor den berühmten Kaffeehausstühlen zierte Geflecht barocke Sessel oder auch Betten.

Beat Stahlberger rät, es regelmässig mit einem nassen Tuch auf der rauen Rückseite zu befeuchten. Rattan kann bei trockener Luft und grosser Hitze spröde werden. Verschmutzungen lassen sich auch leicht mit Wasser und einem Tuch reinigen. «Man sollte sich aber keinesfalls auf die Stühle stellen! Solche Flächen vertragen Punktbelastungen sehr schlecht und können dann reissen», gibt Stahlberger zu bedenken. Mit der richtigen Pflege hält Rattan Jahre oder sogar Jahrzehnte lang. Das Material bekommt mit der Zeit eine wunderbare Patina. Und sollte doch mal etwas kaputtgehen, kann so ein Möbel einfach repariert werden. Das macht es nicht nur stilvoll, sondern auch nachhaltig.

Im «irides»-Laden «ybligg» in Basel kann man beim Flechten zuschauen: www.irides.ch