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Wandern

Der Reiz der Nacktheit

«Ausziehen» ist angesagt auf Appenzells Wanderwegen. Zwischen Jakobsbad AI und Gontenbad AI sollen die Gäste das Wandern mit nackten Füssen erleben – auf dem Barfussweg. Das ist meistens samtweich.

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Andrea Meier
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Andrea Meier
22. Oktober 2021

Am Bahnhof von Urnäsch AR entfährt den Wanderern zuerst einmal ein grosses «Jöö». Gleich neben den Gleisen befindet sich das Reka-Feriendorf, das für seinen Streichelzoo bekannt ist. Im Aussengehege ist eine kleine Zwerggeiss zu sehen, nicht grösser als eine ausgewachsene Katze. Die Tiere sind ein Magnet für Kinder. Die Anlage ist grundsätzlich für alle offen, nicht nur für Reka-Gäste. In die Gehege hinein, wo man die Tiere streicheln kann, dürfen aber nur Reka- Gäste und auch nur zu bestimmten Zeiten, damit die Tiere genügend Ruhe haben. Am Streichelzoo hat auch Filmemacherin Andrea Meier (51) ihre Freude, die einen kurzen Film zur Wanderung gemacht hat.

Die Route nach Appenzell folgt dem Appenzeller Weg, der als Wanderweg Nr. 44 ausgeschildert ist. Kurz nach Urnäsch überqueren wir ein Moorgebiet, dann taucht der Weg in den Rörenwald ein. Es ist ein zauberhaftes Gelände, weshalb man meint, schon bald müssten Feen hinter einem der Bäume auftauchen. Man könnte juchzen vor Freude, tut es aber nicht, um die Ruhe nicht zu zerstören, die hier herrscht – und um die Feen nicht zu verschrecken. Man weiss ja nie ...

Sommerrodelbahn am Kronberg

Nach rund eineinhalb Stunden erreicht man das Kapuzinerinnenkloster Leiden Christi in Jakobsbad. Schon vor 1676 stand hier eine Kapelle. Das Kloster wurde 1853 gebaut. Im Klosterladen verkaufen die Schwestern heute viele Natur- und Pflegeprodukte sowie Hausspezialitäten, die meisten auf Kräuterbasis. Das Wissen der Schwestern über Gesundheit und Naturheilmittel ist riesig.

Hier sollte man auf jeden Fall barfuss gehen ? die Füsse sind schneller wie- der sauber als die Schuhe: Redaktor Thomas Compagno und Filmemache- rin Andrea Meier auf dem Barfussweg.

In Jakobsbad befindet sich auch die Talstation der Kronbergbahn. Eine Sommerrodelbahn und der Zipline-Park, ein Seilpark mit mehreren Tyroliennes, könnten uns davon abhalten, weiterzuwandern. Doch hier, in Jakobsbad, beginnt der Appenzeller Barfussweg, und auf den haben wir es abgesehen. Ein kleiner Parcours mit unterschiedlichem Untergrund stimmt uns und unsere Füsse schon einmal auf die folgenden Kilometer bis Gontenbad ein. Kurz danach kneipen und erfrischen wir unsere Füsse im kalten Wissbach.

Eigentlich ist der Barfussweg über weite Strecken samtweich. Man geht viel über Wiesen, gelegentlich auf festgetretener Erde oder durch Matsch. Das alles schmeichelt den Füssen, kitzelt sie vielleicht, fühlt sich aber kühl und angenehm an. Sogar die asphaltierten Abschnitte lassen sich barfuss gut begehen, das haben wir früher als Kinder den ganzen Sommer gemacht. Doch manchmal besteht der Untergrund aus spitzen Kieselsteinen oder aus grobem Kies. Das fühlt sich dann an, wie wenn man im Kinderzimmer auf einen Legostein tritt. Der Schmerz schiesst von der Sohle in den Körper, dass einem die Tränen kommen. Dann merkt man, wie wenig widerstandsfähig unsere ständig in Schuhe gepackten Füsse sind. Glücklicherweise haben die Bauern ihre

Zäune überall einen Meter nach innen versetzt. So bleibt neben dem Kiesweg häufig ein schmaler Gras- streifen zum Barfusswandern.

Die Kur für die Füsse

Wer barfuss geht, der tut seinem Körper etwas Gutes. «Man regt die Durchblutung an durch die Kalt-Warm-Abwechslung und die diversen Untergründe, man aktiviert die Fussreflexzonen und trainiert die vielen kleinen Muskeln, die sich im Fuss und im Unterschenkel befinden», erklärt Jasmin Kölbener (29), die als medizinische Masseurin in Teufen AR arbeitet und den Barfussweg gut kennt.

Eine neugierige Zwergziege im Streichelzoo des Reka-Feriendorfs Urnäsch.

«Da wir im Alltag meistens Schuhe tragen, sollten wir zu Hause ab und zu darauf verzichten und den Füssen mehr Freiheit gönnen.» Die Füsse danken es uns, ist Jasmin Kölbener überzeugt, denn meist würden wir ihnen zu wenig Aufmerksamkeit schenken, «obwohl sie uns täglich problemlos durch den Alltag tragen. Wir klagen erst über unsere Füsse, wenn sie uns Schmerzen bereiten».

Vor Gontenbad macht der Wanderweg einen Bogen um den Golfplatz. Aus Rücksicht auf die Golfer solle man den Golfplatz nicht überqueren, zudem bestehe die Gefahr, dass man von Bällen getroffen werde: «Ond seb fuered!», mahnt eine Tafel am Rand des Greens.

In Gontenbad, nach gut fünf Kilometern, waschen wir den Schlamm von unseren Füssen ab und ziehen die Schuhe wieder an. Ein wohliges Gefühl, auch wenn man sich nach einer Wanderung normalerweise genau aufs Gegenteil freut: nämlich die Wanderschuhe auszuziehen.

Infos zum Barfussweg unter: www.appenzell.ch/barfussweg

Wanderung

Urnäsch-Appenzell

An-/Abreise: Mit der Bahn via Gossau SG oder St. Gallen bis Urnäsch, dann ab Appenzell wieder mit der Bahn via Gossau oder St. Gallen zurück.
Schwierigkeit: leicht
Technik: 1 von 5
Kondition: 2 von 5

Strecke: 14,5 km

Dauer: 3 Std. 50 Min.

Aufstieg: 380 m

Abstieg: 420 m