Die Eroberung der Gipfel | Coopzeitung
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Titelgeschichte

Die Eroberung der Gipfel

Sie haben etwas Magisches, auch wenn es nur eine Zahl ist: die Viertausender der Schweiz. Jene 48 Alpengipfel, die höher sind als 4000 Meter und bei denen Schönheit und Drama so nahe beieinanderliegen.

06. August 2021
Challenge geschafft: Die Coop-Frauenseilschaft auf dem Gipfel des Breithorns auf 4164 m ü. M.

Challenge geschafft: Die Coop-Frauenseilschaft auf dem Gipfel des Breithorns auf 4164 m ü. M.

Am 14. Juli 1865 besteigt der englische Abenteurer Edward Whymper (1840–1911) mit einer eher zufällig zusammengewürfelten, sieben Mann starken Seilschaft das Matterhorn. Der letzte und damals als schwierigster Gipfel geltende Viertausender der Schweiz ist bezwungen. Eine grandiose Leistung, auch angesichts der Ausrüstung, die damals zur Verfügung stand und die man heute im Matterhorn-Museum in Zermatt VS besichtigen kann. 

Doch zwischen Erfolg und Drama liegt nur ein schmaler Grat: Auf dem Abstieg kommt es zum Unglück, das nie ganz geklärt wurde. Vier der sieben Männer stürzen ab und sterben. Sie sollten nicht die Letzten bleiben, die am Berg der Berge ihr Leben verlieren, auch wenn heute die Sicherungstechnik und der Umgang mit dem Seil viel ausgeklügelter sind als damals. Durchschnittlich 3000 Bergsteiger erklimmen jeden Sommer den Berg, an einem schönen Tag können es bis zu 200 sein. Und jedes Jahr gibt es tödliche Unfälle. Das Matterhorn am häufigsten bestiegen hat der Zermatter Bergführer Richard Andenmatten (1936–2015). Über 850-mal war er oben. 

FRAUENPOWER

100 Prozent Women Peak Challenge

Mit der «100 Prozent Women Peak Challenge» will Schweiz Tourismus Frauen ganz nach oben bringen. Bis am 8. Oktober sollen Bergsteigerinnen alle 48 Viertausender der Schweiz besteigen, und zwar in reinen Frauenseilschaften. «Das Wetter war diesen Sommer zwar keine grosse Hilfe», sagt Liên Burkard (38) von Schweiz Tourismus, «dennoch sind wir zuversichtlich, dass wir die Challenge schaffen werden.» Aktuell (Stand 3. August) sind 44 der 48 Viertausender bereits bestiegen. Unter anderem haben sich mehrere Seilschaften mit Coop-Mitarbeite-rinnen gebildet, die das Breithorn (4164 m ü. M.) bestiegen haben (siehe Bild oben). Ob das Ziel, alle Viertausender zu besteigen, wirklich erreicht wird, lässt sich auf der Website von Schweiz Tourismus verfolgen.

Mehr unter: https://peakchallenge.myswitzerland.com

Ziel: Alle 4000er der Schweiz

Auch 2001 besteigt eine Seilschaft zum ersten Mal das Matterhorn – das erste Mal für die 15-jährige Ariane Stäubli. Sie wünscht sich zur Konfirmation, dass sie diesen 4000er – ihren ersten überhaupt – mit einem Bergführer besteigen darf. Die beiden bewältigen auch den Abstieg unfallfrei – und doch ist das Erlebnis für den Teenager nachhaltig: Ariane Stäubli (35) ist heute Bergführerin, Mutter einer kleinen Tochter und auf dem besten Weg, alle Schweizer 4000er zu besteigen. 40 hat sie bereits geschafft.

Schön wie eine ägyptische Pyramide: Die Dent Blanche, 4357 m ü. M. im Wallis, von Süden im Morgenlicht fotografiert. 

«Mein Ziel ist, dass ich die letzten acht auch noch vor meinem 40. Geburtstag schaffe», sagt Stäubli. Die meisten der Gipfel hat sie zudem nicht einfach be­stiegen, sondern überschritten: «Es ist spannender, wenn man den Abstieg auf einer anderen Route macht, als wenn man den gleichen Weg zurückgeht.» Mit anderen Worten: Ist auch sie als Bergführerin nicht davor gefeit, Rekorden und 4000ern hinterherzujagen? Stäublis Antwort ist ein Jein. Natürlich sei ihr Ehrgeiz gross genug, dass sie auch diese letzten acht Viertausender noch besteigen wolle. «Gleichzeitig sagt die Zahl nichts aus über die Schönheit des Berges.» Im Gegenteil: Die 4000 Höhenmeter sind laut Ariane Stäubli für viele Berggänger so wichtig, «dass die meisten überlaufen sind. Es gibt ja nur 48 in der Schweiz».

Stäubli ist privat lieber auf unbekannten 2000ern oder 3000ern unterwegs, wo man auch spannende Kletterpassagen und attraktive Routen finde. «Zum Beispiel die Gross Windgällen in Uri», erinnert sie sich. «Ihre Besteigung ist eine wunderschöne Tour.»

Goldenes Zeitalter des Alpinismus

Die Mitte des 19. Jahrhunderts ist das goldene Zeitalter des Alpinismus in der Schweiz. Vorwiegend britische Alpinisten blasen zum Sturm auf die noch unbestiegenen Gipfel der Schweizer Alpen und heuern dazu einheimische Bergführer an. Meist sind das Hirten, Jäger und Bergbauern, die mit dem Gelände vertraut sind. Ab 1850 organisieren sich diese in lokalen Sektionen. Als Wiege des professionellen Alpinismus gilt St. Niklaus im Wallis. Hier befindet sich auch das erste Bergführermuseum der Welt. 

«Ich muss von Zeit zu Zeit aus der Komfortzone ausbrechen.»

Ariane Stäubli, Bergführerin

Der erste Viertausender-Gipfel, der bestiegen wurde, ist die Jungfrau (4158 m ü. M.), mehr als ein halbes Jahrhundert vor dem Matterhorn. 1811 standen Johann Rudolf (1768–1825) und Hieronymus Meyer (1769–1844), zwei Söhne eines wohlhabenden Textilfabrikanten aus dem Aargau, auf dem Jungfraugipfel. Sie heuerten dafür zwei Älpler und Gemsjäger als Führer und mehrere Träger an. Die Expedition war damals so verrückt, dass ihnen nach der Rückkehr – Gipfelselfies gabs damals noch nicht – zunächst niemand glaubte. 

Die Faszination, einen Viertausender zu besteigen, ist bis heute ungebrochen. Bergführerin Ariane Stäubli findet darin eine Möglichkeit, «aus der Zivilisation auszubrechen, unser strukturiertes, wattiertes Leben mit perfekter Infrastruktur zurückzulassen». In den Bergen finde man noch Wildnis, je höher, desto eindrücklicher. «Das Leben ist dort karg und intensiv, man ist den Witterungsbedingungen ausgesetzt und spürt die eigene Vergänglichkeit. Für mich ist es eine Notwendigkeit, in diese Wildnis hinaufzusteigen und von Zeit zu Zeit aus der Komfortzone auszubrechen.»

500 Höhenmeter abgerutscht

Dass das auch gefährlich sein kann, ist ihr bewusst. Es ist nur ein Monat her, da erfroren zwei Frauen beim Aufstieg zum Balmenhorn (4167 m ü. ​M.), einer zu den Walliser Alpen gehörenden Erhebung in Italien. Ein Wetterumschwung hatte die Gruppe in Schwierigkeiten gebracht. Die Gefahren hat ArianeStäubli auch schon am eigenen Leben erfahren. Vor sieben Jahren ist sie auf einer Skitour abgerutscht und 500 Höhenmeter durch einen Couloir hinuntergeschlittert. Das Knie erlitt damals «Totalschaden», sagt Stäubli. Nur einem guten Chirurgen und einer langen Reha-Phase sei es zu verdanken, dass sie nach einem Jahr wieder berg­steigen konnte. 

So feiert Ariane Stäubli die erfolgreiche Besteigung eines Gipfels: hier auf dem Grat kurz vor dem Piz Sesvenna (3204 m ü. M.) im Val Scharl GR.

Als 18-jähriger Teenager hatte Ariane Stäubli mit einer Freundin beschlossen, den Piz Bernina über den Biancograt im Winter mit Skiern zu besteigen. Weil viel mehr Schnee lag, als sie dachten, erreichten die beiden jungen Frauen den Gipfel erst am späten Nachmittag – zu spät für den Abstieg. «Ohne Wasser und Verpflegung mussten wir die Nacht in ­einer Notschutzunterkunft des geschlossenen Rifugio Marco e Rosa des italienischen Alpenclubs verbringen», erinnert sie sich.

Als Bergführerin hat sie ihre «Sturm-und-Drang-Phase» inzwischen hinter sich gelassen. «Da geht es vor allem darum, Risiken zu managen», sagt Ariane Stäubli. Bergführerin sei ein kommunikativer Beruf, mehr und mehr Gäste wünschen sich, in die Tourenplanung und den Prozess der Entscheidungsfindung einbezogen zu werden. «Wenn ich meinen Gästen erkläre, wie ich zu meinem Entscheid komme, können sie nachvollziehen, warum man manchmal umkehren muss und den Gipfel nicht erreicht. Für einen erfolgreichen Gipfeltag müssen alle Faktoren, also die Verhältnisse am Berg, das Wetter und der Faktor Mensch, stimmen. Schliesslich trage ich die Verantwortung für meine Gäste.»

Viertausender gibts nicht ab Stange

«Einen Viertausender kann man nicht ab Stange kaufen», sagt Ariane Stäubli. Ziel müsse es aber immer sein, den Gästen einen erfüllten Tag in den Bergen zu bieten. «Das kann auch dann der Fall sein, wenn man umkehren muss, ganz nach dem Motto ‹Der Weg ist das Ziel›. Ein magischer Sonnenaufgang, eine tolle Kletterpassage oder Steinböcke am Wegrand sind manchmal genauso eindrücklich wie der Gipfel.»

«Einen Viertausender kann man nicht ab Stange kaufen.»

Ariane Stäubli

In der Schweiz gibt es laut Auskunft von Rita Christen (54), der Präsidentin des Schweizer Bergführerverbandes, rund 1500 Bergführer, darunter – bei den Frauen weiss man es genauer – 42 Bergführerinnen. Die Männerdominanz hat ihre Ursache darin, dass die erste Frau ihr Bergführerpatent erst 1986 machen darf – es ist das Jahr, in dem die kleine Ariane zur Welt kommt, die 15 Jahre später schon auf dem Matterhorn stehen wird. 

Die Kosten für einen Bergführer oder eine Bergführerin liegen bei 650 bis 850 Franken pro Tag als Faustregel. Schwierigere Touren sind teurer, bei einfacheren Touren kann ein Bergführer mehrere Personen führen. Dadurch reduzieren sich die Kosten für den einzelnen Gast.

WISSENSWERT

Wussten Sie, dass...

... die britische Alpinistin Lucy Walker (1836–1916) 1871 als erste Frau das Matterhorn bestieg – und das in einem Flanellrock?

... Maggi Voide-Bumann (65) aus Saas-Fee VS als erste Alpinistin alle 82 Viertausender der Alpen bestieg, 48 in der Schweiz, die restlichen 34 in den französischen und italienischen Alpen?

... das höchstgelegene Gipfelkreuz der Alpen auf der 4634 Meter hohen Dufourspitze in den Walliser Alpen steht? Der Grund: Der Montblanc kommt ohne Kreuz aus.

... die Capanna Regina Margherita auf der Signalkuppe im Walliser Monte-Rosa-Massiv mit 4554 Metern die höchstgelegene und spektakulärste Hütte der Alpen ist? Sie gehört dem italienischen Alpenclub.

... die Schweiz die meisten 4000er der Alpen besitzt? 48 der insgesamt 82 Viertausender blicken auf die Schweiz: 32 liegen ganz auf unserem Staatsgebiet, dazu kommen 16 Grenzberge von über 4000 Metern, die die Schweiz mit Italien teilt.

... das Matterhorn auch einen traurigen Rekord hält? Seit der Erstbesteigung 1865 verging kein einziges Jahr ohne tödlichen Unfall. Über 500 Bergsteiger liessen dort ihr Leben – mehr als an jedem anderen Berg der Welt.