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Bahnreisen

Die Lust am langsamen Reisen

Die schönsten Gegenden der Schweiz zu bereisen, ist kein Privileg der Autofahrer. Vom Zug aus können alle die Landschaft geniessen. 

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12. Juli 2021
Der Gotthard-Panorama-Express bei Wassen. Im Hintergrund die berühmte Kirche.

Der Gotthard-Panorama-Express bei Wassen. Im Hintergrund die berühmte Kirche.

Wie hatten wir uns gefreut, als 2016 der Gotthard-Basistunnel in Betrieb ging. Zürich–Lugano in nur zwei Stunden. Da hat das Auto das Nachsehen. Nur: Wer durch den Basistunnel rauscht, der verpasst, wie schön die Landschaft ein paar Hundert Meter über dem Tunnel aussieht. Der verpasst auch, wie die Ingenieure in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Steigungen im Reusstal und der Leventina überwunden haben. Der verpasst die Erklärungen der mitfahrenden Reiseleiterinnen und Reiseleiter wie Jacqueline Mantovani (55), die weiss, was links und rechts der Strecke noch zu sehen und erkunden wäre. Und der verpasst auch die Chance zu verstehen, warum Emil in seiner Kultnummer «S’Chileli vo Wasse» die Kirche von Wassen dreimal sieht.

Bahnfahrt und Stadtbummel

Solche Dinge erfährt man nur im Gotthard-Panorama-Express, der zwischen Flüelen UR und Lugano TI auf der alten Gotthard-Strecke verkehrt. Die ganze Panoramafahrt, die mit der Schifffahrt von Luzern nach Flüelen beginnt, lässt sich gut als Tagesausflug machen. Wer sich mehr Zeit nehmen kann und möchte, bucht ein Package mit Übernachtung in Luzern und Lugano, inklusive Gepäcktransport. Die zu Hause aufgegebenen Koffer erwarten einen jeweils im Hotel beim Einchecken.

Im Gotthard-Panorama-Express erklären mitfahrende Reiseleiter den Gästen, was unterwegs zu sehen ist.

In diesem Fall beginnt die Reise mit einem Stadtbummel in Luzern auf eigene Faust, vorbei an der Jesuitenkirche und der Kapellbrücke. Hier erfährt man, dass der Wilde Mann, der als Figur im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit fast überall in Europa auftritt, auch in Luzern präsent ist. Eine Tafel im Bilderzyklus auf der Kapellbrücke zeigt diesen Riesen. Es gab sogar Knochenfunde, die man dem Koloss zuordnete. So entdeckte man 1577 in Reiden LU am nördlichen Rand des Kantons einen gewaltigen Knochen. Der Basler Arzt und Universitätsprofessor Felix Plattner (1536–1614) hielt diesen für den eines Riesen, der fast sechs Meter gross gewesen sein musste.

Erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts erkannte man darin das Schulterblatt eines Mammuts. Damit bröckelte zwar die Geschichte vom Riesen, die Sensation aber blieb: Es war der erste Mammutfund in der Schweiz. Ab Luzern geht es mit dem Raddampfer Uri über den 38 Kilometer langen Vierwaldstättersee bis Flüelen. Im Inneren des Schiffs arbeiten die Motoren. Die Sulzer-Schiffsdampfmaschinen von 1901 sind ein Wunderwerk der damaligen Ingenieurtechnik. Der ruhige Lauf der uralten Mechanik ist noch heute verblüffend. Vorbei an der Rigi streift man die Kantone Luzern, Nidwalden, Schwyz und Uri: In Sichtweite vom Bürgenstock geht es via Brunnen und Rütli bis nach Flüelen, wo der Gotthard-Panorama-Express wartet.

Kluge Linienführung

Während die Schnellzüge in Flüelen noch vorbeirauschen, um kurz vor Amsteg UR im Basistunnel zu verschwinden, fährt der Panorama-Express nun auf der alten Strecke und durch den alten Tunnel. Was bis 2016 Standard war, ist jetzt eine Extrafahrt mit Panorama. Ab Erstfeld UR muss der Zug 700 Höhenmeter bis zum Portal des alten Gotthard-Tunnels überwinden, um im Tessin, zwischen Airolo und dem neuen Südportal bei Bodio, wieder über 800 Höhenmeter hinunterzufahren.

Zum Reiseerlebnis gehört die Schiff-fahrt von Luzern nach Flüelen. Hier steigen die Gäste auf den Zug um 

Eine kluge Linienführung und Kehrtunnels machen dies möglich. «Jeder Kehrtunnel ist etwa 1,5 Kilometer lang. Wir steigen damit circa 40 Höhenmeter hinauf bei einer Steigung zwischen 25 und 28 Promille», erklärt die Reiseleiterin und zeigt ihren «Zaubertrick». Obschon man als Fahrgast glaubt, der Zug fahre geradeaus, «fahren wir im Tunnel einen ganzen Kreis». Dabei hängt sie ein Pendel an die Wagondecke und versetzt es in Fahrtrichtung in Schwung. Schon nach ein paar Sekunden beginnt das Pendel scheinbar die Richtung zu ändern, bis es quer zur Fahrtrichtung schwingt. Das beweist: Die Fahrtrichtung des Zuges hat sich geändert. Und so fährt der Zug dreimal an der Kirche von Wassen vorbei.

Im alten Gotthardtunnel darf der Panorama-Express heute so langsam fahren, dass die Gäste Gelegenheit haben, in kurzen Videoeinspielungen an der Tunnelwand die Geschichte des Baus zu verfolgen. Nach 15 Kilometern Dunkelheit kommt der Zug in Airolo wieder ans Tageslicht. Jacqueline Mantovani erklärt, was man nächstes Mal in der Tessiner Leventina machen kann: In Piotta führt eine Bahn hinauf zum Ritomsee, von wo man ins Pioratal gelangt, in Rodi geht es auf der anderen Talseite per Bahn hinauf zum Lago Tremorgio – von dort kann man zu Fuss bis ins Maggiatal wandern.

Zwischen Lavorgo und Giornico befährt die Bahn die vielleicht spektakulärsten Bahnkehren, ehe man in Biasca die Talsohle erreicht. Hier im Süden fasziniert der Blick auf die kreuzenden Wasserfälle von Santa Petronilla.

Die langsame Schnellverbindung

Zum Reiseerlebnis gehört die Schiff-fahrt von Luzern nach Flüelen.

Die Reisenden sind nun im Süden angekommen, davon zeugen die Flora und die Architektur. In Bellinzona fährt der Gotthard-Express unter dem Castello di Montebello durch, das zum Unesco-Welterbe zählt. Nach Bellinzona folgt der letzte Anstieg zum 554 Meter hohen Monte-Ceneri-Pass. Auch diesen Berg durchqueren die Schnellzüge heute in einem Basistunnel. Nach knapp vier Stunden Bahnfahrt endet die Reise schliesslich in Lugano. Das ist lang im Vergleich mit den modernen Schnellzügen; in dieser Zeit rast man mit ihnen heute von Basel bis Mailand. Mitte des 19. Jahrhunderts, bevor die Schweiz beschloss, einen Tunnel durch den Gotthard zu bauen, brauchte man für diese Reise noch 50 Stunden. 

Grand Train Tour

Im Panorama-Express über den Gotthard

Der Gotthard-Panorama-Express ist eine von acht Panoramastrecken, die sich quer durch das Schweizer Mittelland und die Alpen ziehen und zur Grand Train Tour of Switzerland verbinden lassen. Total 1280 Bahn- kilometer, die an elf grossen Seen und fünf Unesco-Welterbestätten vorbeiführen. Als Package buchbar ist der Gotthard-Panorama-Express ab 430 Franken mit zwei Übernachtungen in einem 3-Sterne-Hotel in Luzern und Lugano, Bahnanreise und -rückreise in der 2. Klasse von zu Hause nach Luzern bzw. Lugano, Schifffahrt 1. Klasse Luzern–Flüelen und Bahnfahrt im 1.-Klasse- Panoramawagen von Flüelen nach Lugano. Im Package inbegriffen ist ein Gepäcktransport.

Mehr unter: www.stc.ch/alpen-rundreisen