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Bei Seelenverwandten

Reisen wird wieder einfacher. Zum Beispiel rückt München demnächst ein weiteres Stück näher an die Schweiz heran – zumindest was die Bahnverbindung angeht.

FOTOS
Alexandra Beier
07. Juni 2021
Das Neue Rathaus am Marienplatz in München ist der Sitz des Oberbürgermeisters.

Das Neue Rathaus am Marienplatz in München ist der Sitz des Oberbürgermeisters.

Was lockt Schweizerinnen und Schweizer nach München? «München ist nah», sagt zum Beispiel Patrik Muff (58). Der Schweizer Schmuckdesigner lebt seit 20 Jahren in der bayerischen Hauptstadt und meint mit «nah» weder die geografische Distanz noch die verbesserten Bahnverbindungen (s. Box SBB oben). Er hat festgestellt, dass die Münchner den Schweizern sehr wesensnah sind. «Wenn man wie ich in der Schweiz aufgewachsen ist, hat man punkto Ordnung und Sauberkeit eine gewisse Eichung, die man nicht mehr wegkriegt», sagt Muff. Die Münchner seien genauso, «deshalb fühlt man sich als Schweizer hier schnell wohl».  

Bessere Bahnverbinungen

SBB

Am 13. Dezember 2020 hatten die SBB und die Deutsche Bahn gemeinsam ihr Fernverkehrsangebot zwischen München (D) und Zürich deutlich ausgebaut. Sechs Verbindungen täglich verkehren seither zwischen Zürich und München, nahezu ein zweistündliches Angebot. Die Fahrzeit ab Zürich beträgt vier Stunden. Ab dem Fahrplanwechsel im Dezember 2021 werden es nur noch 3 Stunden 30 Minuten sein – von Zentrum zu Zentrum. Internationale Sparbillette sind bereits ab 25 Franken in der 2. Klasse und ab 36 Franken in der 1. Klasse erhältlich (inkl. Platzreservierung). WLAN-Zugang und Board-Restaurant machen das Reisen komfortabel. Mehr Informationen unter: www.sbb.ch/muenchen

Die aktuellen Corona-Regeln in München findet man hier. Auf der Seite von München Tourismus findet man ebenfalls wissenswerte Informationen. 

Der bunte Schweizer Vogel

Muff gehört in der bayerischen Metropole zur Lokalprominenz. «Ich bin ja auch ein bunter Vogel», sagt er von sich selbst und spielt damit auf die vielen Tattoos an, die seinen Körper zieren und die ihn von den meisten seiner Generation unterscheiden. Dabei sie sind ganz praktisch, seine Tattoos. Auf die Frage, wie lange er verheiratet sei, sagt Muff: «Da muss ich jetzt schnell auf meinem Körper nachsehen, ich habe es irgendwo eintätowiert …» Das klingt etwas ausgeflippt, aber Muff hat auch eine ganz bürgerliche Seite. Seit 13 Jahren ist er mit der Münchnerin Bele (45) verheiratet, zusammen haben sie zwei Kinder, Otto (15) und Anna (10), und leben in einem Einfamilienhausquartier im Münchner Stadtteil Ramersdorf. Sein Schmuckatelier betreibt er in der Lederergasse im Zentrum der Stadt. Muff sagt von sich: «Ich bin geerdet hier.»  

In München kennt man den Schweizer Designer. Und Patrik Muff kennt die Münchner. Hier ein Bekannter, dort ein Freund, der eine Bar betreibt, daneben der Kollege, «bei dem ich meine Klamotten kaufe». Auf der Suche nach einem Ort fürs Fotoshooting schlägt Muff ein Kaffeehaus vor, das sich in einer oberen Etage befindet. Auf den Einwand der Fotografin, dass man dort die Fenster nicht mehr öffnen dürfe, meint Muff: «Ach, das geht schon. Ich kenne den Besitzer.» Man kennt sich eben in München. 

Seit 20 Jahren lebt der Schweizer Patrik Muff in München.

 

«Ich bin geerdet hier.»  

Patrik Muff

Das ist die traditionelle Seite der Stadt, die mit 1,5 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern zwar eine Grossstadt ist, aber auch viel dörflichen Charakter hat. Es gibt aber auch die andere Seite Münchens. Die wilde, unkonventionelle, alternative. Und die Politik macht mit. Beispiel Veloförderung: «Da hat sich viel getan in den letzten Jahren», sagt Christian Dechant (54) von den Spurwechsel Stadtführungen. Er bietet Fahrrad-Touren durch München an und freut sich, dass München sein Radnetz deutlich ausbaut. Die Stadt scheut sich auch nicht, entlang von Strassenzügen ganze Parkplatz-Reihen oder sogar Fahrspuren für Autos aufzuheben, um dort Velospuren zu markieren. «Das ist schon bemerkenswert für eine Stadt, in der sich zum Beispiel auch der Hauptsitz der bayerischen Motorenwerke befindet, also BMW», anerkennt Dechant.   

München mit dem Velo zu erkunden, drängt sich deshalb fast auf, ob als geführte Tour oder selbstständig. Die Distanzen sind gut mit dem Rad zu bewältigen und München ist flach. Wer das Velo scheut, der findet auch «Wanderrouten», die einen zu den wichtigsten Orten ausserhalb des Zentrums führen, denn München bietet über Viktualienmarkt, Hofbräuhaus und Marienplatz hinaus noch viele weitere Attraktionen, die einen Besuch wert sind. Zum Beispiel das Gärtnerplatzviertel. In diesem belebten Stadtteil sind Singles ebenso zu Hause wie kinderreiche Familien, Alt trifft auf Jung, Hetero auf Schwul und Lesbisch. Kultige Bars, Kneipen und Szenelokale machen das Quartier auch zu einem Ausgehviertel. Oder das Kunstareal zwischen Königs- und Karolinenplatz mit seinen 18 Museen und Ausstellungshäusern. Dort steht unter anderem das neue Dokumentationszentrum über die Zeit des Nationalsozialismus, das sich mit den Ursachen und Folgen der NS-Diktatur auseinandersetzt.

Die Frauenkirche zählt zu den Wahrzeichen der Stadt.

Der Stadtteil um den Gärtnerplatz gehört zu Münchens buntesten Quartieren.

Künstler und noch mehr Schweizer

Ein innovatives Projekt entsteht im Werksviertel, direkt am Ostbahnhof. Auf einem 40 Hektaren grossen Gelände, das entspricht etwa 60 Fussballfeldern, bekommt München einen neuen Stadtteil. Wohnen und arbeiten sollen hier ebenso möglich sein wie ausgehen und Sport treiben. «Das Projekt ist sehr urban, vielfältig und nachhaltig», erklärt Pressereferentin Corinna Böck (29).

Der Name Werksviertel klingt nach Arbeit und entstand natürlich nicht zufällig. Auf dem Areal wurde früher industriell gearbeitet. Pfanni produzierte hier bis 1996 seine Kartoffelknödel, Optimol seine Schmieröle und Zündapp seine Motorräder. Heute fühlen sich vor allem im Werksviertel-Mitte Start-ups ebenso wohl wie Künstler. Sogar Landwirtschaft wird betrieben. Acht Schweizer, und damit schliesst sich der Kreis der Helvetier in München, sind auf einer 2500 Quadratmeter grossen Grünfläche auf dem Dach des früheren Produktionsgebäudes mit dem Namen «WERK3» an der Arbeit: Die Walliser Schwarznasenschafe halten als Rasenmäher die Dachbegrünung kurz.

Für München bemerkenswert: Für die Veloförderung müssen sogar die Autos Platz machen.

 

Nicht verpassen

München für Geniesserinnen und Geniesser

Münchens wichtigste Attraktionen sind der Viktualienmarkt, das Hofbräuhaus und der Marienplatz mit dem neugotischen Rathaus. Dazu kommen zahlreiche Museen, denn bis zum Ersten Weltkrieg war München die zweitwichtigste europäische Kunststadt nach Paris. Darüber hinaus gibt es noch weitere Dinge, die man sich nicht entgehen lassen darf. 

WO ESSEN?  
Auch wenn er Klinglwirt heisst und nicht Klinglwirtin, das Lokal ist fest unter weiblicher Leitung. Es gilt als erstes Bio-Wirtshaus Münchens und bietet traditionelle bayerische Küche. Ebenfalls bayerische Kost gibt es beim Augustiner Klosterwirt. Wo vor fast 700 Jahren schon Bier gebraut wurde, bekommt man heute auch Wein. Eine lebendige, alternative Stimmung findet man im Preysinggarten, einer der ältesten Gastwirtschaften im Stadtteil Haidhausen.
Auch zu empfehlen: der Augustiner Klosterwirt und der Preysinggarten.

WO WOHNEN?  
Wer aufs Portemonnaie achten möchte, findet in der Jugendherberge München-Park eine günstige Unterkunft ab 27.90 Euro für Übernachtung mit Frühstück. Economy-Preise bietet auch das «gambino hotel» im Werksviertel-Mitte. Zweckmässig  eingerichtete Zimmer ohne  Frühstück sind dort ab 64 Euro zu bekommen. Wers es gerne luxuriöser hat, der findet im Fünf-Sterne-Bereich den Bayerischen Hof, keine zehn Gehminuten vom Hofbräuhaus entfernt. Die Preise für ein Doppelzimmer (mind. 30 Quadratmeter) starten bei 330 Euro, die Suiten-Preise sind vierstellig. Zentral liegen auch die beiden anderen Fünf-Sterne-Hotels von München, das Vier Jahreszeiten Kempinski und das Mandarin Oriental. Als Geheimtipp gilt das Hotel Opera. Im Vier-Sterne-Hotel  kostet das Doppelzimmer  ca. 170 Euro pro Nacht.  

WO AUSGEHEN?  
Wer einen guten Drink in super Ambiente mag, ist in der Falk’s Bar im Hotel Bayerischer Hof an der richtigen Adresse. Im Nightclub des Bayerischen Hofs kommen Jazzfreunde auf ihre Kosten. Kultig und bei Jungen beliebt ist die Alte Utting. Ein ausrangierter Ausflugsdampfer vom Ammersee steht heute auf einer Brücke. Wo unten der Verkehr mehrspurig durchrauscht, trinken oben  Partygänger Bier und Wein. Sehr angesagt sind Rooftop-Bars. Zu empfehlen ist zum Beispiel das Hotel Flushing Meadows oder die M’Uniqo Bar & Dacherterrasse im 12. und 13. Stock des Hotels Andaz München. Wer sich auf den Spuren der Münchner Künstler bewegen möchte, tut dies vorzugsweise im Cafe Luitpold. Hier gründete  sich die Künstlervereinigung Blauer Reiter, die als Wegbereiterin der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts gilt. Zu erwähnen sind aber auch die gute Küche, die Kuchen und Pralinen. Auch in München ist die Pandemienoch nicht ganz vorbei. Vieles ist nur mit negativen Test oder für Geimpfte bzw. Genesene möglich.