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Reportage

Die Tränen des Gärtners

1000 Pflanzen, womöglich mehr, pflegt der Hotelgärtner Martin Russenberger seit 34 Jahren im Park des Hotels Brenscino – gezählt hat er sie nie. Aber wenn eine stirbt, fliessen Tränen.

19. Juli 2021

38 000 Quadratmeter gross ist sein Garten – das entspricht etwa fünf Fussballfeldern – und um die 1000 verschiedene, vorwiegend tropische und subtropische Pflanzen gedeihen darin. Wenn Martin Russenberger (59) von «seinem» Garten spricht, spürt man seine Leidenschaft für die Parkanlage. Dabei gehört sie ihm gar nicht. Besitzerin ist nämlich das Parkhotel Brenscino beziehungsweise die Reka, die Schweizer Reisekasse, der das Parkhotel in Brissago TI seit 2017 gehört. Martin Russenberger pflegt den Garten des Hotels seit 34 Jahren. In dieser Zeit hat er aus einer Wildnis eine strukturierte Parkanlage gemacht.

«Als ich 1987 anfing, gab es hier eine Karrette, eine Schaufel und einen Rasenmäher.»

 

Man kann nachvollziehen, dass Rus- senberger von «seinem» Garten spricht, denn fast alle Pflanzen hat er gepflanzt, sie sind seine «Kinder» – abgesehen von einigen grossen Bäumen, die zum Teil hundert und mehr Jahre alt sind. Doch auch die hat er inzwischen adoptiert. «Als er kürzlich einen 140 Jahre alten sogenannten ‹Affenschwanzbaum› fällen musste, kamen ihm die Tränen», erzählt Hoteldirektor Gregor Beck (49). Der aus Chile stammende Baum war einer der ältesten im Tessin und krank. Ebenfalls Tränen, aber Tränen der Freude, vergoss Russenberger, als er kürzlich bemerkte, wie eine 100 Jahre alte Thuja plicata begann, sich von selbst zu heilen. Weil ihr Stamm ein Loch bekam, fürchtete Russenberger, dass er auch die Zypresse aus Sicherheitsgründen fällen müsse. Doch der Nadelbaum, der ursprünglich aus den USA stammt und auch Riesenlebensbaum genannt wird, fing plötzlich an, das Loch selbst zu schliessen.

Brissago wurde zur Heimat

Was der aus Schaffhausen stammende Landschaftsgärtner in den inzwischen 34 Jahren im Hotel Brenscino geschaffen hat, ist beeindruckend. Dabei wollte er nur zwei Jahre bleiben, um sein Wissen über tropische Pflanzen etwas zu vertiefen. 38 000 Quadratmeter Park, der eine Wildnis war, geben Arbeit für mehr als zwei Jahre. Russenberger hat in Brissago auch privat sein Glück gefunden. Er ist verheiratet und Vater einer Tochter.

«Als ich 1987 anfing, gab es hier eine Karrette, eine Schaufel und einen Rasenmäher», erzählt Russenberger. Heute arbeiten neben ihm auch zwei weitere Angestellte im Park. Im Park gedeihen heimische und nicht heimische, tropische und subtropische Pflanzen, aber auch Gewächse, die man nördlich der Alpen kennt. Palmen aus fast allen Kontinenten findet man, Kamelien und Magnolien, Rhododendren und Azaleen, Bananenstauden und Kiwibäume, den seltenen Baumfarn, eine der ältesten Pflanzen der Welt, und heimische Farne.

Einige Hundert Pflanzen sind angeschrieben, wissenschaftlich korrekt mit dem lateinischen Namen. «Die wissenschaftliche Korrektheit ist das eine», erklärt Russenberger, er hat allerdings mehr den praktischen Nutzen im Auge: «Den lateinischen Namen können alle selbst googeln und dann finden sie den richtigen Begriff in ihrer eigenen Sprache. Sonst müsste ich alles in mehreren Sprachen anschreiben.»

Der Pool ist der Renner

Der Park mit Blick auf den See ist eines der Highlights des Hotels Brenscino, neben dem Swimmingpool, der auch noch in Russenbergers Zuständigkeit gehört. «Der Pool ist im Sommer der absolute Renner», bestätigt Hoteldirektor Beck. Er leitet den Betrieb seit 2017. Wichtig sind ihm eine gute Küche, die Wert auf Regionalität und Saisonalität legt, aber auch auf Qualität. Zu empfehlen sind etwa die diversen Risotti. Bier gibt es aus einer kleinen Tessiner Brauerei, und Cola-Fans bekommen nicht den Klassiker Coca-Cola, sondern das in der Deutschschweiz hergestellte Vivi-Kola.

Seit diesem Jahr können die Gäste das alles auch im neu eröffneten «The Greenhouse – pop-up restaurant» geniessen, das im Gewächshaus eingerichtet ist, in dem Martin Russenberger im Winter neue Pflänzchen aufzieht.