Die Linner Linde geht auf die 1000 zu | Coopzeitung
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Die Linner Linde geht auf die 1000 zu

Auf dem Jura-Höhenweg im Aargau trifft man auf viel Geschichte: auf Spuren der alten Römer, auf den Stammsitz der Habsburger und auf eine uralte Linde.

FOTOS
Andrea Meier
21. Mai 2021

Manchmal muss man kritisieren. Auch als Wanderreporter. Die Route von der Staffelegg AG nach Brugg AG durch den Jurapark Aargau ist ja wunderschön. Aber man muss sie sich verdienen: Die ersten 650 Meter mit 38 Metern Höhenunterschied von der Bushaltestelle bis zum Staffelegg-Parkplatz führen der Hauptstrasse entlang. Das, finden Filmemacherin Andrea Meier (50) und ich, ist nun nicht so toll.

Doch danach gehts steil bergauf. Nicht der Wanderweg, sondern landschaftlich gesprochen. Der Weg verläuft hier in einem wunderschönen Laubwald und führt nur sanft ansteigend nach Osten. Wir befinden uns auf einer der Hauptwanderrouten durch die Schweiz, auf dem Jura-Höhenweg. Er beginnt in Dielsdorf ZH und folgt dem Jurabogen via Biel BE und La-Chaux-de-Fonds NE bis nach Nyon VD am Genfersee. Natürlich kann man den Höhenweg in beide Richtungen wandern.

Landschaft von Flurnamen geprägt

Wird der Wald zwischendurch lichter, hat man auf dem Jura-Höhenweg einen tollen Blick nach Süden ins Aaretal oder nach Norden ins Fricktal. So mancher Flurname lässt erkennen, was früher mal war: Auf der Stiermatt hatten die Bauern wohl einst ihre Stiere weiden lassen und auf dem Schafmättli ihre Schafe. Was beim Chatzewinkel passiert sein muss, bleibt der Fantasie überlassen, und auf der Chillholzweid hätte die bäuerliche Jugend vermutlich gechillt – wenn das damals schon Mode gewesen wäre.

Eine typische Jura-Höhenweg-Landschaft im Aargau: Wälder und Wiesen (Bild links). Der Bahnviadukt über die Aare bei Brugg: Auf halber Höhe führt ein an Drahtseilen aufgehängter Fussgängersteg durch gewölbte Öffnungen in den Brückenpfeilern.

Was aber wieder stimmt, ist, dass die Polenstrasse, die in Thalheim AG beginnt und bis zum Chillholz hinaufführt, etwas mit Polen zu tun hat. Als Polenstrasse oder Polenweg bezeichnet man Waldwege, Feldwege oder Strassen, die internierte Soldaten der 2. polnischen Schützendivision während des Zweiten Weltkriegs angelegt haben. Polenstrassen und -wege sowie andere Infrastrukturbauten gibt es in vielen Kantonen der Schweiz. Auch das Polenmuseum in Rapperswil SG erinnert noch heute an die schweizerisch-polnische Verbindung. Ob dieser geschichtlichen Episode hätten wir beinahe den Blick zurück zur imposanten Burg Schenkenberg verpasst, die wahrscheinlich aus dem 13. Jahrhundert stammt. Sie diente dem Haus Habsburg einst zur Absicherung ihrer Kerngebiete um den Stammsitz und die Stadt Brugg.

Markante Sommerlinde

Die Wanderroute führt nun wieder in bewaldetes Gebiet. Wir wandern auf dem Grat des Linnerbergs. Unter uns durchqueren die Bahn und ein paar Hundert Meter weiter die Autobahn den Berg. Nach einem kurzen Abstieg sind wir in Linn AG. Hier steht die wohl berühmteste Linde der Schweiz, die Linner Linde. Ihr Alter schätzt man auf 600 bis 1000 Jahre, genauer gehe es nicht, erklärt Lea Reusser (32) vom Jurapark Aargau. Der Baum stand aber möglicherweise schon, als in der Innerschweiz der Bund zwischen Uri, Schwyz und Unterwalden geschlossen wurde, und hat seither so manchen Krieg sowie den Aufstieg und Fall des Hauses Habsburg erlebt, dessen Stammsitz sich in knapp vier Kilometern Luftlinie befindet. Sogar Säure- und Brandanschläge musste die alte Linde wegstecken. «In jüngster Zeit ist es glücklicherweise ruhiger geworden», sagt Lea Reusser. Dank guter Pflege durch Baumpfleger schlägt die Linde jeden Frühling wieder aus, wenn auch etwas später als die jüngeren Linden rund um sie herum. Das ist okay so, denkt man in Linn. Wer auf die 1000 zugeht, darf das Leben etwas gemächlicher angehen.

Eine typische Jura-Höhenweg-Landschaft im Aargau: Wälder und Wiesen. Der Bahnviadukt über die Aare bei Brugg: Auf halber Höhe führt ein an Drahtseilen aufgehängter Fussgängersteg durch gewölbte Öffnungen in den Brückenpfeilern.

Wir verlassen Linn und damit auch den Jurapark Aargau und wandern via Bözberg-Passübergang weiter Richtung Brugg AG. Nicht direkt auf unserer Route, sondern zwischen Bözberg AG und Effingen AG wurden Teile einer Strasse entdeckt, die vermutlich eine Fortsetzung der «Römerstrasse» bei Effingen sind, wie man sie im Volksmund nennt. Archäologische Funde belegen, dass diese bis ins 13. Jahrhundert benutzt wurde, möglicherweise aber schon viel früher durch die Römer. Oberhalb vom Dorf Villnachern AG kommt die um das Jahr 1020 gebaute Habsburg wieder in unser Blickfeld – die Stammburg dieses Fürstengeschlechts, das im 13. Jahrhundert für rund ein halbes Jahrtausend zur mächtigsten Dynastie in Europa aufstieg.

Als die Eidgenossen 1415 den Aargau eroberten, hatten sich die Habsburger in Wien bereits ein weit bedeutenderes Herrschaftszentrum aufgebaut. Doch die Burg steht noch immer stolz auf dem Hügelkamm zwischen Brugg und Schinznach AG und blickt auf die Aare und das nahe gelegene Thermalbad von Schinznach. In Umiken AG verlassen wir schliesslich den Jura-Höhenweg und überqueren unter dem Bahnviadukt die Aare nach Brugg. 

Jurapark Aargau

Regionaler Naturpark von nationaler Bedeutung

Der Jurapark Aargau ist einer von 19 Schweizer Pärken, die sich vor- wiegend im (Vor-)Alpenraum und im Jurabogen befinden. Zum Jurapark Aargau gehört die Hügellandschaft des Ketten- und Tafeljuras zwischen Aarau, Brugg, Laufenburg und Rheinfelden. Typisch sind die wenig verbauten Täler, die trotz ihrer Nähe zu dicht besiedelten Gebieten eine ungewohnte Abgeschiedenheit vermitteln. Dadurch entsteht ein grossräumig zusammenhängender Ausgleichsraum für Menschen, Tiere und Pflanzen. Im Jurapark Aargau gibt es eine grosse Vielfalt an Natur und Kulturgut zu entdecken. Infos unter: www.jurapark-aargau.ch