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Das kleine Paradies

Es ist nicht der Nabel der Welt. Und doch würden viele gerne nach Kammersrohr SO ziehen. Die kleinste Gemeinde der Schweiz ist wunderschön gelegen und beherbergt nur 32 Einwohner. Aber die setzen sich für ihr Dorf ein.

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Daniel Desborough
26. April 2021

Schweizer Dörfli

Die Kleinsten der Kleinen

Es existieren viele kleine Dörfer in der Schweiz. In den Medien geistert immer wieder Zumdorf UR mit seinen drei Einwohnern als «offiziell kleinste Gemeinde der Schweiz» herum. Aber gemäss Angaben der Raumnomenklatur des Bundes, die sich auf Erhebungen von 2019 stützen, führt Kammersrohr SO mit 32 Einwohnern die Liste der Kleinsten an, vor Bister VS mit 33 und Schelten BE mit 35 Einwohnern. Schon ein Todesfall oder eine Geburt kann die Reihenfolge also auf den Kopf stellen.

Gerade wenn man meint, dass sich die schmale Strasse irgendwo in den Schrunden der ersten Jurakette verliert, taucht mitten im Nichts eine Ortstafel auf: Kammersrohr. Die zuständige Behörde hätte auch schreiben können: Paradies. So zumindest bezeichnet Alissa Vessaz (29), die Gemeindeschreiberin der kleinsten Gemeinde der Schweiz, ihren Ort. Sie wohnt in einem der 14 Haushalte von Kammersrohr. Zu ihrem Nebenamt kam die Sozialpädagogin wie die Jungfrau zum Kind: «Als ich herzog, klopfte der Gemeindepräsident an meine Türe. Als er wieder ging, war ich Gemeindeschreiberin. Das ist jetzt acht Jahre her», grinst die Frau.

Alissa Vessaz (29), Gemeindeschreiberin der kleinsten Gemeinde der Schweiz.

 

«Klar leben wir im Paradies, aber das ist nicht gottgegeben.»

Alissa Vessaz

Der Gemeindepräsident, das ist Ueli Emch (65), einer der drei Bauern der ziemlich genau einen Quadratkilometer grossen Gemeinde. Er wirkt wie ein sehr gutmütiger Bär. Gemeindepräsident von Kammersrohr aber war das Letzte, was er werden wollte: «Doch weil mein Vorgänger unverhofft starb und der Vize längere Zeit im Ausland weilte, wollte uns der Kanton unter Zwangsverwaltung stellen. Klar, da bin ich eingesprungen.» Aus dem Einspringen sind jetzt fünf Jahre geworden. Der dreiköpfige Gemeinderat tagt im Normalfall vier Mal pro Jahr und bestimmt über ein Budget, das sich meist unter 150 000 Franken bewegt. Die Gemeinderatssitzungen finden bei Kaffee und Kuchen im Wohnzimmer von Emchs Vorgänger statt. Denn das Gemeindehaus, das einmal als Schulhaus geplant war, ist heute ein Wohnhaus. «Noch geht es uns gut, noch fallen keine gröberen Investitionskosten an», sagt Emch. Der Steuerfuss liegt bei 65 Prozent und damit das so bleibt, greift er selber zu Schaufel, Pickel und Schalbrettern, wenn beispielsweise beim Gemeindehaus eine Mauer erneuert werden muss. Die Abstimmungsunterlagen verteilt die Gemeindeschreiberin selber und spart das Porto. «Dieser Gemeinschaftssinn zieht sich wie ein roter Faden durchs Gemeindeleben, man hilft einander», meint sie. Und: «Klar leben wir im Paradies, aber das ist nicht einfach gottgegeben, dessen sind sich die Kammersrohrer bewusst.» Und doch: Seit ein paar Jahren schreibt die Gemeinde Defizite und lebt von der Substanz. «Irgendwann kommen andere Zeiten», meint Ueli Emch lakonisch.

Ueli Emch (65), Gemeindepräsident des kleinen Paradies Kammersrohr.

 

«Noch geht es uns gut, aber es kommen andere Zeiten.»

Ueli Emch

Kein Bauland

Fremde sind in Kammersrohr gerne gesehen. Aber nur als Gäste. Denn es hat hier keine einzige freie Wohnung. Und keinen Meter Bauland. «Das mit dem Bauland haben unsere Vorfahren schon im letzten Jahrhundert so bestimmt», sagt Emch. Er ist darüber nicht unfroh. «Es hat immer wieder Versuche von auswärtigen Spekulanten gegeben, hier Wohnsiedlungen zu errichten; wir wohnen ja nur 15 Autominuten von Solothurn entfernt. Aber das wollen wir nicht und unsere Infrastruktur ist nicht auf Wachstum ausgerichtet.» Der Ort hat schon ewig kein Restaurant mehr. Keine Strassenlampe. Keinen Ortskern. Keinen Laden. Keine Kirche. Keinen Verein. Keine Schule. Keine Bushaltestelle. Keine Feuerwehr. Dafür gibts Rehe, Wildschweine, Luchse, oben am Balmberg einen Wolf und Ruhe, viel Ruhe. Wenn einer stirbt, wird er in Flumenthal SO zu Grabe getragen.

Für die Nachbarsdörfer wäre Kammersrohr eine begehrte Fusionsbraut. Es fanden auch schon Verlobungsgespräche statt. Aber die Braut bekam kalte Füsse. Zu gross wäre der Autonomieverlust, zu hoch würde der Steuersatz steigen. So bleibt es bei einer Kooperation bei verschiedenen Aufgaben wie etwa der Abwasserreinigung, der Feuerwehr, dem Kirchen- oder dem Schulwesen. Und wenn es nach Vessaz, Emch und der Mehrheit der 32 Kammersrohrerinnen und -rohrer geht, wird das auch noch lange so bleiben.

Das Gemeindehaus in Kammersrohr.