Das Freilichtmuseum Muggiotal | Coopzeitung
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Das Freilichtmuseum Muggiotal

Das Muggiotal im Tessin ist das südlichste Tal der Schweiz. Wer es kennenlernt, kann sich seiner Geschichten nicht entziehen.

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Andrea Meier
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Andrea Meier
26. April 2021

Da ist zum Beispiel die Geschichte der Nevère, der steinernen Schneekeller aus früheren Zeiten. Eine Nevèra ist ein Rundbau aus Naturstein mit einem bis zu vier Meter tiefen Keller. Den füllte man im Winter mit gepresstem Schnee, darauf kam eine Schicht mit Laubblättern zur Isolation. Das klingt heute exotisch, aber vor einigen Jahrzehnten schneite es im südlichsten Zipfel des Tessins regelmässig, erklärt Mark Bertogliati (39), Kurator des Ethnografischen Museums in Cabbio. Im Laufe des Jahres sankt das Schneeniveau zwar ab, aber die Nevèra blieb kühl genug, damit die Bauern ihre Milch dort lagern konnten. «Aus Experimenten in neuerer Zeit weiss man, dass der letzte Schneerest in einer Nevèra bis in den Oktober gehalten hat», sagt Bertogliati. Die ältesten Dokumente, die von Nevèren berichten, stammen aus dem 18. Jahrhundert. Man geht aber laut Bertogliati davon aus, dass die Nevère viel älter sind, nur hielt es niemand für nötig, Aufzeichnungen darüber zu erstellen.

Bruzella–Bruzella

An-/Abreise: mit Bahn und Bus bis Bruzella, Paese, gleiche Route retour.
Schwierigkeit: einfach
Technik: 1 von 5
Kondition: 2 von 5

Strecke: 8,5 km
Dauer: 2 Std. 50 Min.
Aufstieg: 500 m
Abstieg: 500 m

Auf den Spuren der Vogelfänger

Oder – eine weitere Geschichte – die Sache mit dem Vogelfang, der im Muggiotal eine lange Tradition hat. Im sogenannten Roccolo, einer Vogelfanganlage, fingen die Menschen früher Singvögel, die sie verkauften oder verspeisten. Durch eine ausgeklügelte Lock- und Fangtechnik fingen die Jäger die Vögel auf ihren Zugrouten über das Muggiotal ab. Der Unterhalt dieser Roccoli war allerdings nicht ganz billig, der Vogelfang dürfte deshalb eher dem Vergnügen der Wohlhabenden gedient haben und nicht der Ernährung der breiten Bevölkerung.

Das Muggiotal, das Tal mit den Doppelkonsonanten: Blick auf die Orte Muggio und rechts daneben Cabbio. In der Senke unten fliesst die Breggia talabwärts an Bruzella und Caneggio vorbei in den Comersee.

Das Muggiotal mit seinen vielen Wanderwegen hält noch weitere Geschichten bereit. Auf einer Rundwanderung kommen Filmemacherin Andrea Meier (50) und ich an Kastanienselven vorbei und an der letzten Mühle im Tal, die wieder in Betrieb ist. Schon kurz nach Bruzella wechseln wir die Talseite. Wir verlassen den Weg nach Cabbio und steigen durch den steilen Wald in die imposante Schlucht ab, die der Breggiafluss in den Kalk gefressen hat. Am gegenüberlegenden Hang müssen wir wieder gute 100 Höhenmeter steil aufsteigen, nach Casima. Die Route führt direkt durch das malerische Dörfchen. Ab Casima folgt der Wanderweg ohne grosse Höhenunterschiede der Bergflanke – immer mit Blick auf Cabbio und Muggio.

Nach rund eineinhalb Stunden sind wir in Tur dell’Alpe, einer kleinen Alp, auf der man das terrassierte Gelände gut erkennt. Um im steilen Gelände kleine Ebenen zu schaffen, auf denen sie etwas anpflanzen konnten, hatten die Bauern das Land einst zu Terrassen geformt. Daneben erkennt man die typischen Kastanienselven, die viele Jahre sich selbst überlassen waren und die man jetzt wieder kultivieren will. Dazu muss man alle anderen Bäume fällen, damit zwischen den Kastanien Weideland entstehen kann. Das soll die Landwirtschaft ergänzen und die Biodiversität fördern.

Polenta aus der Mühle von Bruzella

Einen Besuch wert ist kurz nach der Alp die kleine Kapelle San Giovanni, die Kapelle von Johannes dem Täufer. Der schlichte Bau wird 1582 erstmals erwähnt. In ihr findet man Stuckaturen und Fresken aus dem 18. Jahrhundert, eine Altartafel aus dem 17. und eine Madonna aus dem 16. Jahrhundert.

Das Mühlrad der Mühle von Bruzella, das seit 25 Jahren wieder in Betrieb ist. Die Mühle liegt direkt am Wanderweg.

Via Muggio erreichen wir schliesslich Cabbio, wo sich das ethnografische Museum befindet. Es will das Wissen über das einstige Leben im Muggiotal erhalten – aber auch die Bauten. Das Museum versteht sich als Zentrum des Freilichtmuseums Muggiotal. Unter anderem gehört die historische Mühle von Bruzella dazu, an der wir etwa zwanzig Minuten später vorbeiwandern. In ihr wird wie in früheren Zeiten Mais

gemahlen, der seltene rote Tessiner Mais. Er galt als ausgestorben, ehe die Organisation Pro Specie Rara doch noch einige Körner fand. Heute wird die seltene Sorte wieder angebaut. «Einen Namen?», fragt Müllerin Irene Petraglio (59) zurück. «Nein, einen Namen hat der Tessiner Mais nicht. Mais rosso del Ticino halt.»

Petraglio hält die alte Mühle am Breggiafluss, von der 1298 erstmals berichtet wird, seit 25 Jahren am Laufen. Gelernt hat sie die Müllerei autodidaktisch. Der Architekt, der die Mühle 1996 restauriert hatte, konnte ihr nur sagen, dass die Mühle funktioniere. Wie, das müsse sie selbst herausfinden. Sie fand es heraus, auch mithilfe des alten Müllers. Seither machen Irene Petraglio und ihre Mitarbeitenden Polentamehl, 20 Tonnen pro Jahr. Wer mehr wissen will, der erhält auch eine Führung. Petraglio demonstriert ihre Arbeit wortgewandt auf Italienisch, Französisch und Schweizerdeutsch.

Die letzten eineinhalb Kilometer bis nach Bruzella führen wieder durch dichten Wald. Man kann sich kaum vorstellen, dass das heute stark bewaldete Tal zur Zeit der Industrialisierung fast kahl war. Aus dem Holz wurde Holzkohle gemacht und diese als Brennstoff nach Como (I) und Mailand (I) verkauft. Noch so eine Geschichte, der man im Muggiotal begegnet.